merken
PLUS Bautzen

Sie erzählt Geschichten ohne Worte

Jutta Mirtschin illustriert seit 50 Jahren Bücher. Jetzt erweckt ein Bildband aus dem Domowina-Verlag ihre Phantasiewesen zu neuem Leben.

Die Künstlerin Jutta Mirtschin illustriert Bücher, arbeitet aber auch fürs Theater. Viele ihrer Werke sind jetzt in einem Bildband zu sehen.
Die Künstlerin Jutta Mirtschin illustriert Bücher, arbeitet aber auch fürs Theater. Viele ihrer Werke sind jetzt in einem Bildband zu sehen. © privat

Bautzen. Schüchtern schlägt die zarte Frau ihren Blick nach unten. Die rotblonden Haare staksen unter dem schwarzen Hut hervor. Ihre gesenkten Augen verhüllt eben nicht der schwarze Schleier aus Netz. Die Wangen sind einen Hauch errötet, die schmalen, roten Lippen betonen die Blässe. Vielleicht betört sie der süße Duft der Mailglöckchen in einer schlichten Vase. Diese Frühlingsboten stehen für die Einkehr des Glücks, für Sittsamkeit und Reinheit. Innige Liebe verspricht der Überbinger mit einer solchen blumigen Botschaft. Vielleicht senkt auch deshalb die Beschenkte beschämt den Blick.

„Maiglöckchen“ hat Jutta Mirtschin das Gemälde aus dem Jahr 1994 genannt. Die nachdenkliche Schönheit getaucht ins Nachtblau ist die Tür in den jüngst im Domowina-Verlag erschienenen Bildband der Geschichtenerzählerin in Bildern. Auf über 500 Seiten begibt sich die Künstlerin mit Oberlausitzer Wurzeln durch fast fünf Jahrzehnte auf eine Suche nach dem richtigen Pinselstrich, der richtigen Stimmung, dem richtigen Moment für ein Bild oder eine Zeichnung. „Malerei Grafik Buch Illustration Plakat Theater” lautet der Untertitel. Die zauberhafte Retrospektive sollte sich um den Titel „Schönstes deutsches Buch“ bewerben. Gestaltet hat es Grafiker und Ehemann Uwe Häntsch.

njumii – Das Bildungszentrum des Handwerks
Erfolg ist mein Ziel. Wissen mein Weg.
Erfolg ist mein Ziel. Wissen mein Weg.

njumii ist der Ausgangsort für individuelle Karrieren. Im Handwerk. Im Betrieb. Im Mittelstand. In der Selbstständigkeit.

„Maiglöckchen“ heißt dieses Gemälde von hat Jutta Mirtschin aus dem Jahr 1994.
„Maiglöckchen“ heißt dieses Gemälde von hat Jutta Mirtschin aus dem Jahr 1994. © privat

Es braucht Zeit zum Blättern. Die ersten Seiten sind der Malerei sowie Zeichnungen und Grafik gewidmet. Neben den filigranen, manchmal fast zerbrechlichen Menschlein, mal mit feinsinnigem Blick, mal lasziv, oft großäugig, faszinieren besonders die Mecklenburger Landschaften. Jutta Mirtschin wandelt schon lange zwischen der Hauptstadt Berlin und ihrer zweiten Heimat Wustrow auf der Halbinsel Fischland-Darß-Zingst. Statt Großstadtgetümmel lässt sie auf ihren Bildern die Stille des Meeres unter endlosen Horizonten noch stiller wirken.

Geboren wird sie 1949 in Chemnitz, ihre Schulzeit verbringt die Illustratorin in Bautzen und Leipzig. In die Welt der Kunst führen sie auch die älteren Geschwister. Ein Schwarz-Weiß-Foto von diesen Anfängen erzählt im Bildband aus dieser Zeit. Gemeinsam mit der schon erwachsenen Schwester Sonja sitzt die kleine Jutta Mirtschin auf einer Bank auf dem Bautzener Protschenberg und malt vertieft. Bald beginnt sie, ihre Schulhefte passend zum Thema zu bebildern. „Vorbildliche Heftführung“ urteilt ein Lehrer mit Rotstift und vergibt eine Eins, wie ein Ausriss aus einem karierten Heft im Bildband zeigt. Die langjährige Bautzener Galeristin Tanja Böhme verrät im Buch zudem, dass ihre Schwester besonders reich bebilderte Kinderbücher liebte.

