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Eine Sorbin auf dem Weg in die Bundesliga

Lea Kretschmar aus Kleinwelka gehört zu den talentiertesten Schiedsrichterinnen in Sachsen. So setzt sie sich in der Männer-Domäne Fußball durch.

Schiedsrichterin Lea Kretschmar versucht, ohne Karten auszukommen. „Ich suche immer erst das Gespräch“, sagt sie. Das komme bei den Spielern gut an.
Schiedsrichterin Lea Kretschmar versucht, ohne Karten auszukommen. „Ich suche immer erst das Gespräch“, sagt sie. Das komme bei den Spielern gut an. © SZ/Uwe Soeder

Malschwitz. Sonnabend, 15.30 Uhr, Kreisliga, Traktor Malschwitz gegen Oßling/Skaska/Wittichenau 2. Auf dem idyllisch gelegenen Rasenplatz in Malschwitz ertönt ein lauter Pfiff. „Schiedsrichterin, das war kein Foul“, ruft ein Spieler. Schiedsrichterin Lea Kretschmar aus Kleinwelka entscheidet auf Freistoß für die Gäste. „Wenn ihr diskutieren wollt, könnt ihr gern herkommen“, entgegnet sie den aufgebrachten Spielern. Ein Fan brüllt von draußen: „Wir sind doch hier nicht beim Frauenfußball.“

Solche Sprüche bekommt die Schiedsrichterin oft zu hören. „Wenn ich nach dem Spiel duschen will, meinen einige Spieler, dass wir doch gemeinsam unter die Dusche gehen könnten.“ Lea Kretschmar nimmt diese Sprüche nicht ernst. „Ich antworte dann meistens: ‚Klar können wir gemeinsam duschen.‘ Dann kommt meistens keine Antwort mehr.“

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Es ist die coole Art der 19-Jährigen mit diesen sexistischen Sprüchen umzugehen. „Für mich ist das nur dummes Gequatsche. Das kann ich ab“, sagt sie. Früher haben sie diese Sprüche getroffen. „Heute weiß ich, dass es beim Fußball etwas rauer zugeht.“ Man solle das nicht zu ernst nehmen, meint sie. Außerdem wisse sie sich in solchen Momenten durchzusetzen. „Meine Größe hilft mir dabei“, sagt die 1,81 Meter große Frau.

Kreisliga-Idylle in Malschwitz: Zwar pfeift Lea Kretschmar bereits in ganz Deutschland Fußballspiele, doch sie ist auch gern in ihrer Heimat unterwegs.
Kreisliga-Idylle in Malschwitz: Zwar pfeift Lea Kretschmar bereits in ganz Deutschland Fußballspiele, doch sie ist auch gern in ihrer Heimat unterwegs. © SZ/Timotheus Eimert

Lea Kretschmar ist selbstbewusst, schlagfertig. Das war nicht immer so. „Ich war früher schüchtern, sehr introvertiert“, erzählt sie. Erst als Schiedsrichterin habe sie sich verändert. „Ich habe damals in Radibor selbst noch Fußball gespielt und musste dann den Verein wechseln, weil ich nicht mehr mit den Jungs zusammen spielen durfte.“ Sie wechselte zum Bischofswerdaer FV 08, spielte dort später in der drittklassigen Frauen-Regionalliga. Doch Radibor den Rücken kehren wollte sie nicht. Der Verein gewann sie als Schiedsrichterin. „Ich bin dann da mehr oder weniger reingerutscht. Mittlerweile habe ich richtig Spaß an der Sache.“ Mit 13 Jahren hat sie ihr erstes Spiel gepfiffen. Sechs Jahre später gehört sie zu den besten Schiedsrichterinnen in Sachsen, pfeift in der B-Juniorinnen-Bundesliga, der Frauen-Regionalliga und in der Herren-Landesklasse.

Dafür trainiert sie vier- bis fünfmal in der Woche. „Ich laufe, fahre Fahrrad oder gehe ins Fitnessstudio. Ich halte mich  jeden Tag fit“, sagt sie. Zusätzlich schaut sie sich Video-Sequenzen von strittigen Situationen an und hat sogar eine eigene Trainerin, mit der sie wöchentlich telefoniert. Das Vorbild: Bibiana Steinhaus. „Sie ist die einzige Frau, die in der Bundesliga der Herren pfeift. Sie hat sich das hart erarbeitet.“ Lea Kretschmar möchte ihr nachfolgen. „Es wäre cool, wenn ich es in die Bundesliga, egal ob Frauen oder Herren, schaffe.“

Der Traum von der Fahrt mit dem Ferrari

Neben dem sportlichen Wert gibt es auch einen finanziellen Anreiz: So bekommen die Unparteischen in der Herren-Bundesliga zwischen 60.000 und 70.000 Euro Grundgehalt plus 5.000 Euro für jedes geleitete Spiel. Lea Kretschmar erhält für ihren Einsatz in der Kreisliga 23 Euro. Aber das Geld sei ihr nicht wichtig. Sie ist gern in ihrer Heimat unterwegs. „Ich bin in Radibor in die Grundschule, in Bautzen auf das Sorbische Gymnasium gegangen. Hier wohnen meine Freunde, meine Familie. Deswegen bin ich gern hier.“

Lea Kretschmar ist bekannt bei den Fußballern im Kreis Bautzen. Doch die wenigsten wissen, dass sie Sorbin ist. „Sorbisch ist meine Muttersprache.“ Neben der Sprache sind es vor allem die Traditionen, die das Sorbische für Lea Kretschmar ausmachen. „Ich habe bis zur neunten Klasse beispielsweise an Fronleichnam immer eine Tracht getragen.“ Auch der katholische Glaube spiele für sie eine große Rolle. „Ich glaube an Gott und an ein Leben nach dem Tod. Wenn ich es schaffe, versuche ich auch sonntags in die Kirche zu gehen. Das ist mir schon wichtig.“

Lea Kretschmar ist eine selbstbewusste, schlagfertige Frau. Das habe sie aber erst gelernt, seitdem sie Schiedsrichterin ist, sagt sie.
Lea Kretschmar ist eine selbstbewusste, schlagfertige Frau. Das habe sie aber erst gelernt, seitdem sie Schiedsrichterin ist, sagt sie. © SZ/Timotheus Eimert

Sie ist stolz auf ihre Herkunft und auf ihre Familie. Besonders wenn sie über ihre Eltern und die beiden jüngeren Geschwister spricht, kommt sie ins Schwärmen. „Ich bin meinen Eltern, meiner Familie dankbar, dass sie mir so viel ermöglicht haben“, sagt sie.

Weil ihr die Familie so wichtig ist, will sie gern eine eigene gründen. Zunächst möchte sie aber studieren: Sport und Englisch auf Lehramt. Im Sommer dieses Jahres hat sie ihr Abitur am Sorbischen Gymasium gemacht. Ab Oktober zieht sie nach Leipzig. Und noch einen Traum hat sie: Ferrari fahren. „Ich liebe schnelle Autos.“

Schnell ist auch das Spiel zwischen Malschwitz und Oßling/Skaska/Wittichenau 2 vergangen. Malschwitz gewinnt 4:2. Lea Kretschmar musste nur wenige strittige Situationen entscheiden, Karten verteilte sie keine. Auf die Dusche verzichtet sie diesmal. „Ich gehe lieber zu Hause und danach vielleicht in die Sauna. Da kann ich am besten entspannen“, sagt sie.

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