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Oma Gertrud geht online

Eine Kehrfrau mit flottem Mundwerk ist Heiko Harigs Paraderolle. Mit ihren Internet-Auftritten holt er sich aus einem Tief, an dem nicht nur Corona schuld ist.

Kleid, Perücke und falsche Brüste verwandeln Heiko Harig in Oma Gertrud, die nie um einen flotten Spruch verlegen ist. Jeden Sonntag gibt es im Internet eine neue Szene von ihr zu sehen.
Kleid, Perücke und falsche Brüste verwandeln Heiko Harig in Oma Gertrud, die nie um einen flotten Spruch verlegen ist. Jeden Sonntag gibt es im Internet eine neue Szene von ihr zu sehen. © SZ/Uwe Soeder

Crostau. Oma Gertrud lächelt wieder, obwohl an diesem Morgen auf der Isabella-Anhöhe in Crostau ein scharfer Wind weht. Im Jersey-Kleid, mit Perücke auf dem Kopf und viel zu großer Brille auf der Nase gibt Heiko Harig seine Paraderolle. Die falschen Brüste müssen für das Foto noch gerade gerückt werden. Dann setzt der Crostauer ein Lächeln auf und spricht großmütterlich-augenzwinkernd: „Ja, die Oma Gertrud ist zurück und immer optimistisch.“ In der Ferne grüßt der Dom St. Petri am Horizont.

Die Kehrfrau im Ruhestand mit flinkem Mundwerk und Faible zum „Tatschhandy“ ist Heiko Harigs zweites Ich. „Wenn ich Oma Gertrud bei einem Auftritt weglasse, sagen mir die Zuschauer, dass sie die Dame vermisst haben“, sagt der Entertainer. Seit 14 Monaten – mit einer kurzen Ausnahme in den Sommermonaten 2020 – bleibt die Garderobe für die Auftritte zur Schlagereise nach Mallorca, auf Flusskreuzschiffen oder zur Familienfeier im Schrank.

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Sturz vom Dach folgt Operation

Zur Pandemie kam nun noch eine persönliche Zäsur. Bei Arbeiten am Gründach des Wohnhauses sorgte ein Fehltritt für einen Sturz in die Tiefe. Diagnose: Wirbelbruch, Operation im Klinikum Bautzen und Genesungswünsche, unter anderem von Brinki, wie Schlagersänger und Moderator Bernhard Brink in Harigs Handy abgespeichert ist. Trotz starker Schmerzen stand Heiko Harig neun Tage nach dem Eingriff schon wieder tapfer vor der Kamera. Denn der Crostauer hat sich einen virtuellen Bühnenersatz gesucht. Seit einem guten Monat ist er regelmäßig auf Facebook, Instagram und YouTube zu sehen, selbstverständlich mit seiner ständigen Begleiterin. Jeden Sonntag heißt es „Immer wieder Gertrud“.

„Lachen ist gesund“, scherzt der 55-Jährige und stakst so gar nicht fraulich mit ausladendem Schritt den Berg wieder hinunter zum Haus. Von dessen Wohnzimmer reicht der Blick bis nach Schirgiswalde, links ragen die Kälbersteine in die Höhe. Hier kennt Heiko Harig nicht nur von Berufs wegen als Chef der Touristischen Gebietsgemeinschaft Ferienregion Oberlausitzer Bergland jeden Pfad und jeden Stein, hier ist seine Heimat, sein Ausgangspunkt für sein Leben aus dem Reisekoffer zu Auftritten als Entertainer, Comedian, Sänger und Kabarettist.

In der dritten Klasse erstmals im Rampenlicht

Die Perücke kommt vom Kopf, darunter strubbeln die Originalhaare in alle Richtungen. „Oma Gertrud hat schon ihr 25-jähriges Bühnenjubiläum gefeiert. Bei einem Faschingsprogramm hatte sie ihren ersten Auftritt“, sagt der Künstler. Er erinnert sich noch gut an sein erstes Rampenlicht in der dritten Klasse mit der AG Laienspiel in der Sohlander Oberschule. Den ersten Applaus gibt es anlässlich eines Lehrertagprogramms. Neben dem Theaterspiel kommt dort bald das Pionierkabarett dazu. Mit Freunden gründet er 1981 das Jugendkabarett „Die Brenn-Nesseln“.

Sein Faible für die Kleinkunst zwischen beißender Gesellschaftskritik und satirischem Augenzwinkern führt Heiko Harig von 1987 bis 1989 zur Spezialschule Kabarett nach Leipzig. Seine Mentoren sind unter anderem Akademixer-Chef Jürgen Hart und der Pfeffermühlen-Direktor Reiner Otto. Zurück in der Heimat wechselt der gelernte Elektromonteur in die „Kultur“ der Stadt Wilthen. Dort übernimmt er 1999 die Leitung des Fremdenverkehrsamtes. Als selbstständiger Entertainer ist er seit 2012 unterwegs. Corona bremst ihn, wie viele andere Künstler, auch aus.

Erste Buchungen nach monatelangen Absagen

Aber hier gilt ganz besonders Oma Gertruds Devise: Immer Optimismus. Nach monatelangen Absagen kommen jetzt langsam wieder die ersten Buchungen rein. In einem Seniorenheim soll Heiko Harig gleich zwei Sommerfeste gestalten, auch die Busunternehmen halten den Kontakt und um neue Schlagereisen zu planen. Vielleicht klappt in diesem Jahr sogar noch der große Abstecher nach Mallorca, wo der Crostauer sieben Tage Party für 1.500 Urlauber und mit gut 40 Künstlern macht.

Die Wartezeit überbrückt Heiko Harig nun mit Gesundwerden – und den Auftritten der Oma Gertrud vor der Kamera. Am Freitag sollen die nächsten Szenen aufgenommen werden, ein bis zwei Minuten sind die Filme immer lang. „Ich muss mich dabei echt kurzhalten, denn ich neige dazu, viel zu lang zu reden“, sagt der Crostauer. Dann verschwindet das Kostüm im Schrank. Gleich gibt es eine Online-Konferenz der Touristischen Gebietsgemeinschaft. Da muss Oma Gertrud ihre Klappe halten.

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