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Obdachlosenverein warnt: Immer mehr Sucht-Probleme

Drogen, Spielsucht, Alkohol: Immer mehr Klienten des Bautzener Brücke-Vereins sind abhängig. Der Vereinschef sieht auch die Politik in der Verantwortung.

Vor allem für psychisch Kranke kann auch eine kleine Menge Bier schon zu viel sein, berichtet der Chef des Bautzener Brücke-Vereins. Immer mehr Klienten des Vereins seien abhängig, berichtet er - und hat auch eine Idee, warum.
Vor allem für psychisch Kranke kann auch eine kleine Menge Bier schon zu viel sein, berichtet der Chef des Bautzener Brücke-Vereins. Immer mehr Klienten des Vereins seien abhängig, berichtet er - und hat auch eine Idee, warum. © Daniel Förster

Bautzen. Eigentlich, sagt Matthias Nagel, nimmt der Bautzener Gefährdetenhilfe-Verein Brücke e.V. in sein Wohnprojekt niemanden auf, der extrem abhängig ist. Eigentlich. Bei einem Mann habe der Verein vor Kurzem aber eine Ausnahme gemacht. Prompt kam es, wie es kommen musste: Der Mann hatte sich beim Entzug nicht mehr im Griff. „Er hat unsere Mitarbeiter angegriffen. Erst verbal, dann körperlich“, erzählt Matthias Nagel, Geschäftsführer des Brückevereins. „Er war im Tunnel. Er brauchte was – und zwar nicht gleich, sondern jetzt. Wir mussten den Notarzt rufen.“ Ein Erlebnis, das für die Mitarbeiter im Wohnprojekt nicht einfach zu verdauen war. Und kein Einzelfall ist.

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Der Mann wurde in einer psychiatrischen Klinik untergebracht. Und Matthias Nagels Mitarbeitern geht es heute wieder gut. Aber Probleme mit Drogenabhängigen wie diesem Mann nehmen zu, sagt Matthias Nagel. Er berichtet von einem Mann, der gar nicht anders mit einer Mitarbeiterin redete als brüllend. Und von einem anderen, der immer wieder kurzzeitig sein Leben unter Kontrolle hat – und dann wieder und wieder in die Sucht rutscht und im Bautzener Stadtgebiet für seine Ausfälligkeiten in dieser Zeit bekannt ist.

Drogen und psychische Erkrankung - ein Teufelskreis

Immer komplexer werden die Fälle, die der Verein betreut, sagt Nagel. Vor allem das Zusammenspiel aus Drogenabhängigkeit und psychischen Problemen, so erklärt der Brückevereinschef, bereite dem Verein in all seinen Projekten Probleme. Denn unter den Klienten des Vereins seien immer mehr psychisch Kranke. Oftmals leiden die Leute an beidem: psychischer Erkrankung und Sucht. „Das ist ein Teufelskreis“, erklärt Matthias Nagel. Drogenkonsum begünstigt psychische Erkrankungen; wer psychisch krank ist, greift in einer schlechten Phase leichter zu Drogen. „Wenn jemand psychisch instabil ist, können auch drei Flaschen Bier schon eine Katastrophe bewirken“, sagt er.

Seit 30 Jahren jetzt gibt es den Brückeverein in Bautzen, Matthias Nagel ist von Anfang an dabei. Als Verein für Straffälligen-Hilfe ist er 1991 gegründet worden, als Reaktion auf die Aufstände im Gefängnis zur Wendezeit. Die Geschäftsstelle befand sich damals noch in Nagels Wohnung. Noch immer engagieren sich die Vereinsmitglieder in der Straffälligenhilfe, aber auch weitere Arbeitsbereiche sind hinzugekommen. So zum Beispiel die Jugendhilfe und die Wohnungslosenhilfe.

