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Gesucht: Großmutters Topf-Geheimnisse

Ein Verein möchte alte sorbische Rezepte retten. Sie sollen im Internet – und vielleicht sogar als Kochbuch veröffentlicht werden.

Der dreijährige Finn bäckt mit seinem Großvater Andreas Haidan Plätzchen nach dem Rezept seiner Urgroßmutter.
Der dreijährige Finn bäckt mit seinem Großvater Andreas Haidan Plätzchen nach dem Rezept seiner Urgroßmutter. © SZ/Uwe Soeder

Bautzen. Finn steht die Kochmütze gut. „Opa, ich brauche Teig“, sagt der Dreijährige zu Andreas Haidan. Der Herd in der Küche im Landhotel bleibt an diesem Vormittag kalt. Stattdessen hat der Küchenchef den Backofen zum Plätzchenbacken angeheizt. Sein kleiner Gehilfe hat schon Mehltupfen im Gesicht. Ausgestochen werden Butterplätzchen, so wie sie schon die Urgroßmutter gebacken hat. „Auf eine Kladde hat sie da nichts geschrieben. Diese Rezepte wurden in der Familie von Mund zu Mund weitergetragen“, sagt der 52-Jährige und gibt seinem Enkel einen Batzen goldgelben Teig.

Auf die Suche nach diesen mündlich überlieferten Familienrezepten der Wowka – die sorbische Oma – aus der Ober- und Niederlausitz macht sich nun der Verein „Sorbischer Kulturtourismus“. Vor zwei Monaten hat dessen Vorsitzender Peter Bresan den Aufruf gestartet, die Großmütter nach ihren Geheimnissen aus den Töpfen zu befragen. „Das ist ein Wissen, das langsam verschwindet. Viele der alten Köchinnen, die früher zu Feierlichkeiten zum Kochen in den Familien eingeladen wurden, gibt es nicht mehr. Ich würde gern die Rezepte bewahren, bevor es zu spät ist“, sagt der vierfache Vater.

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30 Rezepte aus der Lausitz sind bereits eingegangen

In der Küche greift Finn währenddessen zum Nudelholz. Ihn interessiert die Rezeptur noch nicht. Mit ganzer Kraft glättet er den Teig auf der Arbeitsplatte. „Das Grundrezept lautet 1,2,3“, sagt Andreas Haidan. Die Übersetzung? Ein Teil Zucker, zwei Teile Butter und drei Teile Mehl, dazu kommt ein Ei und ein bisschen Salz. Papa und Landhotel-Juniorchef Tobias Haidan kommt in der Küche vorbei. Früher hat der 31-Jährige mit seiner Großmutter Plätzchen gebacken, besonders liebte der Hotelkaufmann ihre Eierschecke und den Pflaumenstreusel. Sonntags standen bei der Großmutter immer eine Vorsuppe mit selbst gemachten Nudeln, ein Hauptgang und ein Dessert auf dem Tisch.

Diesen herkömmlichen Geschmack der Kindheit – und der Region möchte Peter Bresan festhalten. „Etwa 30 Rezepte aus der Ober- und Niederlausitz sind bei uns schon gelandet – vom Buttermilchplinsen über Schwarze Nudeln mit Blutwurst, Gurkensuppe, Kochkäse, Specksoße mit Kartoffeln bis zur Milchhirse mit Weißkraut. Selbst ein Stollenrezept und Gräupcheneintopf sind dabei“, sagt der Domowina-Referent. Auf die Idee zu dem Wettbewerb ist er bei der Reise nach Südtirol zu den Ladinern gekommen, deren Spezialitäten in vielerlei Munde sind. Bei der Rückkehr in die Heimat dachte er sich, dass Sorbische müsse vor Ort sichtbarer wie schmeckbarer werden.

Die meisten Touristen und viele Einheimische indes verbinden mit sorbischem Essen die Hochzeitssuppe und das Kochrindfleich mit Meerrettich, weiß Landhotel-Seniorchefin Cornelia Haidan. „Auf einem sorbischen Hof gab es nur selten Fleisch, es wurde alles vom Schwein verwertet“, sagt die Gastronomin. Nach solchen hausgeschlachteten Rezepten wie nach typischen Anleitungen für Eingewecktes sucht Peter Bresan noch. „Einfache Rezepte von der Milch- oder Malzbiersuppe fehlen auch noch in der neuen Rezeptsammlung“, sagt der Vereinsvorsitzende. Aus der Küche dringt inzwischen Plätzchenduft. Finn aber zieht erstmal die Jacke über und verschwindet nach draußen.

Sorbisches Kochbuch mit Bildern soll entstehen

Doch die Rezepte aus der Küche der sorbischen Großmutter sollen nicht nur gesammelt werden. Wjelbik-Küchenchef Thomas Lukasch will die eingereichten Rezepte nachkochen. Danach sollen sie fotografiert werden – und vielleicht sogar mal in einem Koch- und Backbuch versammelt werden. „Ich kenne zwei sorbische Kochbücher, die alle ohne Bilder sind. Wir haben festgestellt, dass gerade die jüngere Generation gern sieht, was sie kocht“, sagt Peter Bresan.

Auf jeden Fall aber sollen Wowkas gerettete Rezepte auf der Internetseite des Vereins veröffentlicht werden. Vielleicht könnte diese Zusammenstellung auch anderen Gaststätten in der Region als Anregung dienen, sorbische Gerichte im Original oder modern interpretiert auf die Speisekarte zu nehmen.

Eine solche moderne Abwandlung stellt sich Peter Bresan für den sorbischen Klassiker, das Kochrindfleisch, vor. „Was haltet Ihr von einem sorbischen Burger: Pulled Beef, ganz langsam gebratenes Rindfleisch, in einem schönen Sauerteigbrot mit Meerrettichsoße beim nächsten Folklorefestival“, fragt er in die Runde. Die Idee kommt an, viel besser aber noch Finns Weihnachtsplätzchen. Gerade aus dem Ofen gezogen, kommen sie frisch auf den Tisch – nach einem Rezept der Urgroßmutter.

Großmutters Rezepte können gesendet werden an [email protected]. Für die besten eingereichten Rezepte gibt es Preise, unter anderem eine Familienübernachtung im Biosphärenreservat, Premierenkarten für die „Spreewälder Sagennacht“ und eine „Auf den Spuren der Sorben im Lausitzer Seenland“.

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