SZ + Bautzen
Merken

Kein schnelles Internet für Cunewalde?

Fast der ganze Landkreis Bautzen erhielt jetzt Breitband-Zugang per Glasfaser-Netz. Cunewalde nicht - und das hat einen erfreulichen Grund.

Von Tilo Berger
 4 Min.
Teilen
Folgen
Cunewaldes Bürgermeister Thomas Martolock ist stolz auf seine Gemeinde: "Wir waren die Breitband-Pioniere im Landkreis Bautzen."
Cunewaldes Bürgermeister Thomas Martolock ist stolz auf seine Gemeinde: "Wir waren die Breitband-Pioniere im Landkreis Bautzen." © Archivfoto: SZ/Uwe Soeder

Cunewalde. "Wir wurden vergessen!" Der Mann am Telefon wählt im Gespräch mit Sächsische.de drastische Worte. Gerade hat er wieder einen Bericht über die Versorgung des Landkreises Bautzen mit schnellem Internet gelesen, da musste er einfach mal zum Hörer greifen. "Schön für die Orte, die jetzt Breitband haben, aber Cunewalde hat das nicht bekommen", sagt der Anrufer, der seinen Namen zwar nennt, aber bei der Berichterstattung anonym bleiben möchte.

In Auftrag gegeben hatte den Breitband-Ausbau das Bautzener Landratsamt. Dessen Sprecherin Sarah Günther bestätigt, dass Cunewalde nicht Teil des vor Kurzem offiziell beendeten Projekts war, in das mehr als 100 Millionen Euro Fördermittel geflossen sind - also Steuergelder. Die Deutsche Telekom und die Firma Sachsenenergie verlegten im Landkreis rund 60.000 Hausanschlüsse für den Zugang zum superschnellen Glasfaser-Netz - fast überall, aber eben nicht in Cunewalde.

Cunewalde war Vorreiter im Landkreis

Aus einem einfachen Grund: Cunewalde hatte das schnelle Internet schon, als das Breitband-Projekt des Landkreises gerade startete. Das war 2018. In der Gemeinde seien "nahezu alle Adressen versorgt", sagt die Kreissprecherin. Nahezu alle heißt aber: nicht 100 Prozent. Etwa 20 Häuser in Cunewalde würden noch auf einen Zugang zum Breitband warten. Und offenbar wohnt in einem dieser Häuser der unzufriedene Mann, der sich so heftig über das fehlende Giga-Internet beschwert.

Doch die Versorgungslücke soll zeitnah geschlossen werden, kündigt Sarah Günther an. "Darüber hinaus werden auch die Schulen von Cunewalde mit Glasfaser erschlossen."

Insgesamt fehlen im Landkreis Bautzen noch rund 6.500 Anschlüsse. Diese werden in einem sogenannten Cluster 10 realisiert, das zusätzlich aufgelegt wird. Der bisherige Breitband-Ausbau im Kreis war in neun Abschnitte, sogenannte Cluster, unterteilt. Cluster 10 soll noch einmal rund 83 Millionen Euro kosten.

Riesiger Aufwand ohne zusätzliches Personal

Cunewaldes Bürgermeister Thomas Martolock (CDU) erklärt, warum die Gemeinde seinerzeit Vorreiter in Sachen Internet wurde: "Wir hatten eine schlechte Internet-Anbindung, das wollten wir ändern." Schon 2006 – "als DSL für viele noch ein Fremdwort war" – habe Cunewalde eine entsprechende Initiative gestartet.

Auf den Bund wollten sie im Tal zwischen Bieleboh und Czorneboh nicht warten. "Trotz wechselnder Bundesregierungen hat sich die Bundespolitik über viele Jahre dem Problem viel zu wenig gewidmet", kritisiert Martolock. Vergeblich hätten Kommunen gefordert, dem schnellen Internet im 21. Jahrhundert den gleichen Rang einzuräumen wie Trinkwasserversorgung und Abwasserentsorgung. Also schritt Cunewalde selbst zur Tat.

"Über zehn Jahre schloss sich ein langes Wellental von Hoffnungen und Enttäuschungen, verbunden mit Förderanträgen, Bedarfs- und Verfügbarkeitsanalysen und einer Vielzahl von Variantenuntersuchungen an", so der Bürgermeister. All das habe die Gemeinde ohne zusätzliches Personal gestemmt.

Allein mehr als 500 verkehrsrechtliche Anordnungen seien nötig gewesen, damit überall die Versorgungsleitungen in die Cunewalder Erde kommen konnten. Zudem kümmerte sich die Gemeindeverwaltung um mehrere hundert Genehmigungen verschiedenster Art. Das Ergebnis: 43 Kilometer Glasfaser- und 16 Kilometer Kupferkabel wurden verlegt, 217 Gruben und neun Kilometer Gräben ausgehoben.

Zufrieden mit dem schnellen Internet ist auch Andreas Härtwig, Geschäftsführer des gleichnamigen Maschinenbaubetriebes in Cunewalde. "Wir haben viele Jahre auch mit der Gemeinde verzweifelt darum gekämpft. Jetzt ist es meines Wissens nach, bis auf wenige Ausnahmen, durchgängig ausgebaut."

Das ganze Gegenteil erlebt der Unternehmer immer wieder am zweiten Firmenstandort in Dürrhennersdorf bei Löbau. "Dort gibt es faktisch kein Internet. Weder über Festnetz noch per Funk." Dies sei in Zeiten, da immer mehr Arbeit digital abläuft, "eine Zumutung".

Bürgermeister findet Kritik am Landkreis unangemessen

"Wir waren die Breitband-Pioniere im Landkreis", sagt der Cunewalder Bürgermeister jetzt stolz. "Und es waren nicht zuletzt die Erfahrungen von Cunewalde, die den Landkreis Bautzen bewegt hatten, ein flächendeckendes Projekt zu initialisieren. Dies ist eine rein freiwillige Aufgabe."

Und deshalb ärgert sich Martolock, wenn das Breitband-Projekt des Kreises so in der öffentlichen Kritik steht wie vergangene Woche. Der Bund der Steuerzahler hatte den Landkreis in seinem jährlichen Schwarzbuch gerügt, weil nach Ansicht des Vereins Planungsfehler passiert waren. Diese kämen den Steuerzahler jetzt teuer zu stehen - eben jene 83 Millionen Euro, die das Cluster 10 ungefähr kosten soll. Ein Großteil davon wäre vermeidbar gewesen, so der Steuerzahlerbund.

"Wer heute kritisiert, sollte an zwei Dinge denken", findet Thomas Martolock. "Ohne die Landkreis-Investition hätten heute die wenigsten Bürger im Landkreis einen leistungsfähigen Breitbandanschluss. Und: Nur wer arbeitet, der macht auch Fehler." Geblieben sei das bundesweit größte Projekt in der Breitbandversorgung, während andere Regionen in Deutschland nach wie vor unterversorgt sind.