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Braucht Bautzen eine zweite Tafel?

Der Weg aus dem Stadtteil Gesundbrunnen zur Lebensmittelausgabe ist zu weit, beklagen Bedürftige. Doch der Verein, der sie betreibt, hat zurzeit andere Probleme.

Kurz nach dem Umzug im vorigen Jahr: Matthias Engelmann, Mitarbeiter bei der Tafel in Bautzen, verteilt am Standort Czornebohstraße Lebensmittel aus dem Auto heraus. Bedürftige aus dem Stadtteil Gesundbrunnen klagen, dass der Weg dorthin zu weit ist.
Kurz nach dem Umzug im vorigen Jahr: Matthias Engelmann, Mitarbeiter bei der Tafel in Bautzen, verteilt am Standort Czornebohstraße Lebensmittel aus dem Auto heraus. Bedürftige aus dem Stadtteil Gesundbrunnen klagen, dass der Weg dorthin zu weit ist. © Archivfoto: SZ/Uwe Soeder

Bautzen. Mehr als drei Kilometer. So lang ist in Bautzen der Weg vom Gesundbrunnenring in die Czornebohstraße. Warum das relevant ist? Weil in der Czornebohstraße die Bautzener Tafel ihren Sitz hat. Und Bedürftige beklagen, dass der Weg dorthin aus dem Stadtteil Gesundbrunnen zu weit ist. Einige haben sich deswegen auch schon an soziale Träger gewandt.

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„Wir hören das immer wieder“, sagt Manja Döcke, Sozialarbeiterin bei der Bautzener Caritas. „Viele Bedürftige sind schlecht zu Fuß“, sagt sie. Für sie sei die Strecke eine schier unüberwindbare Hürde. „Man glaubt oft gar nicht, in welcher existenziellen Not einige Leute sind“, so die Sozialarbeiterin. „Eine Busfahrt ist für viele tatsächlich zu teuer.“

Viele Bedürftige im Stadtteil Gesundbrunnen

Nicht nur Manja Döcke erlebt das so. David Remetter arbeitet als Quartiermanager in Gesundbrunnen. Mehrfach, berichtet er, seien Leute zu ihm gekommen und hätten ihn auf das Problem angesprochen. Und die Nachfrage wachse, so sein Eindruck. Auch Jutta Burkhardt, Koordinatorin des Mehrgenerationenhauses in Gesundbrunnen, sagt, dass sie immer wieder darauf angesprochen wird. „Die Armut, die Bedürftigkeit ist hier groß“, sagt sie. Viele in dem Stadtteil lebten von Hartz IV – und seien für jede Hilfe dankbar. „Aber das Thema ist vielen unangenehm.“ Vor allem eines habe ihr gezeigt, dass der Bedarf da ist. Was sie damit meint?

Vor einem Jahr hat Christin Wegner gemeinsam mit anderen Engagierten in der Post am Bautzener Postplatz einen sogenannten „Fairteiler“ eröffnet. Dort werden Lebensmittel, die vor dem Müll gerettet wurden, unter die Leute gebracht. Weil das Pförtnerhäuschen, in dem sich der Fairteiler befindet, aber sehr klein ist, musste es zu Hochzeiten der Pandemie schließen. Um die vor dem Müll geretteten Lebensmittel dennoch zu verteilen, haben sie die Engagierten an bestimmten Tagen am Steinhaus und am Mehrgenerationenhaus in Gesundbrunnen ausgegeben.

Foodsharing-Projekt gut angenommen

„Obwohl sich das neue Angebot noch kaum rumgesprochen hatte, waren von Anfang an 20 bis 30 Leute vor Ort“, sagt Jutta Burkhardt. Für sie ein Indiz dafür, dass es die Hilfe in dem Stadtteil dringend braucht.

Christin Wegner, die beim Verteilen der Lebensmittel geholfen hat, sieht das ähnlich. Zum Ende hin, erzählt sie, seien 40 bis 60 Leute zur Ausgabe in Gesundbrunnen gekommen. „Nach einer halben Stunde war alles leer.“ Und: Schon eine Stunde, bevor die Essensausgabe begann, hätten zehn bis 15 Leute angestanden und gewartet.

