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Annelies Schulz: Debütroman neu aufgelegt

Die Oberlausitz-Geschichten der Taubenheimer Autorin sind Bestseller. Jetzt gibt es ein neues Buch von ihr - das vor 54 Jahren geschrieben wurde.

Die Oberlausitzer Autorin Annelies Schulz bereitet sich in ihrem Garten auf die ersten Lesungen mit ihrem Erfolgsroman „Anne“ vor. Über ein halbes Jahrhundert liegen zwischen der Erstausgabe und der Neuerscheinung.
Die Oberlausitzer Autorin Annelies Schulz bereitet sich in ihrem Garten auf die ersten Lesungen mit ihrem Erfolgsroman „Anne“ vor. Über ein halbes Jahrhundert liegen zwischen der Erstausgabe und der Neuerscheinung. © SZ/Uwe Soeder

Sohland. Die letzte Altweibersommerwärme liegt in der Luft. Ein paar Amseln hopsen durch die schon herbstlich angehauchten Sträucher in Taubenheim. Zitronenfalter verkünden das Ende der endlosen Tagen an der Spree. Annelies Schulz sitzt im Schatten des alten Umgebindehauses. Auf dem Tisch liegen zwei Romane. Die Erstausgabe ihrer „Anne“ erschien 1967, die Neuauflage ist nur wenige Wochen alt. „Wenn ich das Buch heute lese, kommt es mir vor, als betrachte ich überrascht ein altes Foto, auf dem ich mich kaum wiedererkenne“, sagt die Autorin schmunzelnd und beginnt mit dem Lesen.

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Ihre Worte nehmen den Zuhörer in die arme und entbehrungsreiche Kindheit und Jugend ihrer Großmutter mit. Deren Geschichten hört Annelies Schulz als kleines Mädchen gern. Die Erzählungen führen in ein Universum, in dem in kleinen Stuben der typischen Oberlausitzer Weberhäuser noch Webstühle klappern, die Menschen ihr Hab und Gut für den großen Traum Amerika zusammenpacken, die Frauen „eine Hucke Kinder bekommen“ und bei aller Armut ein bisschen Glück finden. Für das Kind voller Fantasie öffnen diese Ausflüge eine unbekannte wie bewegende Welt.

Auf Umwegen zum Literaturstudium

Die Großmutter erzählt vom Tisch mit nur einem Bein, der neben dem Webstuhl nur zweimal am Tag von der Wand gekippt wird, von der Puppe aus Stroh und mit einem Kopf aus einer alten Socke. Die kleine Enkeltochter bettelt immer wieder: „Großmutter, erzähle, wie Du kleene warst“.

Die Geschichten ihrer Heimat trägt Annelies Schulz mit sich fort, als sie nach dem Abitur 1953 Bautzen verlässt. Berlin ruft, doch es fehlen ausreichend Studienplätze für Germanistik. Vielleicht spürt sie da schon, dass es sie drängt, Geschichten aufs Papier zu bringen. Das Mädchen mit dem großen Traum muss Umwege nehmen. Das Volontariat bei der Neuen Berliner Illustrierten bekommt sie nicht, stattdessen geht sie nach Westberlin, um dort mit einer 13. Klasse die Zeit bis zum Traumstudium zu überbrücken.

Schließlich überredet ihr Mann Gernot sie, zu ihm nach Halle zum Studium zu kommen. In öden Jura-Vorlesungen zwischen Marxismus-Leninismus und Politischer Ökonomie des Sozialismus schreibt Annelies Schulz das erste „Anne“-Fragment. Beim Sonntagsquiz im Radio hört sie vom Mitteldeutschen Verlag in Halle. Sie nimmt allen Mut zusammen.

