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Bautzen: "Mister Feuerwehr" hört auf

Manfred Pethran war Feuerwehrmann mit Leib und Seele, Kreisbrandmeister und vieles mehr. Er hat Schlimmes, aber auch Schönes erlebt.

Die Feuerwehruniform hängt jetzt im Schrank, der langjährige Kreisbrandmeister Manfred Pethran geht in den Ruhestand - und kann sich endlich mal ohne Zeitdruck den vielen Büchern im Haus widmen.
Die Feuerwehruniform hängt jetzt im Schrank, der langjährige Kreisbrandmeister Manfred Pethran geht in den Ruhestand - und kann sich endlich mal ohne Zeitdruck den vielen Büchern im Haus widmen. © SZ/Uwe Soeder

Bautzen. Der Vollbart steht ihm gut. Bis vor Kurzem wäre ein Verzicht aufs tägliche Rasieren für Manfred Pethran undenkbar gewesen. "Als Kreisbrandmeister", sagt er, "konnte ich nicht von den Feuerwehrleuten etwas verlangen, was ich selbst nicht vorlebe." Und so ein Bart kann sich nun mal schnell als lebensgefährlich erweisen, wenn die Atemschutzmaske hauteng anliegen muss. Schließlich schützt sie vor Rauch, manchmal gar vor giftigen Gasen.

Jetzt kann der 64-Jährige die Haare ums Kinn wachsen lassen, ohne ein schlechtes Gewissen zu bekommen. Vergangene Woche berief ihn der Bautzener Kreistag als Kreisbrandmeister ab, auf seinen eigenen Wunsch hin. "Ich habe mir gesagt, ich muss hier nicht der hundertjährige Kreisbrandmeister sein. Es gibt Jüngere, die das auch können."

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Wie Stefan Hentschke, bisher einer von sechs ehrenamtlichen Stellvertretern des Kreisbrandmeisters. Der heute 38-jährige ausgebildete Rettungssanitäter und Feuerwehrtechniker ist seit zwei Jahren Sachgebietsleiter Brand- und Katastrophenschutz im Bautzener Landratsamt. Jetzt berief ihn der Kreistag zum Nachfolger von Manfred Pethran.

Stefan Hentschke ist der neue Kreisbrandmeister für den gesamten Landkreis Bautzen. Der 38-Jährige tritt die Nachfolge von Manfred Pethran an.
Stefan Hentschke ist der neue Kreisbrandmeister für den gesamten Landkreis Bautzen. Der 38-Jährige tritt die Nachfolge von Manfred Pethran an. © Landratsamt Bautzen

Langweilig wird dem künftigen Ruheständler nicht. In Haus und Garten gibt es immer zu tun. "Sehen Sie, die Treppe da muss ich mal abschleifen. Und meine Unterlagen sortieren." Er hat alle Fahrten- und Einsatzbücher aus seiner Feuerwehrzeit aufgehoben.

Überhaupt spielen Bücher im Hause Pethran eine große Rolle. Das gut gefüllte Regal reicht bis unter die Zimmerdecke. Er greift zielsicher nach einem Bildband. Ehefrau Ellen schenkt Kaffee ein, auf dem Tisch steht ein Teller mit Weihnachtsgebäck. Die zutrauliche Hündin Elli lässt sich unterdessen nur zu gern vom Besuch streicheln.

Ein Reiseziel ist der Baikalsee

Manfred Pethran blättert in einem Bildband über Ungarn. Und er erzählt von einer Reise in das Land um den Balaton. Dann, wie er einen Hilfskonvoi der Arbeiterwohlfahrt nach Russland begleitete, weil er die Fremdsprache gut kann. Bis zum Ural, dem Reißverschluss zwischen Europa und Asien, ist er schon gekommen. Aber Ellen und Manfred Pethran wollen noch weiter, an den Baikalsee.

Es macht Spaß und Reiselust, ihm zuzuhören. Und auch ihm ist die Freude am Erzählen anzumerken. Er lässt sich Zeit dabei. Die kann er sich jetzt auch nehmen. Jahrzehntelang konnte es jederzeit passieren, dass ihn früher die Sirene, später ein Pieper zu einem Einsatz rief. Da zählte jede Sekunde. Ellen Pethran weiß, wie das ist, wenn ihr Mann plötzlich aufspringt. Und wie er manchen Abend fehlte, weil eine Versammlung anstand. Oder eine Übung. Oder auch mal eine Feier. Wie das eben so ist bei der Feuerwehr.

Von Moskau über Dresden nach Bautzen

Der schloss sich Manfred Pethran schon als Schüler an. "Schuld" daran war sein Moped. "Ich brauchte jede Woche fünf Mark Benzingeld. Um mir das zu verdienen, bin ich nebenbei schurwerken gegangen." Zu der Feierabendbrigade, die eine Datsche baute, gehörte auch ein Feuerwehrmann. Wenn der von seinen Einsätzen erzählte, hörte der junge Dresdner gespannt zu. Und ging eines Tages zum Volkspolizei-Kreisamt, das auch für die Feuerwehr zuständig war. Dort fragte er, wie er denn Feuerwehrmann werden könne.

Das wurde er 1976 bei der Freiwilligen Feuerwehr. Aber kaum hatte er seinen Facharbeiterbrief als Maschinen- und Anlagenmonteur mit Abitur in der Tasche, ging er als Angestellter zur Abteilung Feuerwehr beim Volkspolizei-Kreisamt Dresden. 1979 begann sein Studium an der Ingenieurtechnischen Feuerwehrhochschule der Sowjetunion in Moskau, 1983 kam er als Diplomingenieur für Brandschutztechnik und Sicherheit zurück nach Dresden. Wo er aber nicht lange blieb, sondern einem Ruf aus Bautzen folgte. Hier wirkte Manfred Pethran bis 1990 als Oberinstrukteur und Leiter der Abteilung Feuerwehr beim Volkspolizei-Kreisamt.

Danach griffen die Chefs im Landratsamt gern auf sein Fachwissen im Brand- und Katastrophenschutz sowie im Rettungswesen zurück. Manfred Pethran bekleidete mehrere Funktionen, war eine Zeit lang Chef des Kreisordnungsamtes, zuletzt zehn Jahre als hauptamtlicher Kreisbrandmeister Chef von rund 10.000 Feuerwehrleuten. "So eine Mitgliederzahl würde sich jede Partei wünschen", scherzt er.

Erinnerungen an Fehlalarme und schlimme Brände

Als Kreisbrandmeister hatte er aber auch die Ausrüstung und Einsatzbereitschaft der Fahrzeuge zu kontrollieren. Und gab es irgendwo ein Problem, wurde meist er als erster gefragt. Wie einst nördlich von Bautzen, als ein Brand Schadstoffe freigesetzt hatte. Danach wollten die umliegenden Bauern wissen, ob sie ihre Felder bestellen können.

Manfred Pethran hat seine Einsätze nicht mitgezählt. An einige kann er sich erinnern, als wären sie gestern gewesen. Wie an den Brand der ehemaligen Bautzener Brauerei. Oder die Evakuierung der ganzen Innenstadt, als am früheren Kornmarkt-Hochhaus eine Fliegerbombe gefunden wurde. Bei einem Einsatz war er, der Kreisbrandmeister, als Erster vor Ort - und konnte den nachfolgenden Kameraden Entwarnung geben: Es war ein Fehlalarm. Aber auch das ist ihm in Erinnerung geblieben: In Kubschütz hatten drei Kinder mit Streichhölzern gespielt. Das anschließende Feuer überlebte keines von ihnen.

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