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Wie Bautzen zu seinem Puppentheater kam

Heide Schneider war vor 60 Jahren eines der Gründungsmitglieder. Sie berichtet von einer Erfolgsgeschichte mit einigen Turbulenzen.

Heide Schneider aus Bautzen blättert in einem Fotoalbum mit Erinnerungen an ihre Marionettenspielerzeit. Sie gehörte von Anbeginn zum Ensemble des Puppentheaters in Bautzen, wo sie bis Anfang der 1980er-Jahre aktiv war.
Heide Schneider aus Bautzen blättert in einem Fotoalbum mit Erinnerungen an ihre Marionettenspielerzeit. Sie gehörte von Anbeginn zum Ensemble des Puppentheaters in Bautzen, wo sie bis Anfang der 1980er-Jahre aktiv war. © SZ/Uwe Soeder

Bautzen. Ein paar Seiten sind schon locker im Fotoalbum. Heide Schneider blättert sich durch das Buch. Mit jedem weiteren Blatt werden Erinnerungen wach. Im hinteren Teil hält die 78-Jährige inne. Zwei Portraits schauen sie vom Karton an. „Das sind meine Mutter Erna Pfeiffer und mein Stiefvater Herbert Ritscher, die vor 60 Jahren das Bautzener Puppentheater gründeten“, sagt die Bautzenerin. Auch sie gehörte zum Ensemble der ersten Stunde.

Heide Schneider sucht nach einer Schwarz-Weiß-Fotografie und legt sie auf den Tisch. Das Bild zeigt ein junges, fröhliches Mädchen im Kreis von Marionetten. „Da bin ich beim Umzug der Figuren im Alten Rathaus in Leipzig 1959. Das waren Auftritte“, erinnert sich die Puppenspielerin.

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Ein Jahr vorher beschließt die damalige Schülerin, die 11. Klasse an der Sorbischen Oberschule zu schmeißen. Gegen ihre Berufswünsche – von Försterin über Tierpflegerin im Zoo Leipzig bis Stewardess – hatte ihre Mutter immer ein Veto eingelegt. Die Gründe? Es war eben eine andere Zeit. Dabei ist Erna Pfeiffer nach den Erzählungen ihrer Tochter eine resolute, selbstbestimmte Frau. Ihren späteren Ehemann, Herbert Ritscher, lernt sie in Bautzen kennen. Der Spross aus einer der wohl bekanntesten deutschen Marionettenspielerfamilien ist an der Spree als Soldat stationiert. Die Theaterdynastie geht auf Ernst Ritscher (1853-1943) zurück.

Marionettenspielerin Heide Schneider hielt im wahrsten Sinne des Wortes die Fäden in der Hand. Unzähligen Puppen hat sie auf der Bühne Leben eingehaucht.
Marionettenspielerin Heide Schneider hielt im wahrsten Sinne des Wortes die Fäden in der Hand. Unzähligen Puppen hat sie auf der Bühne Leben eingehaucht. © privat

Insgesamt war die Familie über sieben Generationen als Puppenspieler tätig, es existierten mindestens sechs verschiedene Ritscher-Bühnen, die hauptsächlich im sächsischen Erzgebirge und der Lausitz reisten.

Herbert Ritscher ist seinerzeit in der Kantstraße kaserniert. Erna Pfeiffer kommt immer mal wieder aus Friedersdorf nach Bautzen, um eine Verwandte zu besuchen und tanzen zu gehen. Dabei lernt die junge Mutter den Künstler kennen. Ihr Mann ist im Krieg und wird aus dem Grauen auch nicht zurückkehren. Nach Kriegsende sträubt sie sich, in die Landwirtschaft zu gehen. Stattdessen heuert sie – gegen das Gezeter der Eltern – bei Ritschers Wandermarionettenbühne an.

Auch im Winter ist der Wohnwagen das Zuhause

Als ein Mitarbeiter gen Westen flieht, fängt auch Heide Schneider nach ihrem selbstbewussten Oberschulabgang im Unternehmen als Elevin an. „Ich hatte eine harte Ausbildung“, fasst sie die Zeit zusammen. Die Fotografien im Album geben nur einen Ausschnitt der Vergangenheit wieder.

Das Bild vom Wohnwagen erzählt nicht, wie kalt die Winter darin waren. Die lustigen Marionetten erzählen nicht, welches Gewicht die Puppenspieler führen mussten. Das Bild aus dem Alten Rathaus in Leipzig erzählt nicht, dass die so glücklich wirkende Heide schnell zum Bahnhof flitzen musste, um auf Toilette zu gehen. Wanderbühne bedeutet auch wandern, immer wieder schwere Bühnenteile aufzubauen. Die Sommer sind schön. Da steht das Theater am Ostseestrand.

