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Ihre Mission: Lebensmittel retten

Vor einem Jahr kehrte Christin Wegner nach Bautzen zurück - auf der Suche nach neuen Leuten und mit einer besonderen Idee im Kopf.

Christin Wegner vor dem "Fairteiler" an der Bautzener Post. Das ehemalige Pförtnerhaus ist Anlaufpunkt für alle, die Lebensmittel spenden oder kostenlos mitnehmen wollen.
Christin Wegner vor dem "Fairteiler" an der Bautzener Post. Das ehemalige Pförtnerhaus ist Anlaufpunkt für alle, die Lebensmittel spenden oder kostenlos mitnehmen wollen. © SZ/Uwe Soeder

Bautzen. Die Bananen haben schon bessere Tage gesehen. Nur noch an wenigen Stellen schimmert ihre gelbe Schale durch. Christin Wegner greift eine braune Frucht aus der Kiste auf der Laderampe hinter dem Einkaufsmarkt. „Solche Sachen bekommt der Handel nicht mehr verkauft, dabei ist die Banane ja nicht schlecht“, sagt sie und köpft das Obst. Der typische süße Duft vermischt sich mit der Winterluft. An diesem Morgen mit dabei ist Diana Hübner. Gemeinsam räumen die Frauen die Bananen ins Auto.

Christin Wegner holt die nächste Kiste. Salate, Mischbrote, Zitronen, eine Aubergine und Äpfel liegen dort bunt zusammengemischt. Die 33-Jährige begutachtet jede Spende. Die Zitrusfrucht mit weißem Pelz wird aussortiert. Auch die faulige Kartoffel aus einem Netz findet ihren Weg in den Abfall.

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Vor knapp einem Jahr ist die gebürtige Bautzenerin zurück in ihre Heimatstadt gezogen, zusammen mit ihrem kleinen Sohn. Da hatte sie schon die Idee im Hinterkopf, ein Netzwerk zu schaffen, um etwas gegen die Verschwendung von Lebensmitteln zu tun.

Ziel: Wegwerf-Verbot für Supermärkte

Der kleine Kofferraum füllt sich. Die Idee des Foodsharing ist einfach erklärt: Die Initiative entstand 2012 in Berlin. Den Machern geht es um die Rettung von Lebensmitteln, die im Handel nicht mehr verkauft werden. Europaweit sind in der Organisation mehr als 200.000 Nutzer registriert. Sie setzen sich unter anderem für ein Wegwerf-Verbot in den Supermärkten ein.

Eine letzte Kiste holen die beiden Frauen noch von der Laderampe. Dann bringt Diana Hübner die Ware zum "Fairteiler". Der Anlaufpunkt für alle, die in Bautzen Lebensmittel kostenlos abgeben oder abholen wollen, befindet sich im alten Pförtnerhaus der Post.

Christin Wegner steuert einen zweiten Supermarkt an. Ihr Sohn ist an diesem Vormittag im Kindergarten. Wegen ihm zog die junge Mutter aus Köln wieder nach Bautzen, näher zur Familie. Nach dem Fachabitur und einer Ausbildung bei Hentschke-Bau zur Industriekauffrau war sie 2012 zur Bundeswehr gegangen. Es lockte der Gedanke nach finanzieller Sicherheit. Die 90 Prozent Männer in der Truppe schreckten sie hingegen wenig. „Ich war in der Freiwilligen Feuerwehr in Bautzen, und schon dort ein seltenes Exemplar“, sagt sie schmunzelnd.

Abholung so unauffällig wie möglich

Auf dem Weg zur nächsten Abholstation geht es mit dem Auto weiter in Richtung Löbau. Christin Wegner erzählt: Ihre Arbeit in der Bundeswehrverwaltung in Potsdam mit Homeoffice lässt ihr Zeit für das Ehrenamt. „Ich habe schnell gelernt, dass ich ein besserer Beamter bin als Soldat. Mit Eifer lag ich nie im Matsch“, sagt die Soldatin auf Zeit.

