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Händler machen ihren Ängsten Luft

Der Lockdown trifft Geschäftsinhaber im Landkreis Bautzen hart. Sie sorgen sich um ihre Zukunft, und einige geben sogar den Schlüssel ab - zumindest symbolisch.

Margita Timm nimmt mit ihrem Bautzener Sportgeschäft an der Aktion „Wir geben den Schlüssel ab“ teil. Sie möchte damit die Politik auf die schwierige Lage des Einzelhandels aufmerksam machen.
Margita Timm nimmt mit ihrem Bautzener Sportgeschäft an der Aktion „Wir geben den Schlüssel ab“ teil. Sie möchte damit die Politik auf die schwierige Lage des Einzelhandels aufmerksam machen. © SZ/Uwe Soeder

Bautzen/Kamenz. Margita Timm ist verzweifelt. Seit Mitte Dezember darf die Inhaberin des Sportgeschäfts auf der Bautzener Goschwitzstraße ihren rund 1.500 Quadratmeter großen Laden aufgrund des Corona-bedingten Lockdowns nicht öffnen. Deswegen nimmt sie an einer Protestaktion des Handelsverbandes Sachsen teil. Unter dem Slogan „Wir geben den Schlüssel ab“ wollen sächsische Händler auf ihre existenzgefährdende Situation aufmerksam machen.

Dafür schicken sie einen symbolischen Schlüssel an das sächsische Wirtschaftsministerium - zu Händen von Staatsminister Martin Dulig. „Ich habe das Gefühl, der Einzelhandel wird von der Politik vergessen. Insolvenzen werden als Kollateralschaden einfach hingenommen. Das kann es doch nicht sein“, begründet Margita Timm die Teilnahme an dieser Aktion.

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Handelsverband: 60 Prozent der Innenstadthändler vor dem Aus

Diesen Kollertalschaden hält David Tobias in Zahlen fest. Der Geschäftsführer des sächsischen Handelsverbandes ist auch für die Region Ostsachsen zuständig. Auf Anfrage von Sächsische.de teilt er mit: „Die Hilferufe des Handels verhallen bei der sächsischen Staatsregierung. Knapp 60 Prozent der Innenstadthändler stehen vor dem Aus und machen durch diese Aktion auf die drohenden Geschäftsaufgaben aufmerksam.“

Die Forderung an die Politik: kurzfristige finanzielle Hilfen, Perspektiven für eine Wiedereröffnung der Geschäfte sowie die Erlaubnis für kontaktloses Abholen. Sachsen erlaubt als einziges Bundesland dem Einzelhandel bisher nicht, dass die Kunden ihre bestellte Ware direkt am oder im Laden abholen könne. „Die Erwartungshaltung ist hoch, dass das kurzfristig ermöglicht wird“, sagt David Tobias und erklärt er die besorgniserregende Lage der Einzelhändler: „Rücklagen sind aufgebraucht, private Vorsorgen oft aufgelöst und die Liquidität vielerorts am Ende“.

Margita Timm könne nach eigenen Angaben noch zwei bis drei Monate durchhalten, danach wäre Schluss. „Aber es geht nicht nur um uns. Wenn wir jetzt keine Ware vorbestellen, bleiben auch die Sportartikelhersteller irgendwann auf ihren Produkten sitzen und sind die Nächsten, die in Schwierigkeiten geraden.“

Auf Duligs Schreibtisch sollen sich Pakete stapeln

Intersport Timm ist nicht das einzige Geschäft, welches symbolisch den Schlüssel abgibt. Auch Katja Morenz von „Knopf's Holzwerkstube“ aus Kamenz hat vor ein paar Tagen einen großen, selbst gesägten symbolischen Schlüssel an das Wirtschaftsministerium geschickt. „Ich finde die Aktion sehr cool. Das ist besser als anonyme Beschwerden auf Facebook und Co“, sagt die Händlerin, die sich erst letztes Jahr ein sanierungsbedürftiges Haus in der Altstadt gekauft und hier ihr Gewerbe neu angesiedelt hat.

