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Klärschlammlager: Sorge um Unfälle

Eine Bürgerinitiative engagiert sich gegen die neue Nutzung für ein altes Silo in Kuppritz; nicht nur wegen des befürchteten Gestanks. Ein Betroffener erzählt.

Dorfidyll im Eigenheim schwebte Holger Mitschke vor, als er ein Grundstück an der Hochkircher Nordstraße erwarb. Stattdessen sieht er jetzt viel Lkw-Verkehr auf sich zukommen.
Dorfidyll im Eigenheim schwebte Holger Mitschke vor, als er ein Grundstück an der Hochkircher Nordstraße erwarb. Stattdessen sieht er jetzt viel Lkw-Verkehr auf sich zukommen. © Steffen Unger

Hochkirch. Während Holger Mitschke spricht, biegt ein Krankenwagen mit Martinshorn von der Hochkircher Schul- in die Nordstraße ein und fährt eilig die enge Verbindung nach Kuppritz hinauf. Einige Augenblicke später tut es ihm ein Kleintransporter gleich, schneidet die unübersichtliche Kurve und beschleunigt schnell wieder.

Holger Mitschke, der im August vergangenen Jahres an dieser Kreuzung das Grundstück erwarb, auf dem das neue Eigenheim für ihn und seine Familie entsteht, kennt das. Auch jetzt schon wohnen er, seine Frau und die beiden Kinder nur wenige Schritte entfernt. Bislang haben sie die Verkehrssituation vor ihrem Haus - die enge Straße, die unübersichtliche Kreuzung - akzeptiert. Doch jetzt machen sie sich große Sorgen.

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Fast zeitgleich mit dem Grundstückserwerb wurde öffentlich, dass die Mobile Schlammentwässerungs- und Entsorgungsgesellschaft (MDE), ein privates Entsorgungsunternehmen aus Zwickau, in einem ehemaligen Silo in Kuppritz die Errichtung eines Zwischenlagers für Klärschlamm plant. Nach Bekanntwerden der Planungen regte sich Widerstand, eine Bürgerinitiative bildete sich und brachte die beginnenden Instandssetzungsarbeiten an dem alten Fahrsilo per Widerspruch zum Stillstand.

Weil die Anwohner in Wiederspruch gingen, können derzeit die Sanierungsarbeiten am ehemaligen Silo in Kuppritz nicht fortgesetzt werden.
Weil die Anwohner in Wiederspruch gingen, können derzeit die Sanierungsarbeiten am ehemaligen Silo in Kuppritz nicht fortgesetzt werden. © SZ/Uwe Soeder

Rund 450 Meter entfernt von Holger Mitschkes Baustelle befindet sich sie geplante Anlage. Auch er hat sich der Bürgerinitiative angeschlossen. Der Geruch, den die Anwohner als Folge des Klärschlammlagers befürchten, den wünscht sich zwar auch Holger Mitschke nicht auf seinem Grundstück. Doch mehr als das treibt ihn das erhöhte Verkehrsaufkommen um.

Dazu heißt es seitens der Landkreisverwaltung, maximal zehn An- und Abfahrten von Klärschlamm pro Tag seien zulässig. Der Transport erfolge mit Fahrzeugen mit einer Zuladung zwischen 20 und 25 Tonnen. Und: "Der Standort wird über die S110 über die Orte Pommritz und Rodewitz und über die Kreisstraße K7234 (Nordstraße) angefahren und umgekehrt wieder verlassen." Das sei mit der Gemeinde abgestimmt. Die Kreuzung von Schul- und Nordstraße werde überdies als nicht besonders unübersichtlich eingeschätzt.

Für Holger Mitschke ist die Entscheidung nicht nachvollziehbar: "Die Laster können nicht ausholen, wenn sie um die Kurve wollen. Es ist eine Frage der Zeit, bis einer beim Abbiegen die Schnauze von einem PKW erwischt." Und auch bergan, auf der Nordstraße, sei die Situation jetzt schon heikel, wenn sich dort zwei Autos begegneten.

Aus Richtung Pommritz kommend sollen die Laster mit Klärschlamm künftig nach links über die schmale Nordstraße zum Lager fahren. Zu gefährlich, finden die Anwohner.
Aus Richtung Pommritz kommend sollen die Laster mit Klärschlamm künftig nach links über die schmale Nordstraße zum Lager fahren. Zu gefährlich, finden die Anwohner. © Steffen Unger

Hochkirchs Bürgermeister Norbert Wolf (parteilos) äußert Verständnis für die Sorgen der Anwohner. "An der Kreuzung entsteht beim Abbiegen schon eine Schrecksekunde", hat er selbst beobachtet. Aber um Abhilfe zu schaffen, gebe es kaum Möglichkeiten: Die Grundstücksgrenzen würden bis an die Straße heranreichen. Ein Ausbau sei weder im Hinblick auf die Kreuzung noch auf die Nordstraße denkbar.

Auch die Einrichtung einer Zufahrt über die denkmalgeschützte Blutgasse oder über Kuppritz sei nicht möglich. "Die noch wesentlich engere Blutgasse haben wir letztes Jahr für den LKW-Verkehr zugemacht. Deshalb fährt bereits der normale LKW-Verkehr über Kuppritz ab. Der soll nicht weiter zunehmen", erklärt Wolf. Immerhin: Im Bereich der Grundstückszufahrten soll die zulässige Maximalgeschwindigkeit in den kommenden Wochen von 100 auf 50 Stundenkilometer begrenzt werden.

Bürgerinitiative hofft auf weitere Unterstützer

Der Bürgerinitiative geht das nicht weit genug. Um die Inbetriebnahme des Lagers zu verhindern, planen sie, von einem Berliner Anwaltsbüro das Immissionsgutachten prüfen und ein Gegengutachten erstellen zu lassen. Dafür entsteht gerade ein Kostenvoranschlag. Mit einer Summe von bis zu 15.000 Euro rechnen sie; haben Glück, denn einige der Mitglieder der Bürgerinitiative verfügen über Rechtsschutzversicherungen, die die Kosten möglicherweise übernehmen. Trotzdem hoffen Holger Mitschke und seine Mitstreiter auf die Unterstützung weiterer Anwohner. "Die Leute in Pommritz und Rodewitz sind ja auch alle betroffen", findet Mitschke.

Bürgermeister Wolf spricht mit Blick auf die Auseinanderandersetzung der MSE und der Anwohner von "einseitig verhärteten Fronten". Eine Gesprächsrunde mit dem Unternehmen und Vertretern der Bürgerinitative im Gemeindeamt habe er als sehr konstruktiv empfunden, erzählt er. Im Nachgang habe sich jedoch gezeigt, dass die Bürgerinitiative nicht zu Kompromissen bereit sei. "Das muss jetzt das Landratsamt entscheiden", sagt er und meint den Eilantrag auf Vollzug der Genehmigung, den MSE bei der Behörde gestellt hat.

Eine Entscheidung sei hierzu noch nicht gefallen, teilt das Landratsamt mit, aber: "Sofern zu Gunsten der Firma entschieden wird, darf diese die Genehmigung in Anspruch nehmen und die Anlage antragsgemäß sowie entsprechend der in der Genehmigung verfassten Nebenbestimmungen betreiben."

Das letzte Wort soll aus Sicht der Bürgerinitiative damit noch nicht gesprochen sein, denn sie zieht auch eine Klage in Erwägung. Auch die MSE scheut nach Aussage von Geschäftsführer Camillo Friede im Ernstfall rechtliche Schritte nicht.

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