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Ein stiller Beobachter des Wandels in der Lausitz

Im Bildband „Tief im Osten“ zeigt Jürgen Matschie aus Bautzen einen Querschnitt seines fotografischen Schaffens. Zum Titel inspirierte ihn ein Erfolgshit.

Der Bautzener Fotografiker Jürgen Matschie hat einen neuen Bildband heraus gebracht. Das Buch enthält Fotos aus den Jahren 1976 bis 2020.
Der Bautzener Fotografiker Jürgen Matschie hat einen neuen Bildband heraus gebracht. Das Buch enthält Fotos aus den Jahren 1976 bis 2020. © Miriam Schönbach

Bautzen. Die Fassaden bröckeln. Hinter den Fenstern in der Hohengasse fehlt das Leben. Absperrbarken sichern die aufgerissene Kopfsteinpflasterstraße. Lediglich ein paar Touristen streifen durch die Bautzener Altstadt. Das Schwarz-Weiß der Fotografie unterstreicht noch die Bestandsaufnahme des Verfalls. Es ist das Jahr 1989. Der stille Beobachter der Szenerie ist Jürgen Matschie.

Dieser Moment findet sich in seinem neuen Fotoband „Tief im Osten - Die Lausitz im Wandel 1976 - 2020“. Die Publikation ist ein Querschnitt des fotografischen Schaffens des Bautzeners.

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Die Aufnahme machte Jürgen Matschie 1989 in der Hohengasse in der Bautzener Altstadt. Sie ist in seinem neuen Fotoband „Tief im Osten - Die Lausitz im Wandel 1976 - 2020“ enthalten.
Die Aufnahme machte Jürgen Matschie 1989 in der Hohengasse in der Bautzener Altstadt. Sie ist in seinem neuen Fotoband „Tief im Osten - Die Lausitz im Wandel 1976 - 2020“ enthalten. © Jürgen Matschie/Mitteldeutscher Verlag

Die eingangs erwähnte Fotografie hinterlässt Demut, wie so viele andere Bilder auf diesen 160 Seiten. Mit dem Buch legt der Fotografiker im Mitteldeutschen Verlag ein eindrückliches Porträt der Veränderungen seiner Lausitzer Heimat und deren Bewohner vor. Herausgeber Bernd Lindner sagt: „Jürgen Matschie versteht sich als Dokumentarist, der unspektakulär seiner Tätigkeit nachgeht. Er ist ein ruhiger Arbeiter. Seine Fotos werden nie laut. Aber sie haben eine ,Stimme',“ so wie der Verfall in der Hohengasse.

Die ersten Aufnahmen im Buch stammen aus dem Jahr 1976. Damals liegt hinter Jürgen Matschie bereits ein anderes Arbeitsleben. Der Junge aus Spreewiese absolviert eine Werkzeugmacherlehre, schließt ein Maschinenbau-Studium an und geht als Technologe nach Görlitz. „Ich bekam dort eine Wohnung, zudem hatte ich von einer aktiven Fotogruppe gehört“, sagt der 67-Jährige. Zur Fotografie kommt er über ein Buch aus dem Westen über Rockbands. Ein Bekannter aus dem Dorf nimmt ihn mit 14/15 Jahren zur Reproduktion der Bilder in die Dunkelkammer mit. Die Faszination der Lichtmalerei nimmt seinen Anfang, immer häufiger ist Jürgen Matschie mit seiner Kamera unterwegs, beginnt sich auch für Geschichten hinter seinen Bildern zu interessieren.

Bilder erzählen vom Zerbröseln der DDR

Aus den ersten Familienschnappschüssen werden Bilder mit Ausdruck. Er verabschiedet sich aus seinem alten Beruf und macht ein Fotografie-Fernstudium an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig. Ein Standbein lässt er im Haus für sorbische Volkskunst, unter dessen Dach er zum Beispiel eine Foto- und Videoausstellung anlässlich des Festivals der sorbischen Kultur 1989 organisiert.

Doch die Bilder nehmen immer mehr Platz in seinem Leben ein. Er fotografiert die Abbaggerung seiner sorbischen Heimat, wo Glück und Wehmut oft eng beieinander liegen. Die Publikation zeigt sorbische Bräuche und auch Paraden zum 1. Mai in der DDR. Ein Bild aus dem Jahr 1976 zeigt den Demonstrationszug der Lehrer der Ingenieurschule in Bautzen. Stolz tragen die Laufenden das Schild „Es lebe der 1. Mai“. Ein Bild aus dem Jahr 1989 spricht eine andere Sprache. Die Formation der Soldaten mit Stahlhelm löst sich schon auf. Ihr Gleichschritt ist verloren gegangen. Ein paar Passanten beobachten den Abmarsch unter dem Haus mit der Aufschrift „Rind- & Schweine-Schlächterei“. Das sind nur zwei Beispiele für ein Land der Veränderung.

Matschies Bilder erzählen vom Zerbröseln des sozialistischen Staats der Arbeiter und Bauern, von Ohnmacht und Widerstandsgeist, vom Verlust von Heimat. Diese Aufmärsche lösen Bilder der Montagsdemos 1989 ab, Kundgebungen gegen die Abbaggerung sorbischer Dörfer nach der Wende, Proteste gegen die Treuhand. Der Zug der Fridays-for-Future–Gruppe in Bautzen fehlen genauso wenig wie der ganz aktuelle Sonntagsprotest an der B 96 – mit Reichskriegsflaggen gegen die Maßnahmen der Corona-Pandemie. Diese Umbrüche reizen Jürgen Matschie, die Widersprüche seiner Lausitz.

Sein schönster Lohn sind Emotionen

„Die Kraft der Fotografie ist für mich, dass sie so einfach daherkommt. Jeder kann sich einbringen, jeder kann seine eigene Erinnerungsarbeit machen, mal positiv, mal negativ“, sagt der Fotografiker. Der schönste Lohn ist für ihn, wenn seine Arbeiten Emotionen und Erinnerung hervorrufen. „Was will ich mehr verlangen“, fragt er. Für seine Foto-Lebens-Essenz hat er mehr mehrere Tausende Negative gesichtet. Er hat sich dafür Zeit gelassen. Die vergangenen 15 Jahren stellte sich der Bautzener als Herausgeber in den Dienst seiner Fotografen-Kollegen aus der Nieder- und Oberlausitz. Deren Nachlässe hat er für Bildbände im Domowina-Verlag editiert. „Es war Zeit, sich mit dem eigenen Zeug zu beschäftigen“, sagt er.

Der Fotoband ist indes noch kein Epilog, wohl eher eine Bestandaufnahme des Dokumentaristen, der immer noch täglich mit seiner Kamera „Tief im Osten“ unterwegs ist. Den Titel hat sich Jürgen Matschie bei der Rückfahrt vom Verlag in Halle nach Bautzen einfallen lassen. Es ist eine Anleihe an Herbert Grönemeyers Erfolgshit „Bochum“. Dort heißt es: „Tief im Westen, wo die Sonne verstaubt, ist es besser, viel besser, als man glaubt, tief im Westen.“ So ein Gefühl will der Fotografiker mit seinen Bildern vermitteln. Es ist eine besondere Liebeserklärung an eine zerrissene Landschaft.

Jürgen Matschie: „Tief im Osten – Die Lausitz im Wandel 1976 - 2020“,
ISBN 978-3-96311-403-8, 25 Euro

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