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Wie ein Maler aus Slowenien in Paris die Sorben entdeckte

Die Aussicht auf eine Spende lockt Ante Trstenjak in die Lausitz. Das Geld bleibt aus. Doch es entstehen bemerkenswerte Bilder – zeigt eine Schau in Bautzen.

„Jahrmarkt im Spreewald“ heißt dieses Gemälde von Ante Trstenjak. Es ist Teil einer neuen Ausstellung im Sorbischen Museum Bautzen. Der Kunstsammler Jurij Wuschansky setzt sich schon länger für die Würdigung des slowenischen Künstlers ein.
„Jahrmarkt im Spreewald“ heißt dieses Gemälde von Ante Trstenjak. Es ist Teil einer neuen Ausstellung im Sorbischen Museum Bautzen. Der Kunstsammler Jurij Wuschansky setzt sich schon länger für die Würdigung des slowenischen Künstlers ein. © SZ/Uwe Soeder

Bautzen. Schüchtern senkt das junge Mädchen seinen Blick auf die Näharbeit. Auf dem Kopf trägt sie eine sorbische Haube, das Haar ist streng gescheitelt. So ganz wohl scheint ihr die Situation nicht zu sein. Ihr Beobachter ist Ante Trstenjak (1894 – 1970). Mit schnellen Graphitstrichen geht der Künstler über das Papier, um den Augenblick festzuhalten.

Christina Bogusz zeigt auf das Bild. „Wir vermuten, dass es eine der ersten Arbeiten ist, die bei Trstenjaks Aufenthalt in der Lausitz entstand“, sagt die Direktorin des Sorbischen Museums. Unter dem Titel „Farben in der Ferne“ zeigt das Haus auf der Ortenburg eine große Werkschau des Malers.

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Dieses Bild mit dem Mädchen bei der Näharbeit aus dem Jahr 1928 ist zurzeit im Sorbischen Museum in Bautzen zu sehen.
Dieses Bild mit dem Mädchen bei der Näharbeit aus dem Jahr 1928 ist zurzeit im Sorbischen Museum in Bautzen zu sehen. © Repro: SZ/Uwe Soeder

Das Bild mit dem schüchternen Mädchen ist auf das Jahr 1928 datiert. Mit der Bahn reist Ante Trstenjak seinerzeit in Bautzen an. Er kommt aus Prag, wo der gebürtige Slowene an der Akademie der Künste studiert. Sein Quartier bezog er auf der Kleinseite unweit des Wendischen Seminars. Er freundet sich mit Studenten aus der Lausitz an. Um sein Interesse für den Landstrich aber gänzlich zu wecken, muss der Suchende 1924 erst einen Umweg über Paris machen. Dort trifft er auf Marie des Vaux Phalipau, Mäzenin und Vorsitzende des Freundschaftskreises „L’Association des Amis des la Lusace“, eine Vereinigung für Künstler mit slawischen Wurzeln.

Jene Marie des Vaux Phalipau schwärmt dem Neuankömmling von Ludvik Kuba und Měrćin Nowak-Njechorński vor. Der Spätimpressionist Kuba bereist ab 1886 mehrfach das Land der Wenden, um die Vielfalt und Schönheit sorbischer Trachten festzuhalten. Seine Bilder werden 1922 in Prag mit dem Titel „Aus der Lausitz“ gezeigt. Die Schau begeistert Ante Trstenjak. Er erinnert sich an seiner Pariser Unterstützerin, sie hatte ihm nämlich versprochen, ihm finanziell für seinen Abstecher in die Lausitz unter die Arme zu greifen. Die Spende aus Paris bleibt aus. Dafür ist auf die Lausitzer Freunde Verlass.