Die Foodsharing-Gruppe gründet sie kurz nach ihrer Rückkehr nach Bautzen, auch um schnell Leute kennenzulernen. Die häufigen Umzüge durch die Armee trägt sie schwer im Rucksack. Gut aller zwei Jahre wechselte sie bisher den Standort: Ulm, Hannover, Bonn, Köln. Ein fester Freundeskreis? Fehlanzeige.

Christin Wegner sucht sich einen Parkplatz vor dem Supermarkt. Grüßend geht sie durch den Laden. Die Verkäuferinnen kennen sie. Auch hier gibt es einen Korb voller Köstlichkeiten, manche davon kratzen das Mindesthaltbarkeitsdatum. Ein paar Backwaren vom Vortrag und ein Weihnachtsmann mit Loch im Bauch sind auch dabei. Die Lebensmittelretterin schiebt sich vorbei an den Kunden. „Wir versuchen, die Abholung so unauffällig wie möglich für den Betrieb zu machen. Der normale Betrieb soll nicht eingeschränkt werden“, sagt die zierliche, aber auch durchsetzungsstarke Frau.

Freiwillige unterstützen die Arbeit

Mit dem Aufbau des Foodsharing-Netzwerks beginnt die Wieder-Bautzenerin bereits vor dem Umzug aus Köln. „Mir war schnell klar, dass es Zeit braucht. Die alternative Szene ist in Bautzen klein: Leute, die über den eigenen Tellerrand schauen, die auch an andere denken und an die Zukunft", sagt Christin Wegner - und fügt gleich hinzu: "Das sehe ich als Herausforderung. Probleme gibt es für mich nicht.“

Inzwischen ist sie zurück am "Fairteiler" an den Bautzener Wallanlagen. Die Agora Immobilien hat ihr das Mini-Gebäude im ersten Jahr mietfrei überlassen. Drinnen wartet schon Sylvia Schlenker. Die EU-Rentnerin wohnt gleich nebenan und hat sich bei der Initiative als „Fleißiges Bienchen“ eingetragen. Die freiwilligen Helfer sorgen für Ordnung im "Fairteiler" und tragen die Idee des Miteinanderteilens in die Region.

Sylvia Schlenker holt hinterm Rücken eine „Flotte Lotte“ hervor. „Wir hatten so viele Äpfel. Mit dem Passiergerät lässt sich hervorragend Mus machen“, sagt sie mütterlich. Christin Wegner bedankt sich lachend. Sie selbst nutzt statt der "Lotte" lieber den Thermomix. Denn immer mal wieder haben die Foodsharer regelrechte Lebensmittelschwemmen zu bewältigen: Dann werden Äpfel zu Mus, Erdbeeren zu Marmelade, Kürbis zu Kompott.

Kleine Wahl-Familie entstanden

Im "Fairteiler" finden sich in der Gartensaison auch Obst, Gemüse und Kräuter. Sogar mit einigen Gaststätten pflegt die Bautzener Gruppe Kooperationen, abgepackt im Kühlschrank kann sich jeder Essen abholen. „Wir sind aber kein Supermarkt“, sagt Christin Wegner und appelliert an alle, nur zu nehmen, was man wirklich braucht. Immer wieder kommt es vor, dass einzelne schwarze Schafe den "Fairteiler" leerräumen. Der Sinne des Foodsharings ist jedoch ein faires Miteinander.

Ein älterer Mann kommt auf dem Fahrrad an. Er holt sich eine Banane. Nicole Schmorr schaut vorbei. Sie bringt ein paar gute Kindersachen und überlegt, ob sie mit ihrem Mann gleich einen abgepackten Kartoffelauflauf oder eine Schaschlikpfanne mitnehmen soll. Ein kurzer Plausch, dann geht es wieder nach Hause.

Christine Wegner berichtet unterdessen von neuen Vorhaben: Einen Verein wollen die Lebensmittelretter gründen, Schulprojekte zum Thema Nachhaltigkeit anbieten und noch mehr Bautzener für ihrer Idee begeistern.

Eines ist der Rückkehrerin aber schon jetzt gelungen: Rund um den Treff an der Post ist eine kleine Wahl-Familie entstanden; eine Gemeinschaft von Menschen, die sich ohne den Gedanken des Teilens vielleicht nie begegnet wären.

Mehr Informationen zu Foodsharing in Bautzen gibt es hier.

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