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Seit 60 Jahren viel mehr als Kaspertheater

Die Bautzener Puppenbühne feiert Jubiläum. Dafür wird manch längst vergessener Held zurück ins Scheinwerferlicht geholt.

Sechs Figuren aus 60 Jahren: Der Bautzener Puppentheaterleiter Stephan Siegfried bringt zum Jubiläum die Puppencomedy „Verfitzt und zugenäht“ auf die Bühne im Theatergarten.
Sechs Figuren aus 60 Jahren: Der Bautzener Puppentheaterleiter Stephan Siegfried bringt zum Jubiläum die Puppencomedy „Verfitzt und zugenäht“ auf die Bühne im Theatergarten. © SZ/Uwe Soeder

Bautzen. Die Garderobenständer auf der großen Bühne im Bautzener Burgtheater sind umfunktioniert. Statt Jacken hängen an den Haken Puppen aus Inszenierungen der vergangenen 60 Jahre. Spartenleiter Stephan Siegfried streift durch die Reihe. Für das Foto kommt das Klappmaul Wilhelmine aus „Casanova kommt!“ mit, außerdem noch Marthe aus „Faust“, ein Krokodil und eine Kasperfigur.

Zuletzt greift der Puppenspieler nach einer Esel-Marionette. Die Nummer 1262-01 ist auf ihren Rücken getackert. „Für das Stück anlässlich unseres Jubiläums habe ich die Figur neu geschnürt. Sie ist mehr als doppelt so alt wie ich“, sagt der Regisseur der Puppencomedy „Verfitzt und zugenäht!“ nachdenklich.

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Gleich neben dem Esel hängt die sorbische Kasperfigur Nitka Witka. Beide Puppen gehören zur ersten Generation des staatlichen Bautzener Puppentheaters. Offizieller Beginn ist der Januar 1961. Schon Monate vorher hatten Funktionäre der Domowina Herbert Ritscher – Puppenspieler in sechster Generation – gefragt, ob er an der Spree die Marionettenbühne des Sorbischen Volkstheaters aufbauen könne. Neben mitgebrachtem Repertoire beginnt der Impresario seine erste Spielzeit mit einer Marionettenfassung zur bekanntesten sorbischen Sage „Meister Krabat“.

Im Jubiläumsstück spielen 60 Puppen mit

Mit den Fäden bewegt Stephan Siegfried den Kopf des Gräulings. „Den Esel führen wir als älteste Figur in unseren Archiven. Wahrscheinlich hat sie Bert Ritscher schon mitgebracht“, sagt er. Mit seinen Kollegen und vielen Ehemaligen hat sich Stephan Siegfried in den vergangenen Monaten nochmals intensiv mit sechs Jahrzehnten Bautzener Puppentheater beschäftigt. Neben der Inszenierung „Verfitzt und zugenäht!“ gibt es ein Buch, in dessen Mittelpunkt selbstverständlich 60 Puppen und eine jeweils ausgewählte Anekdote zu ihnen stehen. Ausgangspunkt der Recherchen waren die Inszenierungsliste der langjährigen Dramaturgin Hildburg Zschiedrich und ein Fotoarchiv.

Denn das Bautzener Puppentheater blickt inzwischen auf mehr als 250 Premieren zurück – mit den aktuellen Produktionen „Godow & Somorrha“ – ein Handpuppenstück für Erwachsene – und dem neu aufgelegten Puppenspielklassiker „Kasper und das Wahrheitstuch“ für die kleinsten Theatergänger. Beide Inszenierungen feierten am Wochenende unter freiem Himmel Premiere – und verbinden den Blick nach vorn mit der Tradition.

Räuber und Krokodil finden das große Glück

Schließlich gehörte das Kasper-Stück zu den Longsellern am Bautzener Haus. Die Geschichte vom Frechdachs mit der Zipfelmütze inszenierte 1977 der bekannte Puppenspieler Carl Schröder. Bis in die 1990er-Jahre zauberte das langjährigste Ensemble-Mitglied Andreas Larraß mit dem Stück den Kleinsten ein Lächeln ins Gesicht.

