merken
PLUS Bautzen

Woher kommt die Wut im Osten?

Nach 1990 trafen Ost-Illusionen auf West-Ignoranz, sagt der Historiker Ilko-Sascha Kowalczuk. Seine Thesen stehen im Mittelpunkt des 31. Bautzen-Forums.

Ein Bild aus dem Sommer 2020: Protest gegen die Corona-Beschränkungen an der B 96 bei Oppach. Unter den Teilnehmern zahlreiche Demonstranten mit schwarz-weiß-roten Reichsflaggen.
Ein Bild aus dem Sommer 2020: Protest gegen die Corona-Beschränkungen an der B 96 bei Oppach. Unter den Teilnehmern zahlreiche Demonstranten mit schwarz-weiß-roten Reichsflaggen. © dpa

Bautzen. 30 Jahre nach der Wiedervereinigung ist die Unzufriedenheit im Osten groß. Beim Bautzen-Forum will die Friedrich-Ebert-Stiftung jetzt die Ursachen dieser Entwicklung beleuchten. Am Anfang der Veranstaltung steht ein Vortrag von Dr. Ilko-Sascha Kowalczuk. Sächsische.de sprach mit dem Historiker über die Frage, warum im Osten der Wohlstand steigt, zugleich aber die Distanz zum politischen System größer wird – und warum diese Entwicklung auch den Westen erreicht.

Herr Kowalczuk, als Historiker beschäftigen Sie sich mit Ostdeutschland. Zugleich sind Sie für Ihre Kritik an der Wiedervereinigung bekannt. Sind Sie ein „Ossi“-Versteher?

Sachsenbessermachen.de
Wir geben Geschichten aus Sachsen eine Bühne.
Wir geben Geschichten aus Sachsen eine Bühne.

Hinsehen, Zuhören, Lösungen finden - gemeinsam. Sachsen besser machen!

Ich bin Historiker und versuche historisch zu rekonstruieren, wie etwas geworden ist und spitze das öffentlich durchaus zu, um in Diskussionen Thesen und Material anzubieten. Mir geht es nicht darum, ein Versteher zu sein, obwohl ich eine gewisse Emotion habe, da es auch um meine Geschichte geht.

Sie sind gebürtiger Ostdeutscher?

Ich bin 1967 in Ost-Berlin geboren, habe 1989 die Revolution als Akt der Selbstbefreiung erlebt. Das heißt, sie ist nicht - wie über Millionen Ostdeutsche - über mich gekommen, sondern ich verstand mich als Teil der Bewegung. Das ist ein Unterschied zu den meisten Ostdeutschen, die die Revolution nur aus dem Fernsehen kannten, auch wenn alle glauben, sie wären dabei gewesen.

Warum haben Sie seinerzeit aufbegehrt?

Für mich ist die Freiheit, die Garantie der Grundrechte, das Allerwichtigste. Ich gehörte zu dem Teil der Bürgerrechtsbewegung, der sagte: Wir wollen die DDR demokratisieren, um dann auf Augenhöhe die Wiedervereinigung herbeizuführen. Die Wiedervereinigung kam mir viel zu schnell.

Ilko-Sascha Kowalczuk ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter der Stasi-Unterlagen-Behörde. 2019 erschien sein Buch "Die Übernahme: Wie Ostdeutschland Teil der Bundesrepublik wurde".
Ilko-Sascha Kowalczuk ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter der Stasi-Unterlagen-Behörde. 2019 erschien sein Buch "Die Übernahme: Wie Ostdeutschland Teil der Bundesrepublik wurde". © Ekko von Schwichow

Es war aber der Wille der Mehrheit der DDR-Bürger: D-Mark und „Deutschland, einig Vaterland“.

Ja, drei Viertel der Ostdeutschen haben gewählt, die bundesdeutschen Institutionen mehr oder weniger im 1:1-Verfahren auf Ostdeutschland zu übertragen. Es war nicht mein Weg. Natürlich hat mich manches überrascht, aber dass es zu sozialen Schieflagen kommt, zu neuen Ungerechtigkeiten, war vorhersehbar. Ich habe mich auch nicht der Täuschung hingegeben, dass der Westen so aussieht, wie ihn uns die Ariel-Tante allabendlich in der Werbung präsentierte. Aber er garantiert Freiheit.

