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Bautzener kommt auf der Lausche groß raus

Im Zittauer Gebirge gibt es einen neuen Aussichtsturm. Entworfen wurde er von Ralf Reimann, der eine besondere Beziehung zu Bergen hat.

Der Bautzener Gestalter Ralf Reimann hat den Aussichtsturm entworfen, der seit wenigen Monaten auf dem Gipfel der Lausche im Zittauer Gebirge steht.
Der Bautzener Gestalter Ralf Reimann hat den Aussichtsturm entworfen, der seit wenigen Monaten auf dem Gipfel der Lausche im Zittauer Gebirge steht. © Steffen Unger

Bautzen/Großschönau. Ralf Reimann zieht es hoch hinaus. Der begeisterte Bergwanderer hat schon etliche Viertausender bestiegen – und mit jedem dieser Gipfel verbindet er ein besonderes Glücksgefühl. Im Jahr 2020 jedoch erlebt der Grafiker und Gestalter einen unvergesslichen Augenblick auf weit geringerer Höhe: auf genau 792,60 Metern.

Am 21. August wird auf der Lausche im Zittauer Gebirge „sein“ neuer Aussichtsturm eröffnet – mit Blitzlicht-Gewitter und Politprominenz. „Es war ein bisschen wie im Film, wo man daneben steht und die Szenerie einfriert“, berichtet der Bautzener. Denn statt Rampenlicht bevorzugt er das stille Miteinander mit Berg und Natur.

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Der Turm für den Lauschegipfel ist für Reimann mehr als eine neue Landmarke in seiner Wahlheimat. Es ist ein Herzensprojekt. Der Weg dahin führt über ein anderes ambitioniertes Vorhaben: Der 59-Jährige liefert die Entwürfe für den Neubau der Orgel in der Großschönauer Kirche. Ein Baubeteiligter empfiehlt ihn weiter, so kommt er mit der Gemeinde ins Gespräch. Großschönau ist für das Lausche-Plateau mitten im Naturschutzgebiet zuständig.

Im August 2020 wurde der Aussichtsturm auf der Lausche eröffnet.
Im August 2020 wurde der Aussichtsturm auf der Lausche eröffnet. © Archivfoto: Matthias Weber

„Ich dachte damals, die Orgel sei der Höhepunkt meines Schaffens“, sagt der Absolvent der Kunsthochschule Burg Giebichenstein in Halle/Saale und öffnet eine Bilderdatei auf seinem Computer. Eines der ersten Fotos zeigt die Lausche – abgebildet als Lochmuster auf den Lamellen des Schwellwerks der Großschönauer Orgel, so wie man es von den Lochstreifen aus der Jacquardweberei kennt.

Die Lausche begleitet den gebürtigen Jenaer bereits seit seiner Ankunft in der Oberlausitz. 1988 landet er im Gestaltungsbüro beim VEB Fortschritt Mähdrescherwerk in Singwitz – „eine gute Adresse der Kreativität“, wie er sagt. Für das Diplom als Industriedesigner entwirft er die Gestaltung eines Futtermähers. Für den Landmaschinenbau entscheidet er sich, weil er Dinge mit Bestand schaffen will. Dazu passt seine Begeisterung für die Berge, das Kräftesammeln in der Natur – als Ausgleich zur Arbeit am Schreibtisch.

Einst kamen Besucher per Esel auf den Berg

Die Lausche erklimmt Ralf Reimann allein „dienstlich“ gut 30 Mal. Im Frühjahr 2016 erhält er von der Gemeinde Großschönau den Auftrag zu Entwurfsarbeiten für eine Aussichtsplattform. Die Neugestaltung es Ausflugsziels an der deutsch-tschechischen Grenze beschäftigt die Verantwortlichen im Ort schon seit den 1950er-Jahren.

Wieder öffnet der Grafiker eine Präsentation auf seinem Computer. Sie zeigt die wechselvolle Geschichte des Gipfels. So grenzten hier einst das Königreich Sachsen und Böhmen aneinander. In der Lausche-Baude konnten die Besucher zwischen dem Sächsischen Gastzimmer und dem Böhmischen Stüberl wählen.

Solche historischen Recherchen gehören für Ralf Reimann zum Auftrag dazu. Er zeigt auf eine Aufnahme aus dem Jahr 1934: Zu sehen ist ein gewachsenes Ensemble mit Turm und Eselställen. „Wie auf die Wartburg kam man damals mit Eseln auf den Berg hinauf“, berichtet der Bautzener. Den Krieg überlebt die Gastwirtschaft, doch 1946 geht der Hof in Flammen auf. Es bleiben ein paar Ruinen und der Sendemast der Deutschen Funkturm GmbH.

