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So sollen die Stadtzentren attraktiver werden

Im Lockdown wirken Innenstädte im Kreis Bautzen wie ausgestorben. Das eröffnet Chancen für Veränderungen, sagen Experten - und haben konkrete Vorschläge.

Die Reichenstraße in Bautzen ist menschenleer. Durch den Corona-bedingten Lockdown haben sich die Innenstädte in Lausitz verändert.
Die Reichenstraße in Bautzen ist menschenleer. Durch den Corona-bedingten Lockdown haben sich die Innenstädte in Lausitz verändert. © SZ/Uwe Soeder

Bautzen/Kamenz. Durch die Corona-Pandemie wirken die Innenstädte in der Lausitz derzeit wie ausgestorben. Auf der Bautzener Reichenstraße spontan shoppen? Unmöglich. Am Kamenzer Markt mit der besten Freundin nach dem Feierabend ein Bier im Goldenen Hirsch trinken? Unvorstellbar. In Bischofswerda am Altmarkt im Modegeschäft Colorado eine Jeans kaufen? Nur mit Termin möglich.

Durch den Corona-bedingten Lockdown haben sich die Innenstädte verändert. Auch wenn der Einzelhandel derzeit wieder langsam öffnen darf und man wenigstens mit Termin shoppen kann, werden sie nach Corona nicht mehr sein wie vorher. Zu dieser Ansicht sind am Dienstagabend die Teilnehmer einer von der Linken-Bundestagsabgeordneten Caren Lay initiierten Online-Debatte auf Facebook gekommen.

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Rund 90 Minuten lang diskutierten die stellvertretende Vorsitzende der Bundestagsfraktion Die Linke mit Politik- und Wirtschafts-Experten aus Bautzen und Kamenz über die Frage „Corona – Todesstoß für die Innenstädte in der Lausitz?“.

Silvio Lang (Bautzens Kreisvorsitzender Die Linke), Stephan Vyhnalek (Kreissprecher der Wirtschaftsjunioren Bautzen), Alex Theile (Kamenzer Stadtrat Die Linke), Franziska Schulze-Stocker (Stadtwerkstadt Kamenz), Caren Lay (Bundestagsabgeordnete Die Linke)
Silvio Lang (Bautzens Kreisvorsitzender Die Linke), Stephan Vyhnalek (Kreissprecher der Wirtschaftsjunioren Bautzen), Alex Theile (Kamenzer Stadtrat Die Linke), Franziska Schulze-Stocker (Stadtwerkstadt Kamenz), Caren Lay (Bundestagsabgeordnete Die Linke) © Screenshot: Sächsische.de

Michael Reink war als Vertreter des Handelsverbandes Deutschland geladen. Er betonte gleich zu Beginn der Debatte, dass Corona die Probleme in den Innenstädten lediglich verschärft habe. So zeichnete sich die Krise des Handels bereits durch die starke Onlinekonkurrenz und ein verändertes Einkaufsverhalten in den Fußgängerzonen ab.

„Es gab bereits vor Corona strukturelle Veränderungen in den Innenstädten. Corona hat den Einzelhandel aber dennoch mit einer Wucht getroffen, die keiner erwartet hat“, sagte er. Deshalb erwartet er nun eine Insolvenzwelle von Geschäften in den Stadtkernen. Diese werde sich aber erst zeigen, "wenn die Insolvenz-Antragspflicht wieder scharf geschalten wird.“ Derzeit ist diese bis Ende April ausgesetzt.

Gratis-WLAN soll Attraktivität der Innenstadt steigern

Caren Lay konnte den Aussagen nur zustimmen. „Die Situation ist dramatisch. Die Krise in den Innenstädten ist älter als die Pandemie. In der Lausitz müssen wir um die Innenstädte kämpfen“, sagte sie.