Haben sich viele Ostdeutsche in dieser Hinsicht Illusionen gemacht?

Man wusste, dass die Bundesrepublik besser ist als die SED-Diktatur und die DDR-Gesellschaft. Aber natürlich gab es auch dort Widersprüche und Ungerechtigkeiten. Viele Ostdeutsche wollten das nicht wahrhaben. Sie haben gedacht, dass sei alles nur dummes Gerede von Karl Eduard von Schnitzler. Zugleich hatte man die Verluste kultureller Positionen nicht im Blick.

Was meinen Sie damit?

Die Arbeitsgesellschaft der DDR war völlig anders als im Westen. Die Kollektivierung hatte alle Lebensbereiche erfasst. Zu einem normalen DDR-Industriebetrieb zählte nicht nur der Arbeitsplatz, sondern alles, was das gesellschaftliche Leben ausmachte - von Kultur- und Sporteinrichtungen bis Kindergärten. Diese Bereiche fielen 1990 sofort weg. Ab dem Tag der Währungsunion ging es nur noch um das Nachahmen.

"Es ging nur noch um das Nachahmen des Westens"

Und Nachahmen hieß?

Alles, was im Osten an eigenständigen Entwicklungen zu beobachten war, hatte keinen Wert mehr – unabhängig davon, ob es ideologisch verseucht war. Es kam im westlichen Wertesystem nicht vor. Wir diskutieren darüber, wie viele Milliarden von West nach Ost gingen. Nur das erklärt die Diskrepanz nicht, dass zwei Drittel bis 80 Prozent der Ostdeutschen seit 30 Jahren ihre individuelle Lebenssituation in der Regel als gut bezeichnen, genauso viele die kollektive Situation aber als schlecht.

Wie erklären Sie es?

Die Entfremdung der Ostdeutschen vom Westdeutschen setzte ein, als sie sozial-materiell im System ankommen, etwa ab 2005. Im gleichen Maße, wie die Arbeitslosigkeit abnimmt, beginnt die Distanz zum System, größer zu werden. Den Menschen tritt eine ideologische Leere im Westen gegenüber: Alles ist möglich, es gibt nichts, woran man sich abarbeiten kann. Der Osten hatte eine Sinngebung durch seine Ideologie, die man teilen oder ablehnen konnte, was Drittes gab es nicht. Im Westen muss sich jeder Sinnangebote selbst machen. Dazu kamen Illusionen.

Was meinen Sie damit?

Viele Menschen hofften, nun wie in den Hochglanz-Katalogen zu leben. Sie dachten, so ist der Westen. In der Masse haben sie sich nicht vorgestellt, dass der Westen auch repräsentative Demokratie bedeutet. Millionen Menschen sind über Nacht in ein neues politisches System gespült worden, von denen die wenigsten wussten, wie es funktioniert – bis heute nicht.

Woran machen Sie diese Beobachtung fest?

Die Menschen sind zum Beispiel 1990 gegen die Schließung ihrer Betriebe auf die Straße gegangen. Ihr Protest wirkte aber nicht, die Betriebe wurden trotzdem geschlossen. Daraus schlussfolgerten sie, das ist Meinungsfreiheit. Ich kann auf die Straße gehen und meine Wut und den Protest herausschleudern, aber es ändert sich trotzdem nichts. Das ist eine Konstante, die wir bis zum heutigen Tag beobachten.

"Sachsen hatte schon immer ein Sonderbewusstsein"

Die aktuelle Wut der Corona-Gegner erklärt sich aus Ihrer Sicht also aus einem Missverständnis über die Funktionsmechanismen von parlamentarischer Demokratie?

Demokratie ist viel anstrengender als jede Diktatur. Da sagt einer, wo es langgeht, und alle haben zu folgen, und wer das nicht macht, erhält Sanktionen. In einer repräsentativen Demokratie werden Vertreter verschiedener Richtungen dafür gewählt, ein Miteinander auszuhandeln. Da ist man bei einzelnen Entscheidungen unentwegt wieder Verlierer, was man aushalten muss.

Jetzt müsste diese These ja für alle ostdeutschen Bundesländer gelten. Warum ist aber gerade in Sachsen die Wut auf „die da oben“ besonders groß?

