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"Plötzlich merkt man, wie wichtig Miteinander ist"

Trotz Corona blickt Superintendent Tilman Popp mit Zuversicht auf das Weihnachtsfest. Gleichzeitig appelliert er an die Eigenverantwortung der Menschen.

Seit September 2019 ist Tilmann Popp Superintendent im Kirchenbezirk Bautzen-Kamenz. Sein zweites Weihnachtfest in diesem Amt wird ein Besonderes sein.
Seit September 2019 ist Tilmann Popp Superintendent im Kirchenbezirk Bautzen-Kamenz. Sein zweites Weihnachtfest in diesem Amt wird ein Besonderes sein. © SZ/Uwe Soeder

Bautzen. Vollbesetzte Kirchenbänke, Gottesdienstbesucher singen im Kerzenschein „Stille Nacht, Heilige Nacht“: Solche Momente werden zu dieser Weihnacht aufgrund der Pandemie fehlen. Gemeinsam mit Superintendent Tilmann Popp vom Evangelisch-Lutherischen Kirchenbezirk Bautzen-Kamenz hat sich Sächsische.de auf die Suche nach der Weihnachtsbotschaft begeben.

Herr Superintendent Popp, was ist Ihre schönste Kindheitserinnerung an Weihnachten?

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Eine konkrete Erinnerung gibt es gar nicht, aber wir haben Weihnachten immer in Familie gefeiert und zusammen musiziert. Weihnachtsgeschenke hatten wir sicher, im Vergleich zu heute, nicht ganz so viele. Aber ich weiß noch, dass mir einmal mein Vater eine Garage aus Holz und mit Licht gebaut hat. Ich habe nämlich so gern mit Autos gespielt. Das war was Schönes.

Dieses Weihnachtsfest werden die Menschen anders in Erinnerung behalten. Angesichts der sich weiter zuspitzenden Pandemie-Situation muss man fragen: Wie lautet Ihre Weihnachtsbotschaft?

Für mich ist es klar, wir sind in diesem Jahr näher an der Weihnachtsgeschichte dran. Das ist mir gerade nochmal ein Stück bewusster geworden. Wir sind in einer Zeit, wo die Pandemie-Entwicklung bedrohlich ist. Wir machen uns Sorgen. Es geht um die Frage: Was soll kommen? Und keiner kann sagen, wie der Weg gehen soll. Man hat eine Ahnung, aber es gibt ständig Veränderungen. Wenn ich an die Weihnachtsgeschichte denke, ist es genau das Gleiche, was die beteiligten Akteure erleben.

Wie meinen Sie das?

In der Weihnachtsgeschichte sind Maria und Josef auf der Suche nach einer Unterkunft. Sie wissen gar nicht, was kommt und sind auf einem ganz unsicheren Weg. Bei den Hirten geht es um die Verantwortung und die Frage, ob sie ihre Schafe einfach stehen lassen können, um zu Maria und Josef zu gehen. Ist das verantwortungsvoll? Das ist doch eine Frage, die uns ständig derzeit beschäftigt. Die drei Weisen wissen den Weg nicht, sind Suchende und irren ab. Das Analoge erleben wir gerade genauso. Das Gefühl ist: Fürchtet Euch. Wir haben Sorge. Wir haben Angst.

Aber?

Die Botschaft der Weihnachtsgeschichte heißt: Fürchtet Euch nicht. Dieses Wechselspiel ist interessant. Das „Fürchtet Euch nicht“ ist eine starke Kernbotschaft. Das ist unsere Aufgabe in dieser Zeit, die zu Recht von dieser Furcht, Sorge und Unsicherheit getragen ist, zu sagen, es gibt eine andere Seite, die ein Stück tiefer ist. Wenn ich mir dann bewusst werde, über wie viel Jahrhunderte die Weihnachtsgeschichte Menschen schon durch ganz unterschiedliche Zeiten, durch Krisen, getragen hat, dann sehe ich, dass das „Fürchtet Euch nicht“ trägt. Das ist gerade auch eine wichtige Aufgabe von Kirchen, diese Botschaft auf ganz unterschiedlichen Kanälen in die Welt zu tragen.

Nun lautet das Gebot der Stunde: Abstandhalten und Kontaktbeschränkungen. Was empfehlen Sie den Gläubigen mit diesem Hinblick auf die Weihnachtsgottesdienste?

Ich hatte manche Nacht, wo ich überlegt habe, wie wir das Thema lösen sollen. Wir haben als Kirche eine Verantwortung. Ich denke, jeder muss aber für sich selbst entscheiden. Kontaktvermeidung ist wichtig, deshalb bieten wir Unterschiedliches von Online-Formaten über schriftliche Hausandachten, den aufgezeichneten Gottesdienst bis hin zu Live-Stream mit Krippenspiel an. Wir im Kirchenbezirk Bautzen-Kamenz wollen ein lokales Angebot, so dass wir eine Nähe und eine Beziehung zu der Kirche haben. In den einigen-Pflegeheimen der Diakonie gibt es jetzt auch Tablets, wo man Gottesdienste verfolgen kann, oder Hör-Gottesdienste.

Es gibt aber auch Präsenz-Gottesdienste...