Der Kamenzer Stadtrat Alex Theile (Die Linke) ist deshalb der Meinung, dass man bei den Innenstädten in Zukunft komplett anders gestalten müsse. „Ich sehe das Ende von Corona als Neustart. Zum Beispiel kann in den Innenstädten ein freier Zugang ins Internet die Attraktivität steigern“, erklärte er. In Bautzen ist das Gratis-WLAN bereits seit mehreren Jahren im Gespräch, umgesetzt wurde es aber bisher noch nicht.

Für Kamenz hatte Alex Theile, der auch Vereinsmitglied der Stadtwerkstatt Kamenz ist, noch weitere Ideen, wie nach Corona die Innenstadt wieder belebt werden kann. „Wir könnten den Markt für die Gastronomen öffnen. Außerdem muss es nicht nur einen Markttag in der Woche geben, sondern mehrere. Des Weiteren könnten wir ein großes Kulturfest feiern. Ich könnte mir eine Ausweitung des Forstfestes vorstellen“, sagte er.

Citymanagement als Retter der Innenstadt?

Franziska Schulze-Stocker von der Stadtwerkstadt Kamenz fasste diese Vorschläge kurz zusammen: „Wir müssen Städte als multifunktionelle Zentren begreifen. Der Zeitgeist des lebenslangen Lernens muss in die Städte einziehen“, sagte sie. Kooperationen mit Museen, Universitäten und Hochschulen könnten Projekte anstoßen, wodurch die Innenstädte wieder belebter werden. So seien in Kamenz mit der TU Dresden und der Fachhochschule Dresden erste Projekte entstanden. Auch die Bürger selbst sollten in die Innenstadtplanung einbezogen werden.

Diese Meinung vertrat auch Michael Reink. Städte müssten als System begriffen werden. „Wir sehen jetzt, wo der Einzelhandel wieder langsam geöffnet hat, nicht mehr Menschen in den Innenstädten, weil die Gastronomen noch geschlossen haben“, erklärte er. Einzelhandel, Gastronomie sowie Kultur und Bildung müssten in den Innenstädten präsent sein. „Ein Citymanagement könnte die Verknüpfung der verschiedenen Branchen herstellen und für ein ausgewogenes Bild in den Innenstädten sorgen“, sagte er weiter.

Doch in vielen Orten fehlt das Geld für ein Citymanagement. So wurde in Bautzen im vergangenen Jahr der Vertrag von Citymanagerin Yvonne Tatzel nicht verlängert. Seitdem ist die Stelle unbesetzt. In Kamenz steht das Citymanagement derzeit auf dem Prüfstand, weil die aktuelle Förderung ausläuft. Caren Lay sagte dazu: „Ich sitze in Bautzen nicht im Stadtrat. Aber mit einer guten Citymanagerin oder einem guten Citymanager kann man viel erreichen.“ Das sehe man zum Beispiel in Hoyerswerda und Kamenz.

Lokaler Onlinehandel als Konkurrent zu Amazon

Michael Reink schlug noch eine weitere Lösung für die Probleme des Einzelhandels in der Innenstadt vor. „In Mecklenburg-Vorpommern gibt es eine Online-Verkaufsplattform für lokale Händler als Konkurrenz zu den großen Online-Händlern Amazon und Otto. Warum sollte es eine solche Plattform nicht auch für Sachsen geben“, sagte er.

Unterstützung erhielt er vom Manager des Bautzener Kornmarkt-Centers Christian Polkow. Er sagte: „Geschäfte mit Online-Handel waren in der Krise besser aufgestellt als Geschäfte ohne eigenen Online-Handel.“ Sie hätten ihre Einnahmenverluste ausgleichen können.

Widersprechen musste dem Stephan Vyhnalek, Kreissprecher der Wirtschaftsjunioren Bautzen: „Ich weiß nicht, ob mehr Menschen auf die Reichenstraße einkaufen gehen, wenn die Geschäfte dort einen Online-Handel betreiben würden.“ Einen Online-Handel müsse man konsequent betreiben und nicht nebenbei.

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