Sachsen ist ein starkes Industrieland mit gut bezahlten Arbeitsplätzen – und sozial angekommene Menschen sind bereiter zu Protesten. Dazu hatte das Land schon immer ein Sonderbewusstsein und fühlte sich historisch Preußen und Berlin unterlegen. Nach 1989 haben sie eine neue Integrationsfigur und zugleich starken Patriarchen gewählt. Sie sind von Honecker zu Biedenkopf übergelaufen, der das „Wir schaffen das“ verkörperte. Er war es auch, der in den 1990er-Jahren alle rechten Strukturen in Sachsen als nicht existent erklärte.

Solche rechten Strukturen finden sich aber auch in anderen Bundesländern...

Richtig, im Osten, aber besonders in Sachsen tritt zutage, dass viele glauben, dass Meinungsfreiheit grenzenlos sei. In der westdeutschen Zivilgesellschaft nach 1945, vor allen ab den 1960er-Jahren, ist klar gewesen, bei einem Recht auf freie Meinung gibt es Tabus, die zu akzeptieren sind. Sie betreffen die Verherrlichung von Totalitarismus, Rassismus, Nationalsozialismus oder Antisemitismus. Mit 1990, als alle Grenzen fielen, fielen alle Tabus, weil es keine akzeptierten Autoritäten mehr gab. Heute haben viele die Erfahrung, wenn ich das System ärgern will, ärgere ich es, indem ich an solchen Tabus rüttle. Was im Westen Rechtsradikalen vorbehalten war, ist im Osten zur Seuche geworden.

"Was der Osten wählt, wählt der Westen eine Wahl später"

Warum konnten sich diese Grenzüberschreitungen im Osten so ausbreiten?

Dazu muss man bis ins 19. Jahrhundert zurückschauen. Auf dem Gebiet des heutigen Ostdeutschlands gab es nie eine starke demokratische Tradition. Nach 1945 hat man gesagt: Antisemitismus, Rassismus und Nationalsozialismus sind Folgewirkungen des Kapitalismus. Mit seiner Abschaffung kappen wir auch dessen Ausläufer. Damit hat man eine öffentliche Auseinandersetzung abgewürgt. Im Unterholz konnte das Gedankengut weiterexistieren. 1990 brach das alles wieder auf.

Bei den Corona-Protesten fällt auf, dass Menschen der Mitte neben Rechtsextremen laufen. Und längst wird nicht nur in Ostdeutschland protestiert.

Es gibt Angleichungsprozesse: Was der Osten wählt, wählt der Westen eine Wahl später. Der Alu-Hut ist kein Ost-Phänomen, die Oberen der AfD kommen aus dem Westen. Die Demokratie ist ins Rutschen gekommen – und diese „bürgerliche Mitte“, die Nazikrakeeler duldet, macht mir Angst.

Was machen wir mit der vielen Wut?

Ich bin kein Psychologe, sondern Historiker, aber wir müssen als demokratische Gesellschaft zeigen, dass wir die Mehrheit sind. Wir brauchen Demokratie-Bildung, Freiheits-Erziehung und in den Schulen müssen Neue Medien und Internet als unabdingbare Kulturtechniken gelehrt werden. Geschichte ist wichtig. Geschichtsbilder werden nirgendwo so stark geprägt wie am Abendbrottisch. Deshalb ist das Bautzen-Forum wichtig, zu dem auch Schulklassen eingeladen werden. 

31. Bautzen-Forum: 10./11. September 2020, im Gemeindehaus St. Petri, Am Stadtwall 12, in Bautzen, Beginn 10 Uhr. Verbindliche Anmeldung bis zum 8. September unter [email protected], die Veranstaltung wird durch einen Livestream unter www.fes.de/landesbuero-sachsen/media/live-stream begleitet.

Mit dem kostenlosen Newsletter „Bautzen kompakt“ starten Sie immer gut informiert in den Tag. Hier können Sie sich anmelden.

Mehr Nachrichten aus Bautzen lesen Sie hier.

Mehr Nachrichten aus Bischofswerda lesen Sie hier.

Mehr Nachrichten aus Kamenz lesen Sie hier.

Mehr zum Thema Bautzen