Am Anfang stehen Skepsis und Aberglaube

Der sorbische Philosophiestudent Georg Hentschel und Georg Ziesch, ein Student der Rechtswissenschaft, ebnen Ante Trstenjak den Weg in ihre Heimat. Die Menschen zwischen Spreewald und Oberland begegnen dem Fremden jedoch zuerst mit Skepsis und Aberglaube. Sie erzählen sich, dass junge Mädchen, die einem Maler Modell sitzen, nicht mehr heiraten können, weiß Christina Bogusz. Sie zeigt auf die Zeichnung mit der Schüchternen, vermutlich eine Hentschel-Schwester. Sicher hat ihr großer Bruder ein gutes Wort bei ihr für seinen Maler-Freund eingelegt.

Den Anstoß für die Ausstellung gab der Bautzener Kunstsammler Jurij Wuschansky. Schon länger begeistert er sich für die Arbeiten des Slowenen und machte sich deshalb auf die Suche nach dem zum Teil noch unentdeckten Werk des Künstlers. Hilfe erhielt er unter anderem von einem Kunstfreund in Slowenien, den er durch einen sorbischen Ferienkurs kennengelernt hat. Er vermittelt ihm Kontakte nach Maribor, wo Trstenjak bis zu seinem Tod 1970 gelebt und gearbeitet hat. Ein Großteil seines Nachlasses befindet sich in der dortigen Kunstgalerie.

Häufig hat Ante Trstenjak sorbische Trachten aufs Papier gebracht, zum Beispiel mit dieser katholischen Brautjunfer.
Häufig hat Ante Trstenjak sorbische Trachten aufs Papier gebracht, zum Beispiel mit dieser katholischen Brautjunfer. © Repro: SZ/Uwe Soeder

Neben der Kunstgalerie im slowenischen Maribor gehört das Nationalmuseum Prag zu den Partnern der neuen Ausstellung. Gezeigt werden 110 Arbeiten, darunter sind auch Teile des Werks von Ludvik Kuba. „Die Lausitz hatte immer wieder das Glück, dass Ausnahmekünstler zum Arbeiten in die Region gekommen sind. Mit ihrer Hilfe wurden die Sorben bekannter. Zugleich stiegen ihr Selbstbewusstsein und der Stolz auf die eigene Kultur und Traditionen“, sagt Jurij Wuschansky.

Das zeigen die Bilder der Ausstellung deutlich. Trstenjaks erste, fast zärtlich, hingeworfene Studie des schüchternen Mädchens macht schnell die Runde in der Lausitz. Bald öffnen sich für ihn durch das Freundes- und Künstlernetzwerk viele Türen. Der Slowene reist mit dem Bus, dem Motorrad und zu Fuß durch das Land. Neben der Dokumentation der Trachten hält der Künstler auch Landschaften fest und porträtiert sorbische Intellektuelle.

Vor Ort skizziert, im Atelier vervollständigt

Meistens skizziert er die Motive vor Ort, auch ein paar schnelle Aquarelle entstehen. Im Prager Atelier stellt er die Gemälde fertig. Erstmals werden seine Lausitzer Bilder über den Jahreswechsel 1928/29 im Wendischen Haus in Bautzen ausgestellt, danach gehen sie nach Prag.

Im Werkverzeichnis Ante Trstenjaks finden sich nach Jurij Wuschanski Aussagen mehr als 50 Arbeiten, die auf seinen Aufenthalt in der Ober- und Niederlausitz zurückgehen. Eine große Auswahl davon zeigt die Ausstellung „Farben in der Ferne“ bis 9. Mai 2021. Danach ist die Schau bei den Partnern in Slowenien und Tschechien zu sehen, zum Teil ergänzt mit eigenen Perspektiven auf das Werk des Künstlers.

Zur Ausstellung ist ein neuer Werk-Katalog entstanden. Außerdem gibt es ein umfangreiches Rahmenprogramm mit Aquarellmalerei-Workshops, Vorträgen und Führungen.

Die Ausstellung „Farben der Ferne. Der Maler Ante Trstenjak und die Lausitzer Sorben“ ist bis zum 9. Mai 2021 im Sorbisches Museum auf der Bautzener Ortenburg zu sehen.

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