Oft stecken die Figuren von Jutta Mirtschin den Betrachter mit ihrer heiteren Glückseligkeit an.
Oft stecken die Figuren von Jutta Mirtschin den Betrachter mit ihrer heiteren Glückseligkeit an. © privat

Vielleicht mit dieser Leidenschaft im Gepäck macht sich die heute vielfach ausgezeichnete Künstlerin auf den Weg. Schon während ihrer Lehre zur Akzidenzsetzerin - einer speziellen Form der Schriftsetzerin - im Druckhaus Leipzig absolviert Jutta Mirtschin die Abendakademie der Hochschule für Grafik und Buchkunst in der Messestadt. Ab 1969 studiert das junge Talent an der Kunsthochschule in Berlin-Weißensee, unter anderem bei Werner Klemke (1917 - 1994). Seine Illustrationen mit dem Kater kennen viele vom Titel „Das Magazin“. Dem DDR-Grimm-Märchenbuch verschaffte er mit seinen Zeichnungen den bis heute typischen Auftritt.

Jutta Mirtschin illustriert ihr erstes eigenes Kinderbuch und erlebt den großen Durchbruch vier Jahre später mit ihren detailreichen Bildern zum Buch „Auf dem Hügel ist etwas los“. Das Buch beschreibt ohne Worte Landschaften zwischen Herbst und Frühling. Auf den großen Hügel-Aquarellen flitzen Kindern auf Ski und Schlitten ins Tal, der Bauer bestellt das Feld – und ein dritter Moment zeigt eine wilde Müllhalde. Es ist unheimlich viel los auf diesen Hügel-Bildern, unzählige Geschichten lassen sich entdecken. Heute sind solche Geschichtenbilder in Wimmelbüchern zu finden.

Doch nicht nur dieses Buch landet in zahlreichen Kinderzimmer-Regalen zwischen Kap Arkona und Fichtelberg. Ihr besonderes Faible gehört bis heute der Illustration von Märchenbüchern, eines der ersten ist „Kito und die Tanzfiedel“ 1979 aus dem Domowina-Verlag. Mit dem Haus in der Tuchmacherstraße verbindet die Künstlerin eine jahrelange Zusammenarbeit. So gehört die Berlinerin bis heute zum Illustratoren-Team der Kinderzeitschrift Płomjo. Jutta Mirtschin zeichnet Geschichten für kleine wie erwachsene Zuschauer im Bilder-Kopf-Theater. Ihre einsamen Prinzessinnen, traurigen Könige, verwunschenen Prinzen, listigen Hexen und arglistigen Zauberer zeigt sie in ihrer Bücherwelt mal traurig und melancholisch, ein anderes Mal stecken ihre immer besonderen Gestalten mit ihrer heiteren Glückseligkeit an.

Dieses Bild ziert die Vorderseite des Buches „Kito und die Tanzfiedel“. Es gehört zu den ersten, die Jutta Mirtschin illustriert hat.
Dieses Bild ziert die Vorderseite des Buches „Kito und die Tanzfiedel“. Es gehört zu den ersten, die Jutta Mirtschin illustriert hat. © privat

Die Figuren der Jutta Mirtschin bezeichnet Ursula Lang von der Pirckheimer Gesellschaft Beeskow in dem Bildband als „beseelte Persönchen und Phantasiewesen“, die „spanzierend, sinnierend, träumend, spielend, staunend (...) in einer freundlichen Wunderwelt agieren, ...in der sich leben lässt“. Neben der Arbeit als Buchillustratorin hat Jutta Mirtschin, wie dieses besondere Werkverzeichnis zeigt, zahlreiche Film- und Theaterplakate gestaltet. Besonders das Piccolo-Theater in Cottbus hat immer wieder die Berliner Künstlerin engagiert. Auch einige Inszenierungen begleitete sie als Ausstatterin. So hat sie vor drei Jahren zum Beispiel die Puppen und das Bühnenbild für „Kito und die Tanzfiedel“ am Bautzener Theater gestaltet.

Auch durch diesen Teil ihres Lebenswerks lässt sich wunderbar in der Galerie zwischen zwei Buchdeckeln mit gut 2.200 farbigen Abbildungen wandern, innehalten und ein bisschen träumen – zwischen hintersinnigen Pausbacken, verlorenen Seelen, weiten Horizonten und der schüchternen Frau mit dem Maiglöckchenstrauß.

„Jutta Mirtschin, Malerei Grafik Buch Illustration Plakat Theater“, Domowina-Verlag, ISBN 978-3-7420-2692-7, 58 Euro

Weiterführende Artikel

Aufbruch mit Online-Shop und Instagram

Aufbruch mit Online-Shop und Instagram

Wie der sorbische Domowina-Verlag den Sprung vom analogen Bücherhaus in die digitale Welt schaffen will.

Was ist heute im Landkreis Bautzen wichtig? Das erfahren sie täglich mit unserem kostenlosen Newsletter. Jetzt anmelden.

Mehr Nachrichten aus Bautzen lesen Sie hier.

Mehr Nachrichten aus Bischofswerda lesen Sie hier.

Mehr Nachrichten aus Kamenz lesen Sie hier.

Mehr zum Thema Bautzen