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"Ich kann keinen Traumjob herbei zaubern"

Arbeitsvermittlerin Ina Stephan erlebt in Kamenz jeden Tag die Diskrepanz zwischen vielen Arbeitslosen einerseits und unbesetzten Stellen andererseits.

Arbeitsvermittlerin Ina Stephan berät in der Kamenzer Geschäftsstelle der Arbeitsagentur Bautzen eine Kundin. Fürs Foto hat sie mal kurz ihren Mund-Nasen-Schutz abgenommen.
Arbeitsvermittlerin Ina Stephan berät in der Kamenzer Geschäftsstelle der Arbeitsagentur Bautzen eine Kundin. Fürs Foto hat sie mal kurz ihren Mund-Nasen-Schutz abgenommen. © Matthias Schumann

Kamenz. Die Frau wirkt etwas nervös. "Sie müssen schon entschuldigen, ich war noch nie auf dem Arbeitsamt, also auf der Arbeitsagentur." Ina Stephan lächelt ihr Gegenüber über ihre Maske hinweg verständnisvoll an. Ob sie denn gut hergekommen sei? "Ja, danke, kein Problem." Die erste Hürde für ein gutes Gespräch ist genommen, weiß Ina Stephan aus Erfahrung und kommt zur Sache: "Wie kann ich Ihnen denn helfen?"

"Es wird nicht einfach, ist aber auch nicht aussichtslos", sagt die Kamenzer Arbeitsvermittlerin wenig später, nachdem die Besucherin erzählt hat. Sie hat als Verkäuferin gearbeitet, dann kam das Kind. Demnächst will sie nach der Elternzeit wieder ins Berufsleben einsteigen, doch bis in die Abendstunden, das ginge nun nicht mehr. Ihr Chef sieht das anders. Jetzt sucht die Mittdreißigerin etwas Neues.

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Mitunter hilft eine Umschulung

Ina Stephan hat sich viel notiert. Sofort ein Jobangebot kann sie der Frau nicht mitgeben, aber sich die gemeldeten freien Stellen anschauen. "Es ist ja nicht so, dass keine Verkäuferinnen gesucht würden, wo der Handel nach Corona jetzt wieder durchstartet. Aber es muss eben auch für alle passen."

"Vielleicht rate ich ihr auch zu einer Umschulung", überlegt Ina Stephan, nachdem die Frau gegangen ist. Die Arbeitsvermittlerin berichtet von einem ähnlichen Fall. Da saß vor ihr eine Altenpflegerin, ebenfalls mit dem Problem, nicht mehr abends arbeiten zu können. Ihr hat Ina Stephan eine Umschulung vermittelt. Jetzt arbeitet die Frau im Büro mit festen Anfangs- und Schlusszeiten.

West-Gehälter sind in der Oberlausitz selten

Als nächstes sitzt der Vermittlerin ein Mann gegenüber, Mitte 40, Figur wie ein Türsteher vor der Disco. Aber das ist er nicht - er arbeitet in einem mittelständischen Betrieb in Bayern. Dorthin ging er, als es vor 20 Jahren in der Oberlausitz mit Jobs mau aussah. Jetzt will er in die alte Heimat zurück. Ina Stephan hätte da einiges für ihn. Aber als der Mann seine Gehaltsvorstellungen vorbringt, sagt sie ernst: "Das wird hier in der Region schwierig."

Fünf, sechs Mal am Tag, an langen Sprechtagen auch öfter, bittet die 38-Jährige jemanden, Platz zu nehmen. Nicht in ihrem eigenen Büro, sondern in einem Raum, den die Kamenzer Geschäftsstelle der Arbeitsagentur extra für solche Gespräche in Corona-Zeiten vorbereitet hat. Mit Plexiglas zwischen den Gesprächspartnern und Zetteln zur Nachverfolgung von Kontakten.

Es muss für beide Seiten passen

Das Telefon klingelt. Der Mann am anderen Ende möchte sich aus der Arbeitslosigkeit abmelden. Und bedankt sich für die gute Beratung. Die Augen zwischen den kastanienbraunen Haaren leuchten. "Es gibt eben auch solche Erfolgserlebnisse." Der Anrufer hatte als Maschinen- und Anlagenführer gearbeitet. Dann wurde er lange krank, kann jetzt nicht mehr schwer heben. Die Arbeitsagentur hatte ihm ein Praktikum vermittelt, dann noch eins. Beim dritten Arbeitgeber waren sich Chef und Praktikant einig: Es passt. Weil das Unternehmen einen Bewerber mit Handicap eingestellt hat, bekommt es einen Lohnzuschuss von der Arbeitsagentur.

"Es muss eben immer für beide Seiten passen", sagt Ina Stephan, selbst eine Seiteneinsteigerin. Sie hatte Informatik studiert, verdient ihr Geld aber seit 2005 bei der Arbeitsagentur in ihrer Heimatstadt Kamenz. Hier ist sie eine von 25 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in den Bereichen Berufsberatung, berufliche Rehabilitation, Arbeitsvermittlung, Eingangszone und Arbeitgeber-Service. Insgesamt zählen diese Bereiche in allen Geschäftsstellen der Arbeitsagentur Bautzen etwa 200 Beschäftigte.

Weil "es" eben nicht immer passt, gibt es in der Oberlausitz mehr als 5.600 freie Stellen, obwohl über 17.000 Frauen und Männer arbeitslos gemeldet sind. Die Arbeitsvermittlerin hört mitunter auch die bekannte Milchmädchenrechnung: Gebt jedem Arbeitslosen einfach eine freie Stelle. Aber sie erlebt tagtäglich, dass es so einfach eben nicht ist. "Und ich kann nun mal auch keinen Traumjob herbei zaubern."

Das sehen die meisten ein, wenige aber auch nicht. Selten kommt es vor, dass jemand ausfällig wird. Dann öffnet Ina Stephan die Tür und bittet sie oder ihn höflich, aber bestimmt zu gehen.

Gute Fachkräfte können heute wählen

Als sie in der Agentur anfing, schluckten Arbeitsuchende für einen Job manche bittere Pille und hielten sich an ihrer Stelle fest, auch wenn die Bezahlung mies war. Heute kommen mehr Menschen zu ihr, die zwar in Lohn und Brot stehen, aber sich verbessern wollen. "Gute Fachkräfte können heute wählen", weiß Ina Stephan. Und da gewinne eben der Arbeitgeber, der außer gutem Geld noch etwas mehr biete. Kita-Zuschüsse beispielsweise oder Tankgutscheine, kostenlose Getränke. "Da müssen auch viele Chefs noch umdenken", sagt die junge Kamenzerin.

Während Ina Stephan erzählt, klopft es wieder an der Tür. Sie ist auf den nächsten Kunden vorbereitet: Er hat früher als Textilmaschinenführer gearbeitet, ging dann ein paar Jahre zur Bundeswehr. Seine Stelle von damals gibt es nicht mehr. "Ich werde ihm eine Umschulung zum Berufskraftfahrer anbieten", sagt die Arbeitsvermittlerin. "Und ich kenne auch schon ein Unternehmen, das auf einen Mann wie ihn wartet."

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