Panoramaplatten auf der Aussichtsplattform zeigen 50 Berge und Höhen, die vom Turm aus zu sehen sind. Diese detaillierten Fernsichten hat Ralf Reimann selbst gezeichnet.
Panoramaplatten auf der Aussichtsplattform zeigen 50 Berge und Höhen, die vom Turm aus zu sehen sind. Diese detaillierten Fernsichten hat Ralf Reimann selbst gezeichnet. © Matthias Weber/photoweber.de

Vor einigen Jahren kann Großschönaus Bürgermeister Frank Peuker Fördermittel von Bund und Land akquirieren. Und Ralf Reimann hat seinen ersten Auftritt im Gemeinderat. Mit Fotos vom Plateau verdeutlicht er den Zustand auf dem Berg: Wo Durcheinander herrscht – geprägt von Spuren der Vergangenheit – soll Harmonie entstehen.

Zwei Eckpunkte machen den Auftrag besonders: Zum einen ist das Budget der Großschönauer mit knapp einer Million Euro „eher bodenständig“, zum anderen hält nicht jedes Material dem Wind und Wetter auf knapp 800 Metern Höhe stand. Reimann begutachtet andere Türme, beschäftigt sich mit Materialien und wirft die ersten Ideen aufs Papier. Er will etwas Unverwechselbares schaffen.

"Die Berge erholen mich, obwohl ich Schweiß lasse"

Bei seinen Ausflügen auf den Berg baut er in Gedanken am neuen Turm. Ganz anders als sonst, wenn er in den Bergen unterwegs ist: Da lässt Ralf Reimann dem Kopf am liebsten Freiheit. Statt der Mittelgebirge bevorzugt er alpine und verschneite Höhen. „Die Berge reißen mich heraus, sie erholen mich, obwohl ich Schweiß lasse“, sagt der dreifache Großvater.

Seinen ersten knapp Viertausender hat er 1997 erklommen: Der Ortler ist mit 3.905 Metern der höchste Berg Südtirols. Inzwischen stehen 29 dieser Gipfel auf der Bergliste des Bautzeners, darunter der japanische Fuji. Allein und ohne Führer ist er 2017 auf seinen Traumberg gestiegen. „Mit der Bergsteigersprache, wie ‚bezwingen‘, kann ich nichts anfangen. Ein Berg steht Tausende Jahre bei Wind und Wetter, er braucht keine Bezwinger. Er lässt mich hoch, wenn er gütig ist.“, sagt der Naturliebhaber. Es sind die Überwindung, das Durchhalten, wenn die Kraft schwindet, die Ralf Reimann am Berg begeistern.

Zur Einweihung des Lausche-Turms konnte Großschönaus Bürgermeister Frank Peuker (im roten Hemd) unter anderem den sächsischen Ministerpräsidenten Michael Kretschmer (2.v.l.) begrüßen.
Zur Einweihung des Lausche-Turms konnte Großschönaus Bürgermeister Frank Peuker (im roten Hemd) unter anderem den sächsischen Ministerpräsidenten Michael Kretschmer (2.v.l.) begrüßen. © Archivfoto: Matthias Weber

Ausdauer – wenn auch auf andere Art – ist auch beim Lausche-Projekte gefragt. Nach vielen Schritten auf dem Papier beginnt im Oktober 2018 der Bau. Mit Hilfe eines Hubschraubers wird das Fundament gegossen. Ein knappes Jahr später folgen die ersten Schritte für die Stahlkonstruktion. Mit 110 Flügen bringt der Helikopter die Metallteile nach oben. „Eine logistische Meisterleistung“, sagt Ralf Reimann. Der Gestalter hat alles im Bild festgehalten.

Ab Mai 2020 wird der Aussichtsturm montiert, im Juli beginnt die Montage der Vulkansteinverkleidung. Nur die elf Panoramaplatten für die Aussichtsplattform fehlen noch bei der Eröffnung im August. Gut 50 Berge und Höhen, die von der Lausche aus zu sehen sind, finden sich auf jeder Platte. Die detaillierten Fernsichten hat der Bergfan natürlich selbst gezeichnet.

Der Turm – er ist ein Lebensprojekt für Ralf Reimann, ein Punkt, an dem vieles zusammenfließt, das ihn als Mensch und in seiner Arbeit beschäftigt. Und es wird ihn weiter begleiten. 2021 gestaltet der Bautzener eine Ausstellung zum Berg und seiner Geschichte für das Damast- und Frottiermuseum in Großschönau. Auf der Suche nach Ideen wird er dann wieder den Lauschegipfel erklimmen – inklusive dieses Glücksgefühls auf 792,60 Metern Höhe.

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