SZ + Bischofswerda
Merken

"Jeden Tag muss ich mich neu gegen Alkohol entscheiden"

Über 30 Jahre lang trank ein Mann aus der Nähe von Pulsnitz täglich mehrere Liter Alkohol. Erst ein Autounfall veränderte sein Leben. Jetzt hilft er anderen Betroffenen.

Von Timotheus Eimert
 5 Min.
Teilen
Folgen
Die Versuchung lauert an vielen Stellen - doch Georg* aus der Nähe von Pulsnitz will keinen Alkohol mehr trinken. Dabei unterstützt ihn eine Selbsthilfegruppe in Uhyst am Taucher.
Die Versuchung lauert an vielen Stellen - doch Georg* aus der Nähe von Pulsnitz will keinen Alkohol mehr trinken. Dabei unterstützt ihn eine Selbsthilfegruppe in Uhyst am Taucher. © Dietmar Thomas

Uhyst am Taucher. Es war kurz nach der Wende, als sich das Leben von Georg* für immer veränderte. „Ich bin auf der A4 zwischen Görlitz und Dresden ohne Grund in die Leitplanke gefahren. Die Polizei hat dann vermutet, dass ich mich umbringen wollte“, sagt der trockene Alkoholiker heute. Er habe vor der Autofahrt, die auch tödlich hätte enden können, einfach zu viel getrunken – wie so häufig damals. Passiert sei ihm bis auf kleine Verletzungen nichts.

Er kommt danach zur Entgiftung nach Bischofswerda und begibt sich auf Anraten der Ärzte in die Entzugsklinik nach Großschweidnitz. „Das war meine Rettung“, meint er heute. Erst dort sei ihm bewusst geworden, dass er so nicht weiterleben möchte. „Zu meinen Spitzenzeiten habe ich vier Flaschen Rotwein innerhalb weniger Stunden geleert. Mehrmals war ich danach noch mit dem Auto unterwegs, um mir neuen Alkohol zu besorgen. Ich kann froh sein, dass ich dabei keinen Menschen verletzt habe.“

Nach der Schule Skat gespielt und Bier getrunken

Seit knapp 15 Jahren ist Georg nun trockener Alkoholiker. „Jeden Tag muss ich mich neu dazu entscheiden, keinen Alkohol zu trinken. Wenn ich es schaffe - und seit meinem Unfall habe ich es bisher immer geschafft -, zum ersten Glas Bier, Wein, Schnaps oder was auch sonst immer Nein zu sagen, dann bleibe ich auch trocken“, erklärt er.

Angefangen mit dem Trinken hat Georg wie so viele Menschen in der Jugend. „Mit 15 Jahren habe ich mein erstes Bier getrunken. Das war zu Oberschulzeiten“, erzählt der hochgewachsene Mann, der im Raum Pulsnitz lebt. Damals musste er mit dem Bus von Bischofswerda wieder zurück aufs Land fahren. „Unsere Haltestelle war direkt neben einer Gaststätte. Dort habe ich mit ein paar Kumpels nach der Schule Skat gespielt und Bier getrunken, bis unser Bus dann kam.“

Im Gegensatz zu seinen Freunden verträgt Georg schon damals viel Alkohol. „Während andere sich übergeben mussten, ist mir eigentlich nie wirklich schlecht gewesen. Vielleicht ist es eine genetische Veranlagung.“ Und je mehr er trinkt, desto geselliger und lustiger wird er. „Das kam vor allem bei den Mädels am Anfang gut an.“

Vier Flaschen Bier innerhalb einer Stunde

Drei Jahre trinkt Georg beinah täglich. Wie viele Flaschen Bier er zur damaligen Zeit schafft, weiß er heute nicht mehr. „Es muss eine Menge Alkohol gewesen sein“, vermutet er. Mit 18 Jahren wird er in die Nationale Volksarmee der DDR einberufen. „Dort war Alkohol eigentlich komplett verboten, aber jeder hat getrunken und das nicht wenig, selbst die Offiziere.“

Georg ist bei Großenhain stationiert. In der Nähe wohnen auch russische Streitkräfte, bei denen er sich öfter mit Wodka eindeckt. „Mir hat damals eigentlich alles geschmeckt.“ Gedanken darüber, dass sein Alkoholkonsum höher ist als bei anderen Menschen und dass er das Verlangen nach Alkohol nicht so einfach abstellen kann, habe er sich nicht gemacht.

Nach der Armeezeit beginnt für Georg die längste Party seines Lebens, wie er selbst sagt. An der TU Dresden studiert er Betriebswirtschaft. Nach den Vorlesungen beginnen dann die Saufgelage. „Vier große Flaschen Bier innerhalb einer Stunde waren überhaupt kein Problem für mich“, erinnert sich Georg. Als er dann nach dem Studium aber in leitende Funktionen in Betrieben in Ostsachsen gelangt, trinkt er nur noch heimlich.

Er erzählt seine Geschichte in Schulen und Kliniken

Seine Frau merkt am Anfang noch nichts davon. „Doch verheimlichen kann man eine solche Sucht nicht. Es ist eine Familienkrankheit. Es kam dann oft zum Streit zwischen mir und meiner Frau. Das machte mich traurig, und ich ertränkte die Traurigkeit in noch mehr Alkohol.“ Warum er über all die Jahre nicht aufgehört hat, kann er nicht beantworten. „Alkohol war halt ein ständiger Begleiter. Entweder ich habe mich für gute Arbeit damit belohnt, oder wenn es stressig wurde, habe ich mir ein Bier geöffnet, um auf andere Gedanken zu kommen.“

Dann kam der Autounfall auf der A4, und Georg wusste, dass er etwas in seinem Leben ändern muss. „Bei der Entzugskur in Großschweidnitz hat ein trockner Alkoholiker seine Lebensgeschichte erzählt, und ich dachte mir, dass das doch meine ist“, berichtet Georg, der seitdem regelmäßig zur Selbsthilfegruppe der Anonymen Alkoholiker in Uhyst am Taucher geht. Die Gespräche mit anderen Menschen, die in ähnlichen Situationen gesteckt haben, helfen ihm.

Und mittlerweile hilft Georg auch selbst anderen Menschen, die mit dem Trinken aufhören wollen. Regelmäßig geht er in Krankenhäuser und Schulen, erzählt dort seine Geschichte. „Für eine Sucht muss sich niemand schämen. Aber jeder muss erkennen, dass nur ein einziger Mensch das eigene Leben verändern kann - und das ist man nun einmal selbst“, sagt er.

*Name von der Redaktion geändert.