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Als Autodidakt erfolgreich an der Staffelei

Lutz Jungrichter gehört heute zu den wichtigsten Künstler in der Oberlausitz. Um malen zu können, hat der Bautzener vieles auf sich genommen.

Anlässlich des 80. Geburtstags von Lutz Jungrichter zeigt die Galerie Budissin in Bautzen Malerei und Plastik von ihm aus den vergangenen Schaffensjahren.
Anlässlich des 80. Geburtstags von Lutz Jungrichter zeigt die Galerie Budissin in Bautzen Malerei und Plastik von ihm aus den vergangenen Schaffensjahren. © SZ/Uwe Soeder

Bautzen. Im Schwall läuft das Wasser über die Wehrmauer. Der Schützen ist gezogen, tosend fällt der Fluss ins Tal und stobt davon. „Spreewehr“ hat Lutz Jungrichter sein Acrylbild genannt. Immer wieder begegnet dem Betrachter Wasser auf den Werken des Bautzener Künstlers – als Natur vor der Haustür genauso wie als Mitbringsel von den Reisen in den Süden . „Landschaft ist meine Inspiration“, sagt der 80-Jährige. Anlässlich seines Geburtstags zeigt die Galerie Budissin bis zum 13. August Malerei und Plastik aus den vergangenen Jahren.

Lutz Jungrichter steht in den Galerieräumen in der Bautzener Schlossstraße zwischen Skulpturen und den Gemälden an der Wand. Die geöffnete Tür lockt eine Passantin. „Darf ich hereinkommen“, fragt sie und vertieft sich in die Arbeiten. Nebenbei will sie wissen, ob die Bilder ein regionaler Künstler gemacht habe. Der Ausgestellte schmunzelt, offensichtlich mag er nicht den Mittelpunkt. Stattdessen genießt der Autodidakt, wie er sich selbst nennt, sein Atelier in Rabitz bei Kubschütz als ein Refugium, wo er an der Staffelei mit seinen Farben und Themen, „die in mir drin sind“, fast noch täglich eins werden kann.

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Dresdner Bombennacht in Bautzen überlebt

Maler an der Staffelei üben auf den jungen Lutz Jungrichter im Nachkriegs-Bautzen eine besondere Faszination aus. Durch ein Glück überleben er, seine Schwester und Mutter die Dresdener Bombennacht im Februar 1945. „Wir waren zufällig bei der Großmutter in Bautzen. Von unserer Wohnung in der Nähe des Hauptbahnhofs stand danach nichts mehr“, denkt der Künstler zurück. Er ist damals gerade einmal vier Jahre alt. Auch an der Spree wird in diesen Tagen Schutzalarm ausgelöst, in einem Keller unter der heutigen Tourist-Information finden die Gestrandeten Unterschlupf. Noch gut erinnert sich Lutz Jungrichter an diese Stunden. „Irgendjemand sagte: Seht Ihr das Rot im Westen. Dresden brennt.“

Eine Ein-Raum-Wohnung in der Bautzener Neustadt wird nach dem Ende des Kriegs das neue Zuhause der ausgebombten Familie, für den kleinen Jungen beginnt eine Abenteuerzeit. Zwei Leitern ersetzen die kaputte Scharfenwegbrücke. Mit dem Schlüssel um den Hals räubert er durch Ruinen und stellt sich schweigend hinter die Maler, die das zerstörte Bautzen auf Leinwand festhalten. Er begegnet Künstlern wie Friedrich Krause-Osten und Alfred Herzog. Die Maler sitzen gleich neben der Alten Wasserkunst. „Es beeindruckte mich, was auf dem Papier entstand.“ Diese Begegnungen wecken eine Sehnsucht, die Arbeit mit Farben selbst auszuprobieren.

