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Bautzen: Pfarrer nimmt Abschied

Vier Jahre war Marcus Baumgärtner im Stadtteil Gesundbrunnen tätig. Jetzt geht er nach Baden-Württemberg. Dabei wollte er eigentlich gern bleiben.

Pfarrer Marcus Baumgärtner verlässt nach vier Jahren die Kirchgemeinde Bautzen-Gesundbrunnen.
Pfarrer Marcus Baumgärtner verlässt nach vier Jahren die Kirchgemeinde Bautzen-Gesundbrunnen. © Steffen Unger

Bautzen. Das Büro von Pfarrer Marcus Baumgärtner ist unaufgeräumt. Auf dem Schreibtisch stapelt sich das Papier. Daneben liegt eine angerissene Tüte Fruchtgummis. Auf dem Boden verteilen sich weiße Umzugskartons und schwarze Aktenordner. Eine Kiste mit Weihnachtsschmuck steht vor dem Bücherregal, in dem theologische Fachliteratur verstaut ist. „Meine Frau sagt immer, dass sie in diesem Büro keine Sekunde arbeiten könne“, sagt Marcus Baumgärtner. „Ich räume oft nur das Nötigste weg.“

In den nächsten Tagen muss der Pfarrer das Büro aber gründlich aufräumen. Denn Marcus Baumgärtner und seine Familie zieht es nach Winterbach in Baden-Württemberg. Es ist die Heimat seiner Frau. Damit verlässt der 34-Jährige die Gemeinde im Bautzener Stadtteil Gesundbrunnen. „Meine Frau möchte gern ihr zweites Staatsexamen in Jura machen, und das geht nur, wenn sie eine 100-Prozent-Stelle hat“, erklärt er.

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Ein Haus einzurichten oder den Umzug in eine neue Wohnung zu organisieren, treibt so manchem Zeitgenossen die Schweißperlen auf die Stirn.

Mit zwei kleinen Söhnen im Alter von vier und zwei Jahren sei es nicht möglich, dass beide Elternteile voll arbeiten gehen. „Ich werde deswegen nur eine 50-Prozent-Stelle haben und mich um die Kinder kümmern. Wir haben uns das so ausgemacht, dass ich mit meinem Beruf anfange und meine Frau danach die Gelegenheit erhält, ihren Abschluss zu machen“, erzählt Marcus Baumgärtner. „Es ist meine feste Überzeugung, dass Mann und Frau gleichgestellt sein sollten.“

Jura-Studium war auch eine Option

Dies spiegle sich auch in seinen theologischen Ansichten wieder. „Jesus hat Frauen ganz gleichberechtigt behandelt und das entgegen seiner Zeit“, sagt Baumgärtner und gerät dabei kurz ins Predigen. Normalerweise kommt der 34-Jährige nicht so schnell auf theologische Fragen zu sprechen. Er sei kein Missionar und wolle die Menschen nicht vom Glauben an Gott überzeugen, sondern Neugier wecken. „Es geht im Glauben um eine Gottesbeziehung. Wenn die nicht vorhanden ist, werde ich auch nichts machen können. Wir als Kirche können nur den Raum und die Möglichkeit bieten, die Beziehung zu Gott aufzubauen.“

Der Berufswunsch Pfarrer kam Marcus Baumgärtner erst während des Theologie-Studiums. „Viele Menschen haben mir damals signalisiert, dass sie mir das zutrauen“, berichtet er. Als Kind konnte er sich auch vorstellen, so wie seine Frau Jura zu studieren und Anwalt zu werden. Doch während des Abiturs wurde Religion immer mehr zu seinem Lieblingsfach. „Wir hatten damals einen sehr engagierten Pfarrer als Religionslehrer“, erzählt der gebürtige Dresdner. Er habe ihn auf besondere Weise geprägt. So begann er nach seinem Zivildienst im christlichen Kindergarten Dresden-Trachau schließlich das Theologiestudium in Leipzig.

Pfarrer musste Sprechunterricht nehmen

Anschließend machte er im Kirchspiel Radeberger Land sein Vikariat, also ein praktisches Vorbereitungsjahr auf den Beruf des Pfarrers. „Das war für mich eine sehr wichtige Erfahrung“, sagt er. Sie habe ihn darin bestätigt, dass der Beruf zu ihm passe. Dennoch habe er auch hier immer wieder an sich arbeiten müssen, erzählt er. „Ich hatte große Probleme mit meiner Stimme. In der Schule und auch noch im Studium habe ich beim lauten Vorlesen hyperventiliert. Da konnte ich fast gar nicht mehr sprechen. Ich war total nervös und habe angefangen zu schwitzen. Das ist wahrscheinlich die schlechteste Voraussetzung, um Pfarrer zu werden.“ Aber er arbeitete an sich, nahm Sprechunterricht. Heute ist von dem Problem nichts mehr zu merken.

Kämpfen musste Marcus Baumgärtner auch nach dem Vikariat. Die Kirchgemeinde in Bautzen-Gesundbrunnen war seine erste Pfarrstelle. Plötzlich hatte er die alleinige Verantwortung. „Besonders in der Vorbereitung der Predigten habe ich manchmal mit mir und den Bibeltexten gerungen.“ Doch die Gemeinde habe es ihm leicht gemacht. „Meine Familie und ich haben uns über all die Jahre hier sehr wohl und respektiert gefühlt.“

Abschlussgottesdienst am Reformationstag

Wenn er jetzt auf die vier Jahre in Bautzen zurückschaut, denkt er vor allem an die Menschen vor Ort. „Sie leben ihren Glauben und engagieren sich für Kirche, vor allem im Gesundbrunnen“, sagt er und gerät dabei förmlich ins Schwärmen. „Diese Gemeinde ist sehr breit aufgestellt. Hier werden sowohl junge Familien, als auch die älteren Menschen angesprochen.“ Von vielen Gemeindemitgliedern habe er bereits die Rückmeldung erhalten, dass es mit der Gemeinde und ihm gut gepasst habe. „Ich wollte als Pfarrer Menschen verbinden, Brücken bauen und ein gutes Klima unter den Menschen fördern“, sagt Marcus Baumgärtner.

Doch nicht nur an die Menschen denkt er zurück, auch politische Fragen beschäftigen ihn, wenn er auf seine Zeit in Bautzen zurückblickt. „Warum gibt es hier so eine große Sorge vor der Migration? Warum gibt es hier ganz offen zur Schau gestellten Rassismus und Extremismus? Und wie begegnet man dem, gerade als Christ?“ Gern wäre er länger hiergeblieben, hätte Antworten auf diese Fragen gesucht. Doch jetzt sei eben die Familie an der Reihe. „Meine Frau ist fünf Jahre zu Hause geblieben und hat sich um die Kinder gekümmert. Jetzt bin ich dran.“

Seinen Abschlussgottesdienst wird Marcus Baumgärtner am 31. Oktober, dem Reformationstag, im Bautzener Dom halten. Dass wegen der Corona-Maßnahmen deutlich weniger Besucher anwesend sein können, beschäftigt den jungen Pfarrer sehr. „Ich finde es schade, dass es schwierig wird, ordentlich Abschied zu nehmen.“ Bereits drei Tage später kommt die Umzugsfirma. Spätentens dann müssen die Büromaterialien aufgeräumt und sicher verstaut im Karton sein. „Da habe ich zumindest Druck, ein wenig Ordnung zu schaffen“, sagt er.

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