In der aktuellen Freiluft-Variante sorgt Moritz Trauzettel in der Regie von Detlef Plath dafür, dass am Ende Krokodil, Räuber, Prinzessin, Gretel und natürlich Kasper selbst auch das große Glück finden. „Zum Geburtstag muss es selbstverständlich ein Kasperstück geben. Wir haben eine neue, witzige Fassung geschrieben“, sagt Stephan Siegfried.

Er ist seit zweieinhalb Jahren Leiter des Bautzener Puppenspieler-Ensembles. Nach seinem Studium an der Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch in Berlin kam er 2012 erstmals nach Bautzen. Nach einem vierjährigen Intermezzo als Oberspielleiter am Puppentheater in Koblenz kehrte der heute 33-Jährige 2018 zurück nach Bautzen. So ist Stephan Siegfried eins von gut 60 Ensemblemitgliedern der vergangenen 60 Jahre.

Handpuppen und Marionetten auf einer Bühne

„Nachdem ich mich jetzt nochmal intensiv mit der Geschichte des Bautzener Puppentheaters beschäftigt habe, verstehe ich, warum unserem Intendanten wichtig ist, dass alte Wege nicht vergessen und trotzdem neue gegangen werden“, sagt der Puppenspielleiter und wandert durch die noch improvisierte Probenbühne. Sie muss zur Premiere am 25. Juni gleich für ganz unterschiedliche Figuren – von der Handpuppe über die Stabpuppe bis zur Marionette funktionieren. Die Premiere von „Verfitzt und zugenäht“ ist gleichzeitig der Auftakt des analogen Treffens der sächsischen Puppentheater.

Stephan Siegfried hängt den Esel wieder an seinen Fäden auf den Garderobenhaken. Auch Marthe kommt zurück an ihren Platz. Für die Jubiläums-Puppencomedy werden Figuren nicht nur aus der Rente im Fundus geholt, sondern erstmals zusammen auf der Bühne stehen. „Unser Faust-Stück ist eine von acht Puppentheater-Inszenierung, die durch Corona keine letzte Vorstellung hatte. Unser Programm gibt uns die Gelegenheit, uns von den Puppen zu verabschieden, genauso wie Puppen in die Hand zu nehmen, die schon lange kein Scheinwerferlicht mehr gesehen haben“, sagt er.

Der Puppenspielleiter indes schaut noch lieber nach vorn als zurück. Neben einem Marionettenstück und Inszenierungen für Kinder sieht er dort ein Mehr für Heranwachsende wie für Erwachsene, vielleicht mit Puppencomedy. Auch die Arbeit mit zeitgenössischen Autoren soll ausgebaut werden und die Kooperationen mit dem Schauspiel auf Augenhöhe. Ein Krabat-Stück wäre eine Idee, bei der sich wiederum hervorragend Tradition und Zukunft miteinander verbinden ließen.

Vorstellungstermine zum Puppentheater-Jubiläum:

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  • 25. Juni, 19.30‚Uhr: Premiere „Verfitzt und zugenäht“; mit Buchvorstellung
  • 26. Juni, 16 Uhr: Premiere „Gordon und Tapir“, Theater der Jungen Welt Leipzig
  • 11. Juli, 16 Uhr: „Wo wohnt der Wurm?, Landesbühnen Sachsen
  • 18. Juli, 16 Uhr: „Der Mondmann“, Chemnitzer Theater
  • 25. Juli, 16 Uhr: „Was macht man mit einem Problem“, Puppentheater Zwickau

Ein Theaterbesuch ist mit Vorlage eines tagesaktuellen bescheinigten negativen Testergebnisses (kein Selbsttest), alternativ mit der Nachweis des Status als geimpfte oder genesene Person möglich.

Weitere Termine sowie Tickets: www.theater-bautzen.de

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