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Ist Bautzen ein Verschwörungs-Hotspot?

Böse Mächte, die hinter Corona und 5-G-Netz stecken: Immer offener kursieren Verschwörungsmärchen in der Region. Ein Experte erklärt, warum das gefährlich ist.

Der Aluhut, hier ein Teilnehmer einer Demonstration der Querdenken-Bewegung in Dresden, steht symbolisch für Verschwörungstheoretiker. Auch im Kreis Bautzen kursieren zunehmend Verschwörungsmythen.
Der Aluhut, hier ein Teilnehmer einer Demonstration der Querdenken-Bewegung in Dresden, steht symbolisch für Verschwörungstheoretiker. Auch im Kreis Bautzen kursieren zunehmend Verschwörungsmythen. © dpa-Zentralbild

Bautzen. Dass sie nicht an Zufall glauben, machten die Demonstranten in Bautzen Anfang November deutlich: „Das war geplant“, riefen sie laut und meinten die Corona-Pandemie. In einem Bautzener Geschäft erklärte ein Mann, man solle sich über die Bilderberg-Konferenz informieren – dann wisse man alles.

Solcherlei Verschwörungserzählungen sind in der Region immer häufiger zu hören. Benjamin Winkler ist Fachreferent für Reichs- und Verschwörungsideologie bei der Amadeu Antonio Stiftung in Sachsen. Er leitet ein Projekt unter dem Motto „Debunk: Verschwörungstheoretischem Antisemitismus entgegentreten" – und befasst sich dabei mit der Region Bautzen. Sächsische.de hat ihn gefragt, wieso gerade hier so viele Verschwörungserzählungen kursieren – und warum sie gefährlich sind.

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Im Sommer warnte eine Bautzener Bar vor dem 5G-Netz, nannte es einen Angriff auf die Menschheit. Der Verein Bautzner Frieden ehrte mit Daniele Ganser einen Verschwörungserzähler. Nun die Corona-Schwurbeleien. Ist Bautzen ein Verschwörungshotspot?

Eines vorweg: Es geht in unserem Projekt nicht darum, die Region und die Menschen in Bautzen zu beschimpfen. Wir wollen über das Problem der Verschwörungsideologien reden; dafür müssen wir Vorfälle ansprechen. Und Bautzen machte mit Aktionen rund um die B 96 Schlagzeilen. Dort waren Flaggen der Qanon-Bewegung zu sehen. Die Anhänger gehen davon aus, dass eine weltweite Elite Kinder entführe, um ihr Blut zu trinken.

Es gibt seit 2015 das Wir-sind-Deutschland-Bündnis; in Plauen und Bautzen. Dort sind Verschwörungsideologen oder Antisemiten als Redner eingeladen worden. Ähnlich verhält es sich mit dem Verein Bautzner Frieden. Und es gibt auch hier die Hygiene-Demonstrationen. Also: Es gibt in der Region Bautzen eine Häufung von Vorfällen mit Verschwörungserzählungen.

Wie groß ist die Szene?

Ich kenne dazu keine empirische Untersuchung. Was wir aber kennen, sind die Zahlen derjenigen, die in Bautzen an entsprechenden Demonstrationen teilnehmen. Das sind zwischen 50 und 500. Außerdem kennen wir die Zahlen der Rechtsextremen und der Reichsbürger laut dem Verfassungsschutzbericht. Und wir kennen die Wahlergebnisse. Diese zeigen, dass Akteure wie die AfD in der Region sehr stark sind. Und die Mitglieder und Wähler dieser Partei sind häufig sehr verschwörungsaffin. Das wiederum wissen wir aus empirischen Studien.

Da gibt es zum Beispiel eine, in der Menschen gefragt wurden, ob sie Verschwörungsaussagen zustimmen, wie "Politik und Medien stecken unter einer Decke" oder dass es geheime Organisationen gibt, die die Welt steuern. Das Ergebnis: AfD-Wähler stimmen in besonderem Maße zu. Das ist bundesweit so – und im Kreis Bautzen gibt es eben viele AfD-Wähler. Aber: Nicht nur sie sind verschwörungsaffin.

Benjamin Winkler von der Amadeu-Antonio-Stiftung klärt regelmäßig in Vorträgen über das Thema Verschwörungsideologien auf.
Benjamin Winkler von der Amadeu-Antonio-Stiftung klärt regelmäßig in Vorträgen über das Thema Verschwörungsideologien auf. © Amadeu Antonio Stiftung

Warum verbreiten sich diese Erzählungen in Bautzen so sehr?

