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Hexenbäumen und Halbschmarotzern auf der Spur

In Schmochtitz erzählt Umweltpädagogin Christine Weber botanische Schlossparkgeschichten und gibt Gästen einen Einblick in die Welt stiller Giganten.

Umweltpädagogin Christine Weber führt Besucher durch den Park des Bildungsgutes in Schmochtitz.
Umweltpädagogin Christine Weber führt Besucher durch den Park des Bildungsgutes in Schmochtitz. © SZ/Uwe Soeder

Schmochtitz. Langbeinig stakst der Storch über die frisch gemähte Wiese. Es duftet nach Sommer im Park des Schmochtitzer Bildungsguts. Christine Weber blickt dem Stelzerich hinterher, der suchend im frischen Heu nach Leckereien Ausschau hält. Die Umweltpädagogin bleibt mitten auf dem geraden Weg zwischen dem einstigen Schloss und der Sandsteinskulptur in Form einer Kokospalme am Ende der Anlage stehen. Alte und einzeln nachgepflanzte Linden säumen den Pfad.

„Diese Allee ist typisch für solche Parks im Barock- und Rokoko-Stil“, sagt die 38-Jährige. Zur ihrer Aufgabe im Begegnungshaus des Bistum Dresden-Meißen gehören botanische Führungen durch die Welt der stillen Giganten. Die Park-Ursprünge gehen zurück auf den kurfürstlich-sächsischen Hausmarschall Peter August von Schönberg. Der Adlige erwirbt 1763 das Gut. Er lässt es großzügig ausbauen, legt den Garten an und übergibt das Anwesen nach seinem Tod der Tochter Auguste Charlotte, spätere Gräfin von Kielmannsegge.

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Im Schmochtitzer Park gibt es außer alten Bäumen auch einige andere Dinge zu entdecken, zum Beispiel diese Sandsteinskulptur in Form einer Kokospalme.
Im Schmochtitzer Park gibt es außer alten Bäumen auch einige andere Dinge zu entdecken, zum Beispiel diese Sandsteinskulptur in Form einer Kokospalme. © SZ/Uwe Soeder

Mehr als 100 Jahre später gestaltet 1892 der Unternehmer Otto Thost den Park nach seinem Geschmack nochmals um – so wie ihn Besucher nun kennen. Schon immer allerdings trennt die kopfsteinpflastrige Via Regia, die heute nach Loga führt, den Park in zwei Teile.

Christine Weber schaut lieber nach oben statt zurück. Ihre Leidenschaft gehört den Bäumen. Ein paar Schritte in den Park hinein weist sie auf ein kleines Erlenwäldchen. Normalerweise lieben dessen Stämme moorige Böden. „Es gibt Zeiten, da sinkt man hier ein. Aus der Mythologie kennen wir Erlen als Hexenbaum, Goethes Erlkönig steht für den Tod“, sagt die studierte Geografin. Es ist leicht vorstellbar, wie vor Jahrhunderten die Bäume mit den eiförmigen Blättern zu ihrem Ruf kamen. Der Wind an diesem bedeckten Vormittag lässt sie wispern.

Oval, leicht rautenförmig ist dagegen das Blatt der Birke, die sich weißstämmig in den Park hineinmogelt. „Warum sind Birken weiß“, fragt Christine Weber. Sie lässt eine Pause für die Gäste und erklärt, dass der „faszinierende Schmarotzer“ eine Pionierpflanze sei. Die Bäume sind dort, wo normalerweise sonst noch nichts anderes steht. Deshalb brauchen sie die weiße Rinde als Hitzeschutz. Verantwortlich für die weiße Farbe ist das Betulin. Der Wirkstoff findet sich in vielen Hautcremes und hilft bei chronischen Hauterkrankungen.

