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Auf Streifzug mit dem Dichterförster

Zum 100. Geburtstag von Gottfried Unterdörfer erscheinen unveröffentlichte Erzählungen des Schriftstellers aus Uhyst. Darunter ist eine Besondere.

Zum 100. Geburtstag des Dichterförsters Gottfried Unterdörfer haben Johanna Gruner vom Heimatverein Uhyst/Spree und Verleger Lars-Arne Dannenberg bisher unveröffentlichte Arbeiten des Autors im Buch „Mädchen vor dem Fenster“ herausgebracht.
Zum 100. Geburtstag des Dichterförsters Gottfried Unterdörfer haben Johanna Gruner vom Heimatverein Uhyst/Spree und Verleger Lars-Arne Dannenberg bisher unveröffentlichte Arbeiten des Autors im Buch „Mädchen vor dem Fenster“ herausgebracht. © SZ/Uwe Soeder

Uhyst/Spree. Die Bücher passen kaum unter den Arm von Johanna Gruner. Auf dem Tisch im Gemeindeamt mitten in Uhyst legt sie den Stapel ab. Ein Frühlings-Regenguss verlegt den Termin von draußen nach drinnen. „Das sind unsere gesammelten Werke von Gottfried Unterdörfer aus unserer kleinen Ausstellung“, sagt die Vorsitzende des Heimatvereins. Aus einem gepolsterten Briefumschlag zieht sie ein weiteres Buch. Der Band „Mädchen vor dem Fenster“ ist frisch anlässlich des 100. Geburtstags, den der Erzähler dieses Jahr hätte feiern können, im Via Regia Verlag erschienen. Er versammelt 19 bisher unveröffentlichte Geschichten des Mannes, der Förster und Dichter war und seine Leidenschaft für Natur und Menschen gern aufs Papier brachte.

Johanna Gruner fischt ein Buch aus dem Stapel. Die 64-Jährige blättert in „Weltreise ins lange Holz“ und sucht nach ihrer Lieblingsgeschichte „Nicht die Bäume allein“. „Ich bin keine gute Vorleserin“, wiegelt sie ab und erweckt mit der Stimme einen kleinen Vierjährigen zum Leben, den Gottfried Unterdörfer beim Einkaufen seinerzeit im Konsum beobachtete. „Er beschreibt die Situation unaufgeregt, mit so viel Zuneigung. Er nimmt den Jungen einfach ernst“, sagt sie. Der Kleine ist längst erwachsen, in der Umgebung aber weiß wohl fast jeder, wem der Schriftsteller aus dem Forsthaus zwischen Uhyst und Mönau diese Zeilen widmete.

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Kohlebagger verschlingen aufgeforstete Bäume

In das Wald-Revier am heutigen Bärwalder See kommt Gottfried Unterdörfer nach dem Ende seiner Kriegsgefangenschaft. Vier Generationen Forst-Erfahrung bringt er mit. Ursprünglich stammt die Familie aus Zschornau bei Kamenz, wo der Autor am 17. März 1921 geboren wird. Die Einberufung unterbricht seine forstwirtschaftliche Ausbildung. Im Vorwort der jüngsten Publikation schreibt sein Sohn Burkhard über den Vater: „Als Infanterieoffizier an der Ostfront lernte er die Schrecken des Krieges kennen und wurde mehrfach verwundet. Erste Gedichte entstanden in russischer Gefangenschaft, aus der er im Dezember 1949, gesundheitlich gezeichnet, zurückkehrte“.

Sein neuer Lebensmittelpunkt wird das idyllische Dorf mitten im Heide- und Teichland. Die Braunkohlebagger werden erst später anrücken, die seine gerade aufgeforsteten Bäume wieder verschlingen werden. „Ich erinnere mich an einen stillen, leisen Menschen, höflich, jemand, der sich nie in den Vordergrund stellte“, sagt Johanna Gruner. Ihre Wiege steht im Gasthof „Drei Linden“ in Uhyst, nach ihrem Ökonomie-Studium übernimmt sie im Ort den Konsum. Die Episode mit dem kleinen Jungen hätte sich gut vor ihrer Ladentheke abspielen können.

