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Hochkirch: Stunk am Klärschlammlager

Ein ehemaliges Silo wurde jetzt erstmals als Zwischenlager für Klärschlamm genutzt. Dabei bestätigten sich die Befürchtungen der Anwohner.

Kurzzeitig wurde im April im ehemaligen Kuppritzer Silo Klärschlamm eingelagert. Die Anwohner klagen über Gestank und Insekten.
Kurzzeitig wurde im April im ehemaligen Kuppritzer Silo Klärschlamm eingelagert. Die Anwohner klagen über Gestank und Insekten. © SZ/Franziska Springer

Hochkirch. Olaf Dutschmann stinkt es gewaltig. Der Grund für seinen Unmut ist nur rund 100 Meter von seinem Gartenzaun im Hochkircher Ortsteil Kuppritz entfernt. Dort steht das ehemalige Silo, das seit einem knappen Jahr für Frust in dem 66-Seelen-Ort sorgt.

Wie es dazu kam, ist schnell erzählt: Im vergangenen Jahr erwarb das Entsorgungsunternehmen Mobile Schlammentwässerungs- und Entsorgungsgesellschaft (MSE) aus Zwickau das stillgelegte Silo von der Budissa Agrarprodukte AG, um es als Zwischenlager für Schlämme zu nutzen, die nach der Reinigung von Abwässern in Kläranlagen übrigbleiben. Das Bautzener Landratsamt gab den Plänen auf Basis eines Gutachtens des Umweltamtes sein Okay.

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Nur rund 100 Meter von den ersten Häusern in Kuppritz entfernt befindet sich das ehemalige Fahrsilo, dass im vergangenen Jahr zum Klärschlammlager umfunktioniert wurde.
Nur rund 100 Meter von den ersten Häusern in Kuppritz entfernt befindet sich das ehemalige Fahrsilo, dass im vergangenen Jahr zum Klärschlammlager umfunktioniert wurde. © SZ/Franziska Springer

Die Kuppritzer waren damit nicht einverstanden, hatten Bedenken wegen möglicher Geruchs- und Insektenbelästigung, bildeten eine Bürgerinitiative, um die Umnutzung des Silos abzuwenden. Organisiert wird der Widerstand über den Messenger-Dienst Whatsapp. 27 Mitglieder zählt die entsprechende Gruppe - fast jeder zweite Kuppritzer ist vertreten.

Die Gruppe will ein eigenes Gegengutachten in Auftrag geben. Nach nur rund 24 Stunden hatte sie dafür einen höheren vierstelligen Betrag aus privaten Spenden zusammengetragen, berichtet Dutschmann stolz.

Um sich in ihren Befürchtungen bestätigt zu sehen, sind die Kuppritzer auf dieses Gutachten inzwischen nicht mehr angewiesen: Das Lager wurde zwischenzeitlich in Betrieb genommen - wenn auch nur übergangsweise. Wie das Bautzener Landratsamt bestätigt, war es kurzfristig notwendig geworden, Klärschlämme in Kuppritz einzulagern, weil es im Kraftwerk in Boxberg - wo das Material normalerweise verbrannt wird - zu einem technischen Defekt gekommen war.

Dutschmann: Im Garten hat man es nicht ausgehalten

"Die Einlagerung fand lediglich in der Zeit während der Reparatur der defekten Anlage bis zum 15. April 2021 statt. Gegenwärtig werden keine weiteren Klärschlämme angenommen, verarbeitet oder abgegeben", teilt eine Landkreis-Sprecherin mit. In diesem Zeitraum seien rund 350 Tonnen Klärschlamm in Kuppritz eingelagert worden - und damit nur ein Bruchteil jener bis zu 10.000 Tonnen, die nach der endgültigen Inbetriebnahme jährlich dort zwischengelagert werden sollen.