Matthias Nagel ist Geschäftsführer des "Brücke e.V. – Gefährdetenhilfe im Raum Bautzen". Vor allem in der Notunterkunft, sagt er, müssen die Mitarbeiter immer häufiger die Polizei rufen. Aber nicht nur in dem Projekt gibt es Probleme mit drogenabhängigen
Matthias Nagel ist Geschäftsführer des "Brücke e.V. – Gefährdetenhilfe im Raum Bautzen". Vor allem in der Notunterkunft, sagt er, müssen die Mitarbeiter immer häufiger die Polizei rufen. Aber nicht nur in dem Projekt gibt es Probleme mit drogenabhängigen © SZ/Uwe Soeder

Drogenkonsum, psychische Erkrankungen, Alkoholabhängigkeit, Medikamenten- und Spielsucht: Die Probleme ziehen sich mittlerweile durch fast alle Projekte, erzählt Matthias Nagel. „Die Leute nehmen mehr Drogen“, da ist er sich sicher. Und eines ist für ihn dabei ganz eindeutig: „Die Gefährlichkeit hat zugenommen.“ Immer wieder komme es vor, dass die Leute, die der Verein betreut, auch aggressiv werden. „Wir müssen nicht selten abends in der Notunterkunft die Polizei rufen“, sagt Nagel. „Die Schwelle vom verbalen Angriff zur tätlichen Auseinandersetzung wird oft aus völlig heiterem Himmel überschritten.“

Dabei spiegeln die Zahlen der Polizei die Zunahme des Drogenproblems gar nicht unbedingt wider. Die Zahl der Betäubungsmitteldelikte lag in den Jahren 2017 und 2018 in der Stadt Bautzen besonders hoch – und hat seitdem wieder abgenommen. So verzeichnete die Stadt 2018 insgesamt 275 Verstöße gegen das Betäubungsmittelgesetz, 2019 waren es nur 177 und 2020 lag die Menge bei 170. Allerdings, so ordnet die Polizei ein, hängt die Zahl auch immer damit zusammen, wie oft überhaupt kontrolliert wird. Und durch die Ausgangssperre während der Corona-Pandemie, beispielsweise, habe sich vieles eben auch anderswo abgespielt. Abendliche „verdachtsunabhängige Personenkontrollen“, so klingt das auf Polizeideutsch, seien jedenfalls deutlich weniger durchgeführt worden – da in Zeiten der Ausgangssperre ja ohnehin niemand mehr unterwegs sein durfte.

Legalisierungsdebatte ärgert Brücke-Vereinschef

Matthias Nagel blickt aber auch weiter zurück als nur auf die letzten Jahre. Zu Beginn der Arbeit des Brückevereins hätten Drogen einfach gar keine Rolle gespielt. Vor allem Crystal bereite der Region nun aber eben große Probleme, sagt er. Nach der Wende schwappte das Problem herüber – und wuchs mit der Zeit an. Das konnte er in den 30 Vereinsjahren beobachten.

Er hat auch eine These, woran das liegt. Matthias Nagel sagt: „Viele Leute kommen mit der nach der Wende gewonnenen Freiheit nicht klar.“ Der sichere Job, auch für diejenigen, die nur zum Leisten von Hilfsarbeiten imstande waren – das habe damals die psychisch Instabilen aufgefangen. Heute fehle diesen Leuten die Sicherheit, die Aufgabe, die vorgegebene Tagesstruktur. „Aus heutiger Sicht war das für manch einen eine Überlebenschance“, sagt Matthias Nagel. Einfache Jobs für Gehandicapte und Programme, die sie dort auch fest integrieren, das fehle heute auf dem Arbeitsmarkt.

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Und noch etwas anderes stößt bei Matthias Nagel auf großes Unverständnis. „Ich komme mit der Legalisierungsdebatte nicht klar“, sagt er, „auch nicht von Einstiegsdrogen wie Cannabis.“ Gefragt sei die Politik. Niemanden habe er bisher getroffen, der durch Drogen glücklich geworden sei. „Aber einigen macht es das Leben kaputt.“

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