Im Alltäglichen das Besondere entdeckt

Ihre ersten Erinnerung an den wohl bekanntesten Einwohner des Dorfes geht in die Schulzeit zurück. Eicheln und Kastanien haben die Elf-, Zwölfjährigen im Forsthaus abgegeben, um Geld für die Klassenkasse zu sammeln. Ihr erstes Unterdörfer-Buch erhält die Heimatvereinsvorsitzende schließlich 1979 von ihm zur ihrer Hochzeit . Damals ist Gottfried Unterdörfer schon ein anerkannter Lyriker und Erzähler in dem kleinen Land namens DDR. Sein erstes Buch erscheint Ende der 1950er-Jahre. „Gottfried Unterdörfer fand im Alltäglichen das Besondere und beschrieb die unscheinbaren Wunder der Natur. Im Forsthaus entstanden zahlreiche Erzählungen, Prosatexte und Lyrik, in denen er seine Gedanken zum Beruf, zu Naturbeobachtungen, zu seiner christlichen Überzeugung, zur bildenden Kunst und den Menschen seiner Umgebung aufgeschrieben hat“, sagt der Sohn über den Vater.

Für Verleger Lars-Arne Dannenberg ist „Mädchen vor dem Fenster“ die zweite Unterdörfer-Publikation gemeinsam mit dem Heimatverein. Die Uhyster gaben nach dem Tod des Dichters 1992 auch den ersten Anstoß für die Herausgabe neuer Erzählbände ihres schreibenden Försters nach der Wende. 1999 erschien im Lusatia Verlag Bautzen „Ich möchte einen Kranich sehen", 2010 folgte der Erzählband „Als die Sümpfe blühten“. 2019 publizierte der Via Regia Verlag „Blätter unter Licht und Schatten“. Zur Buchpremiere kamen damals knapp 140 Gäste. „Ich weiß, es gibt auch jetzt schon Leser, die auf den neuen Band warten“, sagt Johanna Gruner.

Mancher kann sich in den Erzählungen wiederfinden

Lars-Arne Dannenberg kennt schon die neuen Geschichten, die aus seiner Sicht nochmals die ganze Breite des erzählerischen Werks des Autors zeigen. „Die meisten sind autobiografisch angehaucht, sie lassen den Leser an den Kriegstagen und dem späteren Berufsleben teilhaben. In den Texten spürt man die Achtung vor der Schöpfung und Geschöpfen“, sagt der Verleger aus Königsbrück. Für den neuen Erzählband hat Burkhard Unterdörfer – höchstwahrscheinlich ein letztes Mal - in den Manuskripten gestöbert und unter anderem mit „Mädchen vor dem Fenster“ das umfangreiste Prosawerk seines Vaters im reichhaltigen Konvolut entdeckt.

Wiederfinden wird sich auch mancher Uhyster und andere Wegbegleiter in dem bisher unveröffentlichten Material. „Bei älteren Lesern werden diese Texte vielleicht eigene Erlebnisse und Erinnerungen wachrufen, und den jüngeren vermitteln sie Einblicke in längst Vergangenes“, schreibt der Nachlassverwalter in seinem Vorwort und fügt noch ein Unterdörfer-Zitat hinzu: „Wenn ich an Uhyst denke, ist mir, als sei das eine sonnige Insel unseres Lebens“.

Das ist auch Stichwort für die dunklen Regenwolken. So schnell, wie sie gekommen sind, sind sie wieder verschwunden. Vor dem Eisladen tummeln sich ein paar Kinder, ausgelassen, fröhlich. An der bunten Schar hätte der stille Beobachter Gottfried Unterdörfer sicherlich seine Freude gehabt.

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