Olaf Dutschmann reicht dieser erste Vorgeschmack: "Gefühlt waren hier plötzlich 200 Fliegen im Raum", sagt er und deutet auf seine Garage. "Die Motorhaube war schwarz. Länger als anderthalb Stunden konnte man nicht im Garten arbeiten. Das hat man nicht ausgehalten", fährt er fort. Um seine Wahrnehmung zu dokumentieren, führt er ein Geruchstagebuch; notiert Temperatur, Windrichtung und Geruchsintensität. "Beißend, süßlich - einfach ekelhaft", habe es in den ersten Tagen gerochen, erinnert er sich.

In einem Geruchstagebuch dokumentiert Olaf Dutschmann, wie sich der Geruch seit der kurzzeitigen Inbetriebnahme des künftigen Klärschlammlagers entwickelt.
In einem Geruchstagebuch dokumentiert Olaf Dutschmann, wie sich der Geruch seit der kurzzeitigen Inbetriebnahme des künftigen Klärschlammlagers entwickelt. © SZ/Franziska Springer

Und das sei noch gar nicht sein größtes Problem: "Ich wohne auf dem Dorf, da riecht es manchmal, das sehe ich ein. Aber was wird aus dem Wert des Grundstücks?" Erst seit fünf Jahren wohnt er mit seiner Frau in dem kleinen Hochkircher Ortsteil, hat für das Haus einen Kredit aufgenommen und fragt: "Wieviel ist mein Grundstück noch wert, wenn hier die Scheiße vor der Tür liegt?"

Das Landratsamt weist Dutschmanns Sorge zurück. Pauschale Mindestabstände von Wohnbebauung zu Klärschlammlagern seien per Gesetz nicht definiert, heißt es von dort. Vielmehr sei die Geruchsbelastung im Vorfeld berechnet worden - Geruchsimmissionsprognose heißt das Behördenwort dafür. Diese sei zu dem Ergebnis gekommen, dass die zu erwartenden Immissionswerte im Kuppritzer Fall irrelevant seien. Auch die Sanierung von Lagerflächen und Entwässerungsanlagen sei durch die MSE vorschriftsmäßig durchgeführt worden. Das Fazit aus dem Landratsamt: "Die Inbetriebnahme ist rechtmäßig."

Bei der Besichtigung eines anderen Klärschlammlagers hat Olaf Dutschmann eine Probe des abgelagerten Materials mitgenommen. Die Konsistenz erinnert an Knete, der Geruch ist chemisch. Die in der Masse enthaltene Feuchtigkeit sammelt sich an der Unterseite.
Bei der Besichtigung eines anderen Klärschlammlagers hat Olaf Dutschmann eine Probe des abgelagerten Materials mitgenommen. Die Konsistenz erinnert an Knete, der Geruch ist chemisch. Die in der Masse enthaltene Feuchtigkeit sammelt sich an der Unterseite. © SZ/Franziska Springer

Keine guten Aussichten für die Bürgerinitiative, deren Vertreter bedauern, dass nicht eher gehandelt wurde: "Warum hat die Gemeinde nicht von ihrem Vorkaufsrecht Gebrauch gemacht? Warum sind wir nicht eher über die Verkaufsabsichten der Budissa AG informiert worden? Dann hätte es vielleicht eine Möglichkeit gegeben, die Fläche gemeinschaftlich zu erwerben", sagt Olaf Dutschmann.

Bürgermeister: Gemeinde erfuhr spät von den Plänen

Diesen Gedanken erteilt Hochkirchs Bürgermeister Norbert Wolf (parteilos) eine klare Absage: "Wenn eine Gemeinde von ihrem Vorkaufsrecht Gebrauch macht, muss sie erklären, dass sie damit ein öffentliches Vorhaben verbindet", erklärt er. Einen entsprechenden Plan habe die Verwaltung nicht in petto gehabt. Und auch die Gemeinde selbst habe erst spät von den Plänen der MSE erfahren. Das sei ungefähr zwei Wochen vor dem geplanten Notartermin gewesen. Für ein Eingreifen sei es zu diesem Zeitpunkt bereits zu spät gewesen.

Dass sich die MSE und die Bürgerinitiative vor diesem Hintergrund vor Gericht wiedertreffen, wird immer wahrscheinlicher. Bereits in der Vergangenheit hatten beide Parteien signalisiert, vor Rechtsmitteln nicht zurückzuschrecken.

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