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Balkoneinsturz in Bautzen: Tut sich was am Haus?

Anfang September war der oberste Balkon eines Mehrfamilienhauses abgestürzt. Mehrere Menschen wurden verletzt. Was sich seitdem getan hat - und was nicht.

An der Westseite des Eckhauses Paulistraße/Thomas-Mann-Straße in Bautzen sind jetzt alle Balkone abgebaut worden. Der oberste Balkon war Anfang September abgestürzt.
An der Westseite des Eckhauses Paulistraße/Thomas-Mann-Straße in Bautzen sind jetzt alle Balkone abgebaut worden. Der oberste Balkon war Anfang September abgestürzt. © SZ/Uwe Soeder

Bautzen. Seit dem Absturz eines Balkons am Eckhaus Paulistraße/Thomas-Mann-Straße in Bautzen sind fast fünf Wochen vergangen. Am Abend des 2. September war der oberste Balkon auf der Westseite des Gebäudes in die Tiefe gerutscht - und mit ihm alle neun Personen, die sich gerade darauf befanden. Einer von ihnen war dabei schwer verletzt worden, alle anderen leicht. Nach Informationen von Sächsische.de soll inzwischen auch der Schwerverletzte das Krankenhaus wieder verlassen haben. Der Absturz hatte einen Großeinsatz von Polizei, Feuerwehr, Technischem Hilfswerk und Rettungskräften ausgelöst.

Inzwischen sind außer dem Unglücksbalkon auch alle anderen Balkone an der Westseite des Hauses abgebaut worden. Damit niemand versehentlich die Balkontür öffnet und dabei nach unten stürzt, wurden hölzerne Barrieren angebracht. Das Gerüst, das sofort in der Nacht nach dem Absturz errichtet worden war, steht immer noch. Die baugleichen Balkone auf der Ostseite wurden inzwischen ebenfalls eingerüstet.

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Bisher kein Bauantrag für neue Balkone

Ob und wann die betroffenen Mieter des Hauses wieder in den Genuss eines Balkons kommen, ist im Moment nicht absehbar. Bei der städtischen Baubehörde wurde bisher kein Antrag für einen Ersatzbau gestellt. Das erklärt Rathaussprecherin Josephine Brinkel auf Anfrage von Sächsische.de. "Die Balkonanlage ist allseits gesichert. Aktuell befasst sich die städtische Baubehörde nicht mit dem Fall, da sie zum jetzigen Zeitpunkt nicht zuständig ist." Das ändere sich in dem Moment, wenn es einen neuen Bauantrag gebe.

Doch die Immobiliengesellschaft aus dem nordrhein-westfälischen Herten, welche die Hausverwaltung für das Eckhaus Paulistraße/Thomas-Mann-Straße inne hat, hüllt sich weiter in Schweigen - nicht nur zur Frage neuer Balkone. Auch die Mieter des Hauses wollen sich derzeit nicht äußern - sie verweisen darauf, dass sich Polizei, Staatsanwaltschaft und Rechtsanwälte mit dem Thema befassen.

Das tut auch die Bauaufsicht des Landkreises. Sie hatte wenige Tage nach dem Unglück alle Eigentümer von Häusern mit Holzbalkonen auf ihre Kontrollpflicht hingewiesen.

Balkone waren erst vor sechs Jahren freigegeben worden

In den zurückliegenden Jahren wurden im Landkreis Bautzen etwa 1.500 Genehmigungen für Balkone erteilt. Ein Großteil davon sind Holzkonstruktionen. Diese sollten nun von Sachverständigen untersucht werden. Das Bauaufsichtsamt hatte dazu seine Unterstützung angeboten. Doch bis heute reagierte darauf kein einziger Hausbesitzer oder Bauherr aus dem gesamten Landkreis. "Das Interesse hält sich doch sehr in Grenzen", heißt es aus dem Landratsamt.

Die Balkone waren nachträglich an das Haus Paulistraße 6 angebaut und erst vor sechs Jahren von der Bauaufsicht freigegeben worden. Balkone müssen nicht - wie etwa Fahrzeuge - regelmäßig untersucht werden. Anwälte und Bausachverständige raten aber dringend dazu. Ein Balkon muss ein Gewicht von etwa 400 Kilogramm je Quadratmeter aushalten.

Schon wenige Tage nach dem Unglück war die städtische Bauaufsicht zu dem Ergebnis gekommen, dass an dem Balkon Mängel vorlagen. "Da sind Schäden dabei, die an der Bruchstelle zu sehen waren. Die Holzverbindungen waren so stark verrottet, dass sie das Gewicht nicht mehr gehalten haben", so Oberbürgermeister Alexander Ahrens (SPD).

Polizei und Staatsanwaltschaft ermitteln weiter wegen des Verdachts der fahrlässigen Körperverletzung. Im Fokus der Ermittlungen steht weiter der Hauseigentümer. So lange es aber keine eindeutigen Ergebnisse gibt, halten sich sowohl Polizei als auch Staatsanwaltschaft mit öffentlichen Äußerungen zurück.

Ermittlungen können sich hinziehen

Deshalb hat eine Aussage von Staatsanwalt Christopher Gerhardi von Mitte September nach wie vor Bestand: "Zunächst steht der Hauseigentümer im Fokus, dies muss aber nicht so bleiben. Zur Klärung der Einsturzursache wurde ein Sachverständigen-Gutachten in Auftrag gegeben. Je nachdem, zu welchem Ergebnis das Gutachten kommt – bauliche/konstruktive Mängel, unterbliebene Wartung/Instandsetzung, andere Gründe –, kann sich ein Tatverdacht gegen weitere beziehungsweise andere Personen ergeben."

Dass sich solche Ermittlungen lange hinziehen können, zeigt sich derzeit im nordrhein-westfälischen Kreis Lippe. Dort war im Ort Horn-Bad Meinberg Ende Juni dieses Jahres ebenfalls ein Balkon mit neun Menschen in die Tiefe gestürzt. Einige von ihnen schwebten sogar in Lebensgefahr. Als wahrscheinliche Ursache für den Absturz wurde wenige Tage später morsches Holz festgestellt.

Auch dort richten sich die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft gegen den Hausbesitzer. Um ihm einen Vorwurf machen zu können, müsste er allerdings um den schlechten Zustand des Balkons gewusst haben. Das konnte ihm bisher nicht nachgewiesen werden.

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