Wir haben gerade ein Projekt gestartet, das auf fünf Jahre angelegt ist – da wollen wir uns unter anderem mit dieser Frage befassen. Wir können sie noch nicht beantworten. Aber es gibt in der Region eine Menge Multiplikatoren.

Zum Beispiel Familie Gähler, die in ihrem Spielzeugladen Propaganda-Material der Sekte „Organische Christus Generation“ auslegt. Die wird mittlerweile als rechtsextrem eingestuft. Bekannt ist auch ihre Zeitschrift Denkste, in der so gut wie jede bekannte Verschwörungserzählung enthalten ist – zum Klima, zu 5G, zu Migration und Impfen. Das Schema ist immer: Da sei eine mächtige Gruppe, die an der Weltherrschaft arbeitet.

Ein weiterer Multiplikator ist das Portal Ostsachsen.TV von David Vandeven. Das ist kein reiner verschwörungsideologischer Kanal, aber es fällt auf, dass Vandeven Verschwörungsideologen bis hin zu Rechtsextremen einlädt und interviewt.

Rechtsextreme, Reichsbürger, Verschwörungserzähler – wie hängt das zusammen?

Verschwörungsideologie ist ein elementarer Bestandteil des Rechtsextremismus. Aber andersherum ist Rechtsextremismus keine notwendige Voraussetzung für Verschwörungstheorie. Also: Man kann Verschwörungsideologe sein, ohne alle Elemente eines rechtsextremen Weltbildes zu bestätigen. Verschwörungen sind aber häufig der Einstieg in rechtsextremes Gedankengut.

Das lässt sich auch gut an den Querdenken-Demonstrationen erkennen. Die Leute eint die Hingabe an die Verschwörungserzählung und die Hoffnung auf die Erlösung aus der vermeintlichen Apokalypse. Dort stufen sich sicher nicht alle als rechtsextrem ein – aber Rechtsextreme können da agitieren, ohne dass ihnen widersprochen wird. Irgendwann werden ihre Positionen übernommen, wie der Gedanke des Systemsturzes.

Dieses Schild der Klagepaten hing an einigen Geschäften in Bautzen. Die Klagepaten sind ein Teil der „Querdenken“-Szene, die gegen die Corona-Schutzmaßnahmen protestiert. Auf den Demonstrationen laufen Rechtsextreme und Verschwörungsideologen mit.
Dieses Schild der Klagepaten hing an einigen Geschäften in Bautzen. Die Klagepaten sind ein Teil der „Querdenken“-Szene, die gegen die Corona-Schutzmaßnahmen protestiert. Auf den Demonstrationen laufen Rechtsextreme und Verschwörungsideologen mit. © SZ/Uwe Soeder

Einige der Verschwörungserzählungen wirken so absurd, dass man lachen möchte. Warum ist das gefährlich?

Da gibt es drei Gründe. Zum einen verstricken sich die Leute, die an Verschwörungen glauben, recht häufig. Am Ende sehen sie die Welt ganz anders; als feindliche Umgebung. Sie werden aggressiv. Oder schaden sich selber – aus Angst vor einer Impfung zum Beispiel oder weil Familien kaputtgehen durch die Radikalisierung. Das klingt banal, aber es ist wichtig.

Der zweite Grund ist, dass die Verschwörungen auf gewalttätige Mittel abzielen, um die Demokratie zu zerstören. Und der dritte Grund ist, dass sich einzelne soweit radikalisieren, dass sie zu Terroristen mutieren – wie im Falle des Attentäters in Halle. Wir müssen davon ausgehen, dass so etwas auch in Bautzen passieren kann, leider.

Was können wir tun?

Ganz wichtig ist es, hinzuhören. Wenn einer sagt, dass Demos nicht ausreichen würden – im Zweifel lieber die Polizei rufen. Denn aus der Erfahrung anderer Amokläufe wissen wir: Oft bleibt es nicht bei der Drohung. Es ist wichtig, dass man mit den Leuten, die noch nicht so radikal sind, redet. Ihnen deutlich macht, dass wir in einer Demokratie leben. Ihnen zeigt, dass es öffentliche Gegenstimmen gibt – und dass die Gesellschaft nicht gleichgeschaltet ist.

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