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„Sorbisch soll wieder sichtbar im Alltag sein“

Vor 100 Jahren entstand in Uhyst der Verein Zahrodka. Jetzt gibt es einen Nachfolger – mit ehrgeizigen Zielen.

Frank Knobloch ist seit 2004 Ortsvorsteher in Uhyst/Spree. Zusammen mit Kultur- und Geschichtsinteressierten gründete er am 19. Februar 2021 den Verein Zahrodka 1921 in Erinnerung an den vor 100 Jahren entstandenen Vorgänger. Stolz zeigt Frank Knobloch
Frank Knobloch ist seit 2004 Ortsvorsteher in Uhyst/Spree. Zusammen mit Kultur- und Geschichtsinteressierten gründete er am 19. Februar 2021 den Verein Zahrodka 1921 in Erinnerung an den vor 100 Jahren entstandenen Vorgänger. Stolz zeigt Frank Knobloch © Andreas Kirschke

Das Wappen der Domowina steckt auf der Fahnenspitze. Auf der Fahne in den sorbischen Farben blau-rot-weiß steht in gelber Schrift „Zahrodka“ (Gärtchen). Die Jahreszahl 1923 gilt dem Jahr der Fahnenweihe. Zwei Jahre zuvor, am 19. Februar 1921, war in Uhyst der sorbische Verein Zahrodka entstanden. Ein Symbol auf der Fahne zeigt zwei sich reichende Hände. „Sie verdeutlichen Brüderlichkeit, Freundschaft und Verbundenheit“, erklärt Frank Knobloch. Der Ortsvorsteher zeigt stolz die Kopie der ursprünglichen Fahne. Das Original wird im Sorbischen Museum in Bautzen aufbewahrt.

Am 19. Februar 2021 – also genau 100 Jahre später – gründete er auf einer Videokonferenz mit 13 Gleichgesinnten den neuen Verein Zahrodka 1921. Sie kommen aus Uhyst, Mönau, Lippen und Weißwasser, aber ebenso aus Dresden, Fürth und Berlin. „Uns eint die tiefe Liebe zur Heimat und die Verbundenheit zu den sorbischen Wurzeln. Wenn wir sie nicht bewahren, pflegen und weitergeben – wer dann?“, erklärt Frank Knobloch, der zum Vorsitzenden gewählt wurde. Einstimmig wurde der erste Beschluss gefasst: der Antrag auf Aufnahme in die Domowina.

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„Zahrodka“ heißt Gärtchen, kleiner Garten, Gemüsegarten. Es ist ein sorbischer Flurname in Uhyst. Zur Gründung 1921 zählte der sorbische Verein Zahrodka rund 50 Mitglieder, darunter auch Sorben aus Mönau, Rauden, Drehna und Lippen. Den Anstoß zur Vereinsgründung hatte der Domowina-Vorsitzende Arnošt Bart auf einer sorbischen Volksversammlung in Uhyst gegeben. Zur Fahnenweihe am 10. Juni 1923 kamen 37 sorbische Vereine mit etwa 1.500 Teilnehmern. Wie der Slawist und Volkskundler Dr. Siegmund Musiat 2001 schrieb, war daraus auf einen „Aufschwung unter den Sorben in der preußischen Oberlausitz“ geschlossen worden. Der Verein Zahrodka organisierte Vorträge zu Kultur und Geschichte und vieles mehr. Bald nach der Gründung entstand eine Singegruppe und aus dieser später ein gemischter Chor. Lehrer, Kantor und Lyriker Jan Lajnert betreute ihn. Er leitete auch die Theatergruppe des Vereins. 1935 versetzten ihn die Nazis nach Schlesien. Das war für den Verein ein starker Verlust. 1937 verboten die Nazis den Verein Zahrodka.