Geld verdient als Gutachter für Sturmschäden

Ein Neulehrer in der Schule erkennt das Talent und fördert Lutz Jungrichter bei einer Arbeitsgemeinschaft. Doch von der Kunst zu leben, ist Mitte der 1950er-Jahre unvorstellbar.Stattdessen heuert der Jugendliche zu einer Ausbildung als Gebrauchswerber an. „Wir haben Transparente geschrieben, die kein Mensch gelesen hat“, sagt er. Seine Mit-Lehrlinge bekommen mit, dass er ein guter Radfahrer ist. Also steigt er auf seinen Sattel, um die Schaufenster der Konsumgenossenschaft im Norden des Landkreises Bautzen mit Waschmittel- und Nudelpaketen zu bestücken. „Dieses ständige Aufbauen von einer Gestaltung, um es wenig später wieder abzureißen, war nicht mein Ding“, sagt er.

Stattdessen nutzt Lutz Jungrichter jede freie Minute für die Malerei. Er belegt Kurse am Kunstkabinett im Atelier in der Fischergasse, unter anderem bei Harald Metzkes. Nach einem Jahr im Beruf kündigt er 1959 seine feste Anstellung und geht eigene Wege. Der Freund und ebenso Künstler Horst Bachmann nimmt ihn unter seine Fittiche. In Rabitz sanieren sie eine alte Ruine als Atelier und Wohnort. Um Geld zu verdienen, arbeiten sie als selbstständige Gutachter für Sturmschäden für die staatliche Versicherung der DDR. Nebenher besuchen Bachmann und Jungrichter Carl Lohse, Marianne Britze und andere bekannte Maler. Sie leben, um zu malen. Bautzener Boheme.

Skizzenbuch ersetzt Fotoapparat

Lutz Jungrichter nennt seine acht Jahrzehnte „Schule des Lebens“, zu der auch seine Frau, die Goldschmiedemeisterin Ferun Jungrichter-Funkat, gehört. Gemeinsam bauen sie ab Mitte der 1970er-Jahre an ihrem Kreativort mit Blick auf Bautzen eine Werkstatt für Emaillearbeiten und Schmuck auf. Die Arbeiten sind in den Kunsthandwerksläden gefragt. Doch nach der Wende schließen diese. Um die Familie über Wasser zu halten, nimmt der Mitinitiator des Bautzener Kunstvereins eine Arbeitsbeschaffungsmaßnahme an. Auf den Friedhöfen dokumentiert er die historischen Grabsteine.

Die Zeit nach 1990 nutzt der Künstler zum Reisen. Von diesen Eindrücken schöpft Lutz Jungrichter bis heute, wie die aktuelle Ausstellung in der Galerie Budissin zeigt. Besonders zieht es ihn nach Italien, nach Venedig, Florenz, Rom, Sizilien. Neben diesen Erinnerungen schöpft er bis heute viele seiner Ideen aus den Spaziergängen mit dem Hund. Statt Skizzenbuch hat er inzwischen einen Fotoapparat dabei, um Motive festzuhalten. Doch nicht nur auf der Staffelei steht immer ein Bild. Erst vor gut 15 Jahren hat er zur Plastik gefunden, er bearbeitet Sandstein und kreiert eine eigene Modelliermasse. „Ich hatte Lust“, sagt er bescheiden.

Die Besucherin ist verschwunden, auch Lutz Jungrichter schließt die Tür. „Die produktivsten Tage im Atelier sind jene, an denen ich raufgehe, um nur zu schauen. In solchen Augenblicken erkennt man, was einem Bild noch fehlt oder was zu viel ist“, sagt der Künstler. Mit ihm ins Kunst-Gespräch können Interessierte am 22. Juli in der Galerie Budissin kommen. Beim Treffpunkt Galerie steht der Künstler im Mittelpunkt – ein Ort, den Lutz Jungrichter offensichtlich lieber mit Abstand betrachtet.

Galerie Budissin, Schloßstraße 19 in Bautzen, Öffnungszeiten Dienstag bis Sonnabend 14 bis 18 Uhr; Treffpunkt Galerie mit Lutz Jungrichter am 22. Juli um 19 Uhr
www.kunstverein-bautzen.de

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