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Ein Dzecetko für Mulkwitz

Der Schleifer Ortsteil hat schon immer sein eigenes Christkind – jetzt sogar auch in Holz. Einmalig und besonders.

Der geborstene Stamm an der alten Schule wirkt, als habe er schon immer dort gestanden. Auch wenn es auf den ersten Blick so aussieht, allein kommt das Dzecetko nicht. Es hat (in den Seitenansichten) natürlich seine zwei Begleiterinnen dabei
Der geborstene Stamm an der alten Schule wirkt, als habe er schon immer dort gestanden. Auch wenn es auf den ersten Blick so aussieht, allein kommt das Dzecetko nicht. Es hat (in den Seitenansichten) natürlich seine zwei Begleiterinnen dabei © Stefanie Bierhold

Wenn man sich etwas wünschen darf, dann zu Weihnachten. Den Mulkwitzern wurde jetzt ein großer Wunsch erfüllt. Der Schleifer Ortsteil darf neuerdings einen besonderen Schmuck sein eigen nennen: ein Dzecetko. Allerdings nicht in echt, sondern aus Holz. Das Christkind – zu DDR-Zeiten „Bescherkind“ genannt, weil christliche Bezüge verpönt waren – ist eine der sorbischen/wendischen Traditionen schlechthin. Effektvoll angestrahlt ist es in diesen Tagen eine Weihnachtsdekoration, die garantiert niemand anderes hat.

Für Schleife selbst wie auch für den anderen Ortsteil Rohne waren Lichterketten angeschafft worden. Mulkwitz hätte auch eine kriegen können. „Für uns stand die Frage, ob wir das oder etwas ganz anderes wollen“, erzählt Ingo Herschmann, der fraktionslos im Gemeinderat sitzt und auch Ortschaftsrat ist. Etwas Individuelles sollte es sein: eine Pyramide vielleicht oder ein Schwibbogen. Letzteres hätte ganz gut gepasst, schließlich sei man ja hier in der Bergbauregion. Allerdings eben nicht in der Schwibbogengegend. Auch der Schleifer Holzgestalter Thomas Schwarz, der vor etwa einem Jahr die Anfrage erhielt, konnte sich das nicht so recht vorstellen. „Damit es wirkt, hätte der Schwibbogen richtig groß sein müssen“, sagt er jetzt. Also wurde die Idee dann doch wieder verworfen.

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Emotionen aus Kindertagen

Warum nicht ein Dzecetko? Elvira Lohr und Ingrid Pätzold schlugen das vor. Es war das Naheliegende, auf das man in der Regel selten kommt. Die Ortschaftsräte mussten gar nicht lange überlegen. Jedenfalls nicht über das Motiv. Über das Material aber schon. Holz, das war der erste Gedanke. Etwas Zeitgenössisches aus Edelstahl vielleicht, um die Vergangenheit mit in die Zukunft zu nehmen, so lautete eine zweite Idee. Ingo Herschmann selber arbeitet in einem Unternehmen, das sich mit 3D-Laserscanning beschäftigt, und mit einer Firma zusammenarbeitet, die die Motive dann in Glas brennt. „Das wäre etwas Ausgefallenes, aber leider auch empfindlich. Es würde durch Staub zerkratzt oder womöglich beschädigt, wenn es mal umfällt“, sagt er. So war man wieder bei Holz.

Für Thomas Schwarz ist das Dzecetko „eine sehr emotionale Geschichte“. Er selber ging in Rohne in den Kindergarten, kann sich noch an das Bescherkind aus seinen Kindertagen erinnern. Das ist ihm wieder bewusst geworden, als er sich jetzt intensiv mit dem Thema befasst hat. Anderen Menschen, die mit den sorbischen Traditionen aufgewachsen sind, wird es ähnlich ergehen – da ist er sich sicher.

Figur lebt durch Farbigkeit

Es sollte aber nicht irgendein, sondern eben das Mulkwitzer Bescherkind sein. In den sieben Dörfern des Schleifer Kirchspiels gab es einst acht Dzecetkos, die sich mehr oder weniger offensichtlich unterschieden. Thomas Schwarz erzählt von bis zu 35 Farben und von Blaudruck. Vom Verein Kolesko ließ er sich fachlich beraten. Elvira Hantscho, die langjährige Trachtenwartin des Sorbischen Folkloreensembles Schleife, gab ihm wertvolle Tipps, etwa zur farblichen Gestaltung der Schürze.

Im August machte sich der Holzkünstler auf die Suche nach einem passenden Stamm. Zunächst hatte er einen riesengroßen im Blick, der dann jedoch etliche morsche Stellen offenbarte. Was er suchte, fand er schließlich am grünen Weg in Bad Muskau. „Der Stamm ist um die 200 Jahre alt und relativ gesund. Auch die Form hat gepasst“, erzählt er.Im September begann er mit der Arbeit im Atelier. Jedes Detail herauszuarbeiten, das war ihm wichtig. „Die Schwierigkeit bestand in den vielen Bändern und Schleifen. Gerade das lebt ja durch die Farbigkeit“, sagt Thomas Schwarz.

Und zu filigran durfte das Ganze auch nicht werden, damit die Darstellung die Betrachter selbst in zehn Metern Entfernung noch anspricht. Und dann blieb da noch die Frage, wie man das Spitzentuch in Holz umgesetzt kriegt. Am Ende wurde das Tuch aufgemalt. Seit der intensiven Beschäftigung mit dem Dzecetko habe er „allerhöchsten Respekt vor den Ankleidefrauen“, so der Holzkünstler. Von dem Aufwand, der dahintersteht, bekomme man ja gar nichts mit, wenn das Dzecetko alljährlich über den Schleifer Weihnachtsmarkt geht.

Ins richtige Licht gesetzt

Für den Ortschaftsrat stand von Anfang an fest, dass die Figur an der alten Schule aufgestellt wird. Innerhalb von 14 Tagen war mit Unterstützung des Bauhofs der Platz vorbereitet worden. Die Beleuchtung richtig anzubringen, war auch nicht ganz ohne. „Erwischt man den falschen Winkel, bekommt das Christkind etwas Dämonisches. Das wollten wir nicht“, sagt Ingo Herschmann. Hingegen bringe das Anstrahlen die Farben richtig zur Geltung.

Sprachlos vor Begeisterung

Am ersten Advent wurde die Figur enthüllt – wegen der Corona-Beschränkungen nur in Anwesenheit von wenigen Mulkwitzern. Die aber waren sprachlos, standen andächtig davor und haben tief Luft geholt, hat der Ortschaftsrat beobachtet. Genau so hätten sie es sich von Anfang an vorgestellt, sagt er nicht ohne Stolz. Möglich wurde die Umsetzung das Vorhabens durch Mittel aus der Kommunalpauschale.Der Ortschaftsrat wird noch eine zweisprachig beschriftete Tafel aufstellen. Sie soll Radwanderer, die an der alten Schule anhalten und in dem Pavillon daneben rasten, über Einmaligkeit und Besonderheit des Mulkwitzer Dzecetkos informieren.

Rein optisch gesehen wäre das Christkind für die Corona-Zeit ja wie geschaffen. Es trägt von Hause aus einen Mund-Nase-Schutz, Handschuhe und darf mit keinem reden. So will es die sorbische/wendische Tradition. Ob das echte Mulkwitzer Dzecetko unter solchen Voraussetzungen in der Pandemie dennoch von Haus zu Haus ziehen und die Menschen segnen darf, vermochte Ingo Herschmann nicht zu sagen.

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