Lektoren forderten mehr Arbeiter- und Kampfgeist

Im geborgten Mantel ihrer damaligen Zimmerwirtin geht Annelies Schulz ohne Termin und völlig unbedarft zum Verlagshaus. Der Pförtner wimmelt sie nicht ab, sondern bittet einen Lektor nach unten. An der Sprache erkennen sie, dass beide aus der Oberlausitz kommen. Das Eis ist gebrochen, die ersten „Anne“-Seiten gefallen dem Urteilenden. Er ist fasziniert von der entschlossenen Schüchternheit, dem Geschriebenen und reicht die Seiten an den Verlagsleiter weiter. Dessen Urteil unter der Kladde: „Interessant. Wer ist der Autor? Offensichtlich kein Anfänger“. Diese Worte geben Annelies Schulz Mut zum Weiterschreiben.

Das ungeliebte Jura-Studium hängt sie an den Haken. Auf Anraten ihrer neuen Lektorin und der später bekannten Schriftstellerin Christa Wolf nimmt sie ein Studium am Literaturinstitut in Leipzig auf. Mal arbeitet sie mehr an ihrem Erstling, mal weniger. Als sie glaubt, den letzten Punkt unter ihren „Anne“-Roman gesetzt zu haben, fordert das Lektorat mehr Arbeiter- und Kampfgeist der handelnden armen Weber gegen die Ausbeuter in den Fabriken. Der Roman aus dem ausgehenden 19. Jahrhundert braucht mehr Sozialismus, ist die Vorgabe. „Meine Großmutter hatte aber überhaupt kein Klassenbewusstsein“, sagt die Autorin.

"Heute würde ich das Buch anders schreiben"

Der Mitteldeutsche Verlag ist seiner Zeit Anlaufstelle für junge Autoren mit Nachkriegs- und Betriebsromanen. Dort veröffentlicht Bruno Apitz „Nackt unter Wölfen“ und Erik Neutsch „Spur der Steine“. Annelies Schulz indes, inzwischen auch in der AG Junger Autoren, arbeitet in ihren Roman noch die Lage der Weber samt Weberaufstand ein, macht die „Anne“ etwas rebellischer. „Heute würde ich das Buch anders schreiben“, sagt die Autorin. Für die Neuauflage im Oberlausitzer Verlag hat sie nur ein paar sprachliche Glättungen vorgenommen.

Diese - ihre - Geschichte ist fast schon wieder ein Roman. Die Erstauflage der „Anne“ aus dem Jahr 1967 ist zerlesen, die Blätter sind lose. Nach dem Erstling entstand unter anderem ihr Bestseller „Katzenmilchjahre“, später kamen Fernsehspiele für die bekannten Schauspielerinnen Agnes Kraus, Gisela Mai und Karin Gregorek hinzu sowie Hörspiele für Kinder.

Die Neuauflage von "Anne" ist im Oberlausitzer Verlag erschienen.
Die Neuauflage von "Anne" ist im Oberlausitzer Verlag erschienen. © Oberlausitzer Verlag, Repro: SZ

Seit 1990 lebt die Schriftstellerin wieder in ihrer alten Heimat. Auch hier zieht sie sich weiter zum Geschichten-Aufschreiben in ihrem Umgebinde-Refugium zurück. Mit ihrem Erfolgsroman „Das Kindheitshaus“ gehört die heute 87-Jährige zu den erfolgreichsten Autoren in der Region. Dieses Buch ist auch ein Dank an ihre Heimat.

Und wie geht diese Geschichte weiter? Die „Anne“-Neuauflage ist erschienen, weil einige nach dem Erstling immer mal wieder gefragt haben. Auch auf ihr erstes Bilderbuch „Die Geschichte vom faulen Wolkenzwerg“ aus dem Jahr 1966 wird sie von Zeit zu Zeit angesprochen. Die Zeichnungen der damaligen Illustratorin sind inzwischen gefunden, vielleicht wird es auch von dieser kleinen Geschichte eine Nachauflage geben.

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Annelies Schulz: "Anne", Neuauflage 2021, Oberlausitzer Verlag, ISBN 978-3-946795-50-6, 17,95 Euro

Buchlesung am 22. September um 19 Uhr in „Rößlers Ballsaal“ in der Rudolf-Breitscheid-Straße 32 in Neugersdorf

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