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Bautzener Rede: „Unsere Gesellschaft rutscht nach rechts weg“

Der Direktor der Gedenkstätte Buchenwald Jens-Christian Wagner fordert im Bautzener Dom mehr Widerspruch gegen Geschichtsverdrehung, Verschwörungslegenden und die AfD.

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Jens-Christian Wagner, Direktor der Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora, sprach bei den Bautzener Reden im Dom St. Petri.
Jens-Christian Wagner, Direktor der Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora, sprach bei den Bautzener Reden im Dom St. Petri. © Steffen Unger

Bautzen. Es ist eine Zahl, die aufmerken lässt: Bis zu 18 Prozent der Stimmen würde die AfD nach aktuellen Umfragen bei der nächsten Bundestagswahl erhalten. Vor allem in Ostdeutschland ist die Zustimmung groß. Besorgniserregend, nennt der Historiker Jens-Christian Wagner diese Situation. Wagner ist Direktor der Stiftung Gedenkstätten Buchenwald. Am Freitag sprach er im Rahmen der „Bautzener Reden“ im Dom St. Petri. Deutlich wandte er sich dabei gegen die Vorstellung, die AfD oder die sogenannten Montagsspaziergänge nur als Protest-Phänomen zu verstehen. Wer die AfD oder andere extrem Rechte wähle, wisse für welche menschenverachtende Politik er stimme.

Wagners Vortrag vor 150 Zuhörern stand unter dem Motto „Aus der Geschichte lernen?“. Ausgangspunkt seiner Gedanken war ein offenkundiger Widerspruch: So gilt Deutschland als „Erinnerungsweltmeister“ mit einem umfassenden Netz an Gedenkorten an die Zeit des Nationalsozialismus, zugleich jedoch herrsche in der Öffentlichkeit häufig ein falscher Eindruck vor: Nach wie vor seien viele Menschen überzeugt, dass die Verbrechen der NS-Zeit im Verborgenen begangen wurden und die meisten Deutschen nichts oder wenig davon wussten.

NS-Verbrechen ohne Bevölkerung nicht denkbar

Tatsächlich jedoch war Deutschland überzogen mit einem dichten Netz an KZ-Haupt- und Außenlagern, stellt Wagner fest. Hinzu kamen Tausende Lager anderer Kategorien: für Kriegsgefangene oder Sinti und Roma. Dazu Gefängnisse, Euthanasieanstalten, Gestapolager. „Mit den Lagern und Tatorten waren auch die Verbrechen an den Insassen für die deutsche Bevölkerung deutlich sichtbar – es waren öffentliche Verbrechen“, so der Historiker. Überdies sei das Geschehen in den Lagern nicht denkbar ohne die Gesellschaft jenseits des Lagerzauns: ohne Deutsche, die von den Arisierungen profitierten; ohne Unternehmer, die auf Zwangsarbeit setzten; ohne Anwohner, die bewusst wegsahen.

Als Gründe führt Wagner eine ganze Reihe von Punkten an: die Gewöhnung an Gewalt und Ausgrenzung, Gruppendruck, aber auch rassistische und antisemitische Überzeugungen. Gerade hier sieht der Historiker einen erschreckenden Gegenwartsbezug: Denn das seien die Mittel, mit denen die Gegner der liberalen Demokratie bis heute in aller Welt arbeiten: Angst vor vermeintlich Fremden, Schüren von Nationalismus, die Ausgrenzung politischer Gegner als „Volksfeinde“.

Massive Verdrehung der Geschichte durch Querdenker

Zugleich beobachte er eine massive Verdrehung der Geschichte durch Querdenker und Montagsdemonstranten – etwa, wenn diese sich mit den verfolgten Juden gleichsetzten. Das Spektrum der Teilnehmer sei zwar breit. „Sie alle verbindet jedoch die Neigung, sich angesichts komplizierter und bedrohlicher Lagen in simple Verschwörungslegenden zu flüchten.“ Viele dieser Legenden seien zudem nicht neu: Fast immer knüpften sie an die klassischen Muster des Antisemitismus an, wonach wenige reiche Personen – meist jüdischen Glaubens – die Weltherrschaft anstreben.

„Man mag solche Legenden als lächerlich abtun. Aber sie werden geglaubt“, warnt Wagner. Die Folge sei: „Unsere Gesellschaft rutscht nach rechts weg.“ Gerade in Ostdeutschland rückten antiliberale und anti-westliche Vorurteile immer weiter in die Mitte der Gesellschaft.

Dafür gebe es Erklärungen wie die demütigenden Erfahrungen in den 1990er Jahren. Doch dies dürfe nicht dazu führen, dieses Verhalten zu entschuldigen. „Die demokratische Zivilgesellschaft, die noch immer die Mehrheit ist, darf das nicht hinnehmen“, appellierte Wagner an die Zuhörer. „Wenn gegen Geflüchtete gehetzt wird, wenn Verschwörungslegenden und Antisemitismus verbreitet werden, müssen wir widersprechen.“ (SZ)

Die Bautzener Reden sind eine Veranstaltungsreihe der Initiative "Bautzen gemeinsam". Am 23. Juni spricht um 19.30 Uhr im Dom St. Petri: Prof. Dr. Klaus Neumann von der Hamburger Stiftung zur Förderung von Wissenschaft und Kultur zum Thema: "Boot voll, Grenzen dicht? 30 Jahre nach Asylkompromiss und Grundgesetzänderung".