In verschiedenen Gemeinden wird es auch Präsenz-Gottesdienste geben. Dazu haben wir die Hygienekonzepte noch einmal verschärft. Viele Kirchen sind groß genug, es gibt ein Anmeldesystem. Ich denke für manche ist es einfach wichtig, in dieser Situation an den Ort zu gehen, wo Menschen über Jahrhunderte hinweg immer in ihrer Not hingegangen sind. Deswegen will ich nicht, dass die Kirchen zu Weihnachten zugemacht werden. Trotzdem kann ich jeden verstehen, der sagt: Ich gehe heute nicht in die Kirche. Auch das ist eine richtige Entscheidung.

Dieses Dilemma entzweit die Gemeinden. Wie kann trotzdem Weihnachtsfrieden einkehren?

Dieses Ausloten unterschiedlicher Meinungen ist derzeit mein tägliches Geschäft. Aber es ist logisch, dass sich in einer solchen Situation nicht alle einig sind. Es gibt einen Rahmen, es ist klar geregelt, was möglich ist und was nicht. Wir tragen Verantwortung, dass jeder, der in die Kirche kommt, auch sicher ist. Natürlich ist das auch ein Ringen, jede Gemeinde ist anders. Für mich ist es wichtig: Alle Kirchen sollen offen sein als Ort, der immer Menschen getragen hat. Ob ein gottesdienstliches Angebot stattfindet oder nicht, muss jede Gemeinde letztlich miteinander aushandeln.

Inwieweit kann Kirche auch eine positive Rolle in diesen ungewöhnlichen Tagen einnehmen, um den Menschen Sinnangebote zu machen, Mut zu geben und sie in schwierigen Zeiten zu begleiten?

Wir als Kirche werden in Wort und Tat gebraucht. Wir müssen die Botschaft weitertragen, zugleich engagieren wir uns ganz praktisch. Wir haben einen Solidarfond eingerichtet. Menschen, die aufgrund der Corona-Krise in Schwierigkeiten geraten sind, können eine Unterstützung beantragen. Über das Pfarramt stellt man den Antrag, ein Auswahlgremium entscheidet über die Hilfe.

Wer sind die Antragssteller?

Künstler zum Beispiel, aber auch Menschen mit Kurzarbeitergeld. Es ist ein Hilfsangebot im doppelten Sinn, da wir immer mit den Kirchenbezirkssozialarbeitern der Diakonie in Verbindung stehen, die zusätzlich nach staatlichen Unterstützungen schauen. An vielen Orten gibt es Nachbarschaftshilfe. Mit solchen Angeboten erden wir die Weihnachtsbotschaft. Wir sind als Christen doch aufgerufen zu handeln. Auch das Gebet ist etwas Wichtiges, wenn man zum Beispiel für Menschen betet, die in Krankenhäusern arbeiten. Es tut manchen Menschen gut, wenn man sagt, dass man sie ins Gebet einschließt und sagt: Wir vergessen Euch nicht.

Woran werden die Menschen denken, wenn sie später auf das Jahr 2020 zurückblicken, ihrer Meinung nach?

Ich könnte mir vorstellen, dass die Erinnerung an das Ringen um den richtigen Weg bleibt und gleichzeitig die vielen Ideen, Dinge auszuprobieren und zu gehen. Ich hoffe, es bleibt der Wille, für einen schwierigen Weg eine Lösung zu finden und, dass die Wertschätzung des Bestehenden einen neuen Impuls erhält. Wie vielen ist Weihnachten in Familie auf den Nerv gegangen, und plötzlich merkt man, wie wichtig das Miteinander ist und welchen Wert, in diesem Fall, die Familie hat.

Bleibt auch Demut?

Mit Sicherheit, wir sind es ja gewöhnt, alles im Griff zu haben. Die Realität sieht anders aus. Wir haben nicht alles im Griff, und trotzdem können wir einen Weg gehen, obwohl wir nicht wissen, wohin er führt. Das ist die christliche Botschaft: Wege zu starten und Wege zu gehen.

Was wünschen Sie den Menschen zu Weihnachten?

Zuversicht, das ist für mich das passende Wort. Zuversicht ist ein Wort, dass mit Sicht, Nach-Vorne-Gehen und Laufen zu tun hat. Es strahlt für mich Bewegung aus. Wenn man auf das Jahr zurückschaut, sieht man erst, wie viel bewegt wurde – in den Gemeinden oder zum Beispiel bei der Entwicklung des Impfstoffes. Es zeigt, dass Krisen Kräfte freisetzen. Ich habe großen Respekt vor den Menschen, die in der Politik Verantwortung tragen. Kritisieren ist leicht, wenn man nicht handeln muss, auch deshalb ärgere ich mich über Menschen, die „Fürchtet Euch nicht“ verharmlosen. Im Moment kann man nicht so leben, wie wir es ursprünglich gewöhnt sind. Das heißt aber nicht, dass wir auf dem Weg stehen bleiben, sondern mit Zuversicht vorangehen.

Es bleibt als Hoffnung für ein normales Weihnachten 2021?

Ich gehe davon aus, 2021 wird wieder vieles möglich sein. Ich glaube, viele werden aber bewusster Weihnachten feiern, weil sie jetzt gemerkt haben, was alles nicht möglich war.

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