Herbert Ritscher, der Stiefvater von Heide Schneider, gründete mit ihrer Mutter zusammen vor 60 Jahren das Bautzener Puppentheater.
Herbert Ritscher, der Stiefvater von Heide Schneider, gründete mit ihrer Mutter zusammen vor 60 Jahren das Bautzener Puppentheater. © privat

Heide Schneider lässt die Gedanken wandern. „Sie hätten die Zeit erleben sollen. Es war toll, aber auch ärmlich“, sagt sie. Vielleicht entschließt sich deshalb auch Herbert Ritscher, das Angebot der Domowina anzunehmen. Irgendwann klopft ein Funktionär an die Tür seines Wohnwagens und fragt, ob er sich nicht vorstellen könne, in Bautzen die Marionettenbühne des Sorbischen Volkstheaters aufzubauen – mit sorbischen Stücken.

Es bietet sich an, außer dem Impresario sprechen Heide Schneider, ihre Mutter und der schnell hinzukommenden Puppenspieler Martin Schneider Sorbisch. So wird im Januar 1961 aus dem privaten ein staatliches Theater. Die Spieler zeigen erst ihr „mitgebrachtes Repertoire“. Doch schnell setzt sich Ritscher hin und schreibt eine Marionettenfassung zum bekanntesten sorbischen Sagenstoff. „Meister Krabat“ feiert am 5. Juni 1961 zuerst in sorbischer, fünf Wochen später auch in deutscher Sprache Premiere.

"Flohkino" ist nur schwer zu beheizen

Auch „Nitka Witka“ - die sorbische Kasperfigur - ist von Anfang an dabei. Doch die Bedingungen für die Puppenspieler werden nur langsam besser. Weil kein Wohnraum zur Verfügung steht, kommt der Wohnwagen hinter die Sozietät in den Garten. Gespielt wird auf Abstechern, geprobt wird an unterschiedlichsten Orten.

Durch die Fusion mit dem Stadttheater Bautzen wird die Puppenbühne 1963 Sparte des Deutsch-Sorbischen Volkstheaters. Sechs Jahre später erhalten die Puppenspieler erstmals eine feste Spielstätte im Lauengraben. Das sogenannte „Flohkino“ macht seinem Namen alle Ehre, ist nur schwer zu beheizen und auch sonst sind die Bedingungen mehr schlecht als recht.

1970 stirbt Herbert Ritscher überraschend. Heide Schneider, inzwischen mit staatlicher Bühnenreife als Puppenspielerin, und ihre Mutter bleiben, das Ensemble wächst.

Die sorbische Kasperfigur Nitka Witka gehörte von Anfang an zum Bautzener Puppentheater.
Die sorbische Kasperfigur Nitka Witka gehörte von Anfang an zum Bautzener Puppentheater. © privat

Ab Mitte der 1970er-Jahre widmet sich der Spielplan wieder Stücken für Erwachsene. Gern erinnert sich die Bautzenerin an die Inszenierung „Das Puppenspiel vom Dr. Faust“ unter dem Regisseur Carl Schröder. Er sagte ihr: Heide, Du spielst den Hanswurst. "Das war ein Schock, eine männliche Figur. Ich hab‘s gepackt“, sagt sie noch heute stolz. Auch Pinocchio oder die Hexe Baba Jaga waren lange Wegbegleiter. Die derben, statt der filigranen Rollen lagen ihr.

Den Nachlass der Ritscher-Marionettenbühne hat Heide Schneider längst an Museen weitergegeben. Die Erinnerungen an die turbulenten Zeiten aber bleiben. Ihren Beruf als Puppenspielerin hängt sie Anfang der 1980er-Jahre an den Haken. Neben der Bühne hat sie einen Erzieherabschluss gemacht und wird noch Facharbeiterin für Schreibtechnik. Sie arbeitet im Gericht als Protokollantin, kümmert sich um Kulturveranstaltungen in der Weigangschen Villa, dem Klubhaus des Rates des Kreises, und baut nach der Wende das Spielmobil auf.

Jubiläum soll im Mai gefeiert werden

Ihrer Puppenbühne bleibt Heide Schneider trotzdem treu – und verfolgt deren Werdegang. Mit dem Einzug auf der Ortenburg im Jahre 2003 erhalten die Puppenspieler nach vielen Provisorien ein eigenes Theater. „Ich bin so froh für meine Kollegen, dass sie eine feste Spielstätte haben“, sagt die Seniorin. Selbst hat sie beim Stück „Die Eisbären“ als Statistin mal wieder Theaterluft auf der Bühne geschnuppert.

Und natürlich freut sich das langjährige Ensemble-Mitglied auf den Mai. Dann soll es nämlich eine Festwoche zum Jubliäum 60 Jahren „Bautzener Puppenbühne“ geben. Parallel zur Festwoche finden auch das 8. Sächsische Puppentheatertreffen vom 20. bis 22. Mai und das Deutsch-Polnische Open-air-Puppentheaterfestival vom 27. bis 30. Mai statt.

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