Alleen wie diese sind typisch für Parks im Barock- und Rokoko-Stil.
Alleen wie diese sind typisch für Parks im Barock- und Rokoko-Stil. © SZ/Uwe Soeder

31 verschiedene Baumarten zählt der Schmochtitzer Park – von der Buche über die Eiche, die Magnolie und die Weide bis zum Mammut- und Tulpenbaum. An manchen Stellen bilden ihre Äste eine beschützende Kuppel aus Blättern. Zu jedem kann Christine Weber botanische Geschichten erzählen. Die längste Zeit ihrer Kindheit hat die gebürtige Schwarzwälderin in Brüssel verbracht, wo ihr Vater für die Bundeswehr tätig war. Sachsen ist ihre Wahlheimat. Besonders liebt sie Wald und Mittelgebirge.

Die Umweltpädagogin stellt sich auf die Zehenspitzen und fingert fast liebevoll nach einem Blatt. Die meisten lässt sie nach der Betrachtung ohne Schaden wieder nach oben schnellen. Wieder will Christine Weber wissen, um welchen Baum es sich handelt. „Es ist ein gefiedertes Blatt wie bei der Esche. Es ist aber rund“, erklärt sie und baut gleich eine Eselsbrücke zur Robinie. Die weißen, gestielten Blüten verströmen in ihrer Hauptblütezeit einen betörenden Duft. Auch deshalb ist die sogenannte Scheinakazie erst bei Bienen und dann bei Imkern beliebt.

Mit dieser Information führt noch ein kurzer Abstecher zum Denkmal der Opfer aller Kriege auf die kleine Insel. Darauf blüht Hain-Wachtelweizen gelb-lila. Die Umweltpädagogin nennt ihn einen „seltenen Halbschmarotzer“. Der nächste Halt ist im Park mit dem Ringgraben direkt an Schloss und Scheune. Das Schmochtitzer Wasser speist das Grabensystem. „Hierher sollen Forellen zurückkehren. Das Wehr ist alt und zerfällt, dafür soll eine Fischtreppe eingebaut werden“, sagt Christine Weber.

Teiche, Wassergräben und Brücken bieten im Schmochtitzer Park romantische Anblicke.
Teiche, Wassergräben und Brücken bieten im Schmochtitzer Park romantische Anblicke. © SZ/Uwe Soeder

Sie macht nicht nur Führungen durch den Park, sondern behält auch dessen Gesundheit im Blick. Wieder fingert sie nach einem Blatt. Es ist verkehrt eiförmig und die untere Blattseite rau wie Schmirgelpapier. Mit all diesen Eigenschaften kann es nur einen Baum geben: die Ulme. Sie ist ein Sorgenkind der Umweltpädagogin. Der stille Gigant hat seinen Stamm aus zwei Trieben gebildet. „So ein Zwiesel steht für Gefahr. Die Wunde nässt schon. Idealerweise müssten wir eine Kronensicherung machen“, sagt die Baumexpertin und geht in den früheren Wirtschaftshof. „Zukunftshof“ nennt sie das Areal, weil Magnolie und Eisenholzbaum mit den sich wandelnden Klimabedingungen umgehen können.

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Weiter geht es vorbei an der ausladenden Blutbuche, 200 Jahre alten Eichen, einem Tulpenbaum mit Blüten in weiß-orange erst in den Paradiesgarten und dann über die Straße auf eine Streuobstwiese. „Hier auf dem Hektar wollen wir noch mehr alten Sorten aus der Region pflanzen, einmal im Jahr ein Apfelfest feiern. Wer möchte, kann eine Baumpatenschaft übernehmen“, sagt Christine Weber. Mit 3.000 bis 5.000 Arten sei eine Streuobstwiese eines der wertvollsten Biotope. Vielleicht landet dieser Fakt auch im Park-Guide für die Ohren genauso wie jener, ob Bäume schlafen. Aber das wäre schon die nächste Geschichte.

Mehr Infos zu den Parkführungen: www.bildungsgut-schmochtitz.de
Vom 2. bis 6. August gibt es in Schmochtitz einen Bildhauerei-Kurs unter dem Titel "Zwischen Rittergut und Schlosspark“ mit der Dresdner Bildhauerin Moreen Vogel. Anmeldungen dafür sind möglich unter Telefon 035935 22172 oder per E-Mail an [email protected].

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