Sollte und könnte es also ein zweites Standbein der Tafel im Stadtteil Gesundbrunnen geben? Die Stadt verweist an den Verein. Es handele sich nicht um ein städtisches Angebot, sondern um privates Engagement. „Die Stadt unterstützt Vereine durch Zuschüsse oder ideell, je nach Projekt. Die Stadt kann aber selbst nicht in Vereinsbelange eingreifen“, erklärt der kommissarische Pressesprecher Markus Gießler.

Seit einem Jahr gibt es in Bautzen einen sogenannten Fairteiler; einen Ort, an dem Lebensmittel vor dem Wegwerfen gerettet - und verteilt werden.
Seit einem Jahr gibt es in Bautzen einen sogenannten Fairteiler; einen Ort, an dem Lebensmittel vor dem Wegwerfen gerettet - und verteilt werden. © Archivfoto: SZ/Uwe Soeder

Und was sagt man bei der Bautzener Tafel dazu? Dass viele der Bedürftigen aus dem Stadtteil Gesundbrunnen kommen, weiß Elke Krause, Vorstandsvorsitzende des Bautzener Tafel-Vereins. „Wir hatten ja sogar mal eine Ausgabe im Gesundbrunnen“, sagt sie. Die Lebensmittel seien damals aus einem Auto heraus an der Wilhelm-Ostwald-Straße verteilt worden. Aber irgendwann sei das Angebot kaum noch angenommen und dann eingestellt worden.

Jetzt gerade gebe es auch keine Möglichkeit, das wieder aufzugreifen, erklärt Elke Krause. „Wir könnten die Hygienemaßnahmen nicht gewährleisten“, sagt sie. Zum Beispiel sei es nicht möglich, dort durchzusetzen, dass Abstand gehalten wird.

„Die Mitarbeiter machen das hier alles ehrenamtlich“, sagt Elke Krause. Wegen der Pandemie musste die Tafel vergangenes Jahr überstürzt aus der Fabrikstraße in die Czornebohstraße umziehen. „Das Dach ist undicht, wir haben keine Küchenzeile – hier ist alles provisorisch“, sagt die Vereinsvorsitzende. Es gelte jetzt zunächst einmal, das alles in Ordnung zu bringen. Freie Spitzen für andere Aufgaben gebe es nicht.

Konkurrenz unter den Tafeln ist nicht erwünscht

Und ein zweiter Tafel-Verein? Das lehnt der Dachverein, die Tafel Deutschland, ab. Das widerspreche den Grundprinzipien der Tafel, heißt es. Es solle schließlich keine Konkurrenz zwischen den Tafeln geben. Im Übrigen sei es auch nicht im Sinne der Tafel, zusätzliche Lebensmittel aufzukaufen und zu verteilen. Es ginge darum, überschüssige Lebensmittel zu retten, ein zusätzliches Angebot zum Sozialstaat zu sein; nicht diesen zu ersetzen. Übrigens: „Es gibt keinen Rechtsanspruch auf eine Tafel“, erklärt eine Sprecherin. „Wenn das Geld zum Leben nicht reicht, ist das ein politisches Problem.“

Dennoch: Irgendwann könnte es auch wieder eine Ausgabe der Bautzener Tafel in Gesundbrunnen geben, sagt Elke Krause. „Langfristig denken wir darüber nach“, sagt sie, „wenn die Pandemie abgeklungen ist.“

Und auch die Engagiertem vom Fairteiler haben Pläne. Seit der Fairteiler an der Post wieder geöffnet ist, haben sie das Angebot in Gesundbrunnen zwar wieder eingestellt – gezwungenermaßen. „Wir haben nicht genug Lebensmittelspenden, um ein zusätzliches Angebot zu etablieren“, sagt Christin Wegner. „Wenn sich da noch mehr Kooperationen mit Supermärkten ergeben, wollen wir das aber machen.“

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