Katja Morenz von Knopf's Holzwerkstube in Kamenz beteiligt sich an der Schlüssel-Abgabe-AKtion. Dafür hat sie einen Schlüssel aus Holz angefertigt und an Wirtschaftsminister Martin Dulig geschickt.
Katja Morenz von Knopf's Holzwerkstube in Kamenz beteiligt sich an der Schlüssel-Abgabe-AKtion. Dafür hat sie einen Schlüssel aus Holz angefertigt und an Wirtschaftsminister Martin Dulig geschickt. © René Plaul

Ihre Idee, keinen normalen Schlüssel zu schicken, sondern einen extragroßen aus Holz anzufertigen, hat dem Handelsverband gefallen. „Ich hatte einen Anruf und solle doch noch mehr Leute dazu animieren mitzumachen“, sagt Katja Morenz. Die ersten Anfragen von Kamenzer Händlern gingen schon ein. „Ich bin gern behilflich bei der Aktion. Die Pakete müssen sich auf Herrn Duligs Tisch stapeln“, sagt die Kamenzerin.

An einer weiteren Aktion, die auf die schwierige Lage des Einzelhandels aufmerksam machen soll, hat sich Corinna Seiler beteiligt. Die Inhaberin des Bautzner Modegeschäftes E.Elle hat Plakate, auf denen „Wir machen aufmerksam“ steht, in ihr Schaufenster gehängt. Entgegen zahlreicher Verwechslungen hat diese Aktion nichts mit der Aktion "Wir machen auf" zu tun. Diese Protestaktion forderte Händler, Dienstleister und Restaurantbesitzer dazu auf, widerrechtlich zu öffnen. Initiiert wurde sie von einem Krefelder, der schon vor selbsternannten Querdenkern als Redner sprach.

Corina Seiler ist bei der Aktion „Wir machen aufmerksam“ dabei. Die Inhaberin des Bautzener Modesgeschäfts E.Elle fordert vor allem eine Perspektive für den Einzelhandel.
Corina Seiler ist bei der Aktion „Wir machen aufmerksam“ dabei. Die Inhaberin des Bautzener Modesgeschäfts E.Elle fordert vor allem eine Perspektive für den Einzelhandel. © Uwe Soeder

Corinna Seiler betont deswegen, dass sie nichts mit der Aktion gemein hat. „Ich bin keine Corona-Leugnerin, kein Rechtsradikale und ich habe auch nicht vor, meinen Laden entgegen der gesetzlichen Anweisung zu öffnen.“ Im Gegenteil: „Ich bin absolut der Meinung, dass die Corona-Zahlen nach unten gehen müssen. Und ich bin auch dazu bereit, mein Geschäft zu schließen. Aber ich brauche auch eine vernünftige Perspektive“, sagt die Geschäftsinhaberin.

Geschäfte mit Saisonware haben besonders große Probleme

Gaby Hahn, Inhaberin von Hügel-Moden aus Kamenz, hat sich ebenfalls an der Aktion beteiligt. Auch in ihrem Schaufenster hängen die Plakate mit der Aufschrift. Sie sagt: „Der Einzelhandel wird geopfert“. Gaby Hahn betreibt zwei Filialen in Kamenz und eine in Bautzen betreibt. Für Geschäfte mit Saisonware sei die Situation besonders schwierig.

Das sieht auch Margita Timm so. „Wir müssen unsere Ware neun Monate im Voraus bestellen. Normalerweise müssten wir jetzt schon die Sommerkollektion einkaufen. Doch wie sollen wir das bezahlen, wenn wir auf der Winterware sitzenbleiben.“

Diese Plakat hängt im Kamenzer Modegeschäft Hügelmoden. Man muss genau hinschauen, um den Schriftzug „Wir machen aufmerksam“ komplett lesen zu können.
Diese Plakat hängt im Kamenzer Modegeschäft Hügelmoden. Man muss genau hinschauen, um den Schriftzug „Wir machen aufmerksam“ komplett lesen zu können. © René Plaul

Gaby Hahn ergeht es ähnlich: „Gerade in der Modebranche haben wir natürlich rechtzeitig Frühjahrsware bestellt. Die Hersteller haben produziert. Aber die Läden sind ja noch voll mit der Winterware.“ Hier bahne sich eine Katastrophe an. Die Warenberge würden sich häufen und müssen noch bezahlt werden. „Es wird eine Pleitewelle geben“, fürchtet Gaby Hahn.

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