Digitalen Sorbisch-Kurs gestartet

82 Jahre später entstand im Ort eine „Bürgerinitiative Zahrodka“. Angela Kubicki, Andreas Jando, Anja Schütze, Karsten Kunaschk, Johanna Gruner und Frank Knobloch gehören ihr an. Anfang 2020 reichte die Initiative ihr Projekt „Sorbische Sprache, Geschichte und Traditionen wiederentdecken und beleben“ beim Sächsischen Mitmachfonds ein. In der Kategorie „Zweisprachigkeit“ gehörte es mit zu den Preisträgern. „Das Projekt soll dem Vergessen entgegenwirken und eine Trendwende einleiten“, erläutert Frank Knobloch. Das reiche vom Erinnern und Bewusstmachen über das Erforschen und Lernen bis hin zum Verknüpfen und Neuerleben.

Die Gründung des Vereins Zahrodka ist ein weiterer Schritt. Neun Teilprojekte sind angestoßen. Seit Januar läuft ein digitaler Sorbisch-Kurs für Anfänger. Er vereint 14 Lernende. Mit Texten, Hörbeispielen und kleinen Hausaufgaben läuft der Kurs derzeit per e-mail. „Er ist offen für alle Interessierten“, sagt Frank Knobloch. Bald soll er als Präsenzkurs weiterlaufen und durch einen Gesprächskreis ergänzt werden.

Zweisprachige Schilder beantragt

Wert legt der Verein Zahrodka auf die zweisprachige Beschriftung in der Gemeinde Boxberg. In allen 18 Ortsteilen sollen die Straßenschilder gleichberechtigt deutsch / sorbisch vorkommen. Für eine Bestandsanalyse fuhren die Mitglieder der Bürgerinitiative alle Ortsteile ab. Das Ergebnis war ernüchternd. „Nur in Bärwalde und Nochten gibt es noch zweisprachige Straßenschilder“, betont Frank Knobloch. Von den etwa 50 Straßenschildern in den Ortsteilen der Ortschaft Uhyst – Drehna, Mönau, Rauden und Uhyst – gibt es nur noch ein einziges zweisprachiges Straßenschild: Am Waldrand/Při lěsnej kromje.

Den Antrag auf zweisprachige Beschilderung in allen Ortsteilen stellte die Bürgerinitiative im September 2020 an die Gemeindeverwaltung Boxberg. Das Servicebüro für sorbische Sprache in Hoyerswerda unterstützt mit den Übersetzungen. Es orientiert sich dabei an ursprünglichen sorbischen Flurnamen. „Wir hoffen, dass Ende 2021 erste zweisprachige Straßenschilder kommen“, sagt Frank Knobloch. „Uns ist wichtig, solche Zeichen zu setzen. Sorbisch soll wieder sichtbar im Alltag sein. Dabei geht es nicht nur um uns Einheimische. Es geht auch darum, Besucher, Neuzuzügler und Touristen zu sensibilisieren“, fügt er hinzu.

Kulturprojekte angepeilt

Erarbeitet wird derzeit eine Ausstellung zur Geschichte der Sorben in und um Uhyst. Sie wird auf 14 zweisprachigen Tafeln im Bürgerhaus Uhyst zu sehen sein: von der frühen Siedlungsgeschichte in Uhyst über sorbische Orts-, Flur- und Personennamen, das Gesetz zur Wahrung der Rechte der sorbischen Bevölkerung von 1948 bis hin zur Gegenwart. „Dabei geht es uns auch um sorbische Persönlichkeiten, die in Uhyst wirkten, und um die Frage, was zum Rückgang der Sprache führte. Wir wollen selbstkritisch damit umgehen und einen Neustart wagen“, erklärt der Vereinsvorsitzende Frank Knobloch.

Der neue Verein Zahrodka plant weitere Vorhaben wie ein Theaterprojekt mit dem Deutsch-Sorbischen Volkstheater Bautzen, ein zweisprachiges Gesangstreffen zum 140 jährigen Bestehen des Uhyster Männergesangvereins, eine Malerwerkstatt und die Verknüpfung mit dem „Lesewinter“ des Uhyster Heimatvereins.

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