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Auf Fehlersuche am Bautzener Rathausturm

Uhr und Glocke harmonieren schon seit einer Weile nicht mehr perfekt miteinander. In 30 Metern Höhe gehen zwei Männer dem Problem auf den Grund.

Glockenbauer Hartmut Barthel (l.) und Uhrmachermeister Ivo Scholze müssen in die Gondel, um oben am Bautzener Rathausturm die Glocken zu prüfen.
Glockenbauer Hartmut Barthel (l.) und Uhrmachermeister Ivo Scholze müssen in die Gondel, um oben am Bautzener Rathausturm die Glocken zu prüfen. © SZ/Uwe Soeder

Bautzen. Die kleine Gondel reicht für zwei Personen und wird in wenigen Minuten in rund 30 Metern Höhe über dem Bautzener Hauptmarkt hängen, gehalten von einem Kran. Eine andere Möglichkeit gibt es für Glockenbauer Hartmut Barthel und Uhrmachermeister Ivo Scholze nicht, die Rathausglocken zu inspizieren. Deren Zusammenspiel mit der Rathausuhr ist leicht gestört - und deswegen kam es an diesem Dienstagmittag zu der aufsehenerregenden Aktion.

Gesichert und behelmt lassen sich die beiden Männer also in die Höhe ziehen. Per Funkgerät verständigt sich Hartmut Barthel mit dem Kranführer, um ihm zu sagen, wohin die Gondel bewegt werden muss. Man habe extra die kleine Version gewählt, weil diese nicht so windanfällig ist, erklärt Jobst Jaekel vom städtischen Hoch- und Tiefbauamt. Immer wenn die Gondel bewegt wird, pendelt sie leicht nach.

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Schonmal die große Glocke im Bautzener Rathausturm gesehen? Hartmut Barthel und Ivo Schulze bisher auch noch nicht.
Schonmal die große Glocke im Bautzener Rathausturm gesehen? Hartmut Barthel und Ivo Schulze bisher auch noch nicht. © Ivo Scholze

Rund 20 Minuten verbringen die Männer in der Höhe und schauen sich vor allem die größere der beiden Glocken genauer an. Sie befindet sich in der vorletzten Haube des Turms und zeigt mit ihren tiefen Schlägen zur vollen Stunde an, wie viel Uhr es ist. Dabei löst das Uhrwerk weiter unten im Turm die Bewegung des Hammers in der Glocke aus, die selbst starr bleibt. Um jede volle Stunden anzuzeigen, ertönt vorher viermal die kleinere Glocke obendrüber. Sie schlägt auch zu jeder Viertel-, halben und Dreiviertelstunde.

Nur was für Schwindelfreie: der Blick aus der Gondel runter zum Hauptmarkt.
Nur was für Schwindelfreie: der Blick aus der Gondel runter zum Hauptmarkt. © Ivo Scholze

Derweil rätseln Vater Peter und ein Sohn von Ivo Scholze unten, was da oben vor sich geht, machen Fotos und Videos mit ihren Smartphones. Auch Rolf-Alexander Scholze, Peters Bruder und wie sein Neffe Ivo ebenfalls Uhrmachermeister, ist extra auf den Hauptmarkt gekommen. Seit knapp 60 Jahren kümmert sich die Uhrmacherfamilie Scholze ehrenamtlich um die Bautzener Rathausuhr. Das Traditionshaus besteht seit 1892 und wird mittlerweile in fünfter Generation geführt.

Uhrwerk im Bautzener Rathausturm ist 100 Jahre alt

Wer auf die Turmfassade schaut, sieht lediglich das schwarze Blatt mit den goldenen Ziffern. Das Uhrwerk dahinter sei jetzt etwa 100 Jahre alt und selten schön, erklärt Rolf-Alexander Scholze. „Die Uhr wurde komplett aufgearbeitet.“ Das sei vor etwa fünf Jahren gewesen und dabei sei aufgefallen, dass Uhrwerk und Glocke nicht mehr harmonieren. Jetzt nutze man die Chance, mal nachzuschauen. Denn der Rathausturm ist wegen Arbeiten an der Balustrade eingerüstet, und der Kran steht deshalb ohnehin auf dem Markt.

Nachdem Hartmut Barthel und Ivo Scholze schon ein paar Minuten die Glocke aus der Nähe begutachtet haben, klingelt das Telefon von Rolf-Alexander Scholze. Als Uhrmachermeister hat er wie sein Neffe Zugang zum Uhrwerk. Der hat ihn soeben dorthin beordert. Und kurze Zeit später ertönt die große Glocke, obwohl es gerade erst kurz vor halb eins ist.

Weitere Minuten verharren der Glockenbauer und der Uhrmachermeister am selben Fleck in luftiger Höhe vor dem Rathausturm, machen Fotos und versuchen zu erkennen, wo das Problem liegen könnte. So erzählen sie es etwas später, nachdem der Kran die Gondel wieder sanft auf dem Hauptmarkt abgesetzt hat. „Es sieht besser aus als erwartet“, sagt Ivo Scholze. Man müsse aber noch die Bilder auswerten. Die Auslösung der großen Glocke sei jedenfalls okay gewesen.

Glockenbauer wundert sich über Puffer am Hammer

Nicht nur er, auch Hartmut Barthel hat die Glocken am Bautzener Rathausturm zum ersten Mal gesehen. „Es sieht gut aus“, so sein erster Eindruck. „Es herrscht keine brachiale Gewalt“, fügt er hinzu. Ein Fehler sei nicht sichtbar.

Allerdings wundert sich der Mitarbeiter der Heidenauer Glockenläute- und
Elektroanlagen GmbH ein wenig. Er ist in ganz Deutschland unterwegs und hat vor allem mit Kirchenglocken zu tun. „Der Hammer in der Bronzeglocke besteht aus Eisen, aber vorn ist noch ein Bronzepuffer angebracht“, erklärt er. Das sei unüblich. Um eine Bronzeglocke nicht zu beschädigen, bestehe der Hammer in der Regel aus einem weicheren Eisen. Warum es hier einen Puffer gibt, könne er sich nicht erklären.

Die beiden Männer werden nochmal das Uhrwerk inspizieren müssen. Das Problem scheine nicht an der Glocke zu liegen. Klar, man könne auch ein Quarzwerk einbauen, sagt Ivo Scholze. Dann ginge alles elektronisch, und die Uhr kümmerte sich allein. „Aber damit ginge auch ein Kulturgut verloren“, findet Scholze.

In dem Beitrag wurden am 24. März um 9.25 Uhr die Angaben des Fotografen für die beiden Fotos im Text korrigiert.

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