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Kreis Bautzen: Fünf Ideen gegen den Ärztemangel

Lange Wartezeiten und Praxen, die schließen: Vor allem auf dem Land fehlen Ärzte. Was dagegen getan wird und was es bringt.

Vielerorts auf dem Land müssen Patienten lange auf einen Arzttermin warten, weil Mediziner fehlen. Sächsische.de geht der Frage nach, was dagegen getan wird - und was es bringt.
Vielerorts auf dem Land müssen Patienten lange auf einen Arzttermin warten, weil Mediziner fehlen. Sächsische.de geht der Frage nach, was dagegen getan wird - und was es bringt. © Symbolbild: Matthias Schumann

Bautzen. Arztpraxen, die schließen, weil es keinen Nachfolger gibt. Patienten, die von Bischofswerda nach Dresden fahren, weil sie in der Region keinen Termin beim Facharzt erhalten. Und lange Wartezeiten auf einen Termin, etwa beim Augenarzt. Über all das hat Sächsische.de in der letzten Zeit immer wieder berichtet. Nein, das Problem des Ärztemangels im ländlichen Raum ist kein neues. Um es zu lösen, wird auch schon einiges getan. Aber fruchtet das auch? Fünf Ideen gegen den Ärztemangel – und was sie bewirken.

Idee 1: Versorgungszentrum statt eigener Praxis

Als die Bautzener Augenärztin Ingrid Scope ihre Praxis schloss, übernahm das Medizinische Versorgungszentrum (MVZ) des Bautzener Krankenhauses ihren Praxissitz. „Wenn eine Praxis keinen Nachfolger findet, übernehmen wir auf diese Weise die Suche“, erklärt Reiner Rogowski, Geschäftsführer der Oberlausitz-Kliniken (OLK).

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Seit 2006 gibt es das MVZ der OLK – die Idee dahinter ist es, die ärztliche Versorgung im ländlichen Raum zu sichern. Eine Praxis zu übernehmen, bedeutet für Ärzte nicht nur viel Verantwortung, sondern bringt auch hohe Kosten mit sich. „Das MVZ übernimmt in einem solchen Fall die Investitionskosten“, erklärt Reiner Rogowski. „Das wirtschaftliche Risiko liegt beim MVZ – nicht beim Arzt.“ Das Anstellungsverhältnis bringt Ärzten gegenüber einer Selbstständigkeit außerdem mehr Sicherheiten; zum Beispiel durch Lohnfortzahlung im Krankheitsfall.

„Unser Ziel ist es, das Arbeiten im ländlichen Raum für die Ärzte auf diese Weise attraktiver zu machen“, sagt Rogowski. Aber klappt das auch? Das MVZ hat dieses Jahr zwei neue Augenärzte gesucht, gefunden hat es aber nur einen. Weil dadurch ein Praxissitz ein halbes Jahr unbesetzt blieb, musste das MVZ ihn zurück an die Kassenärztliche Vereinigung Sachsen (KVS) geben. Der offene Praxissitz – eine Leerstelle für die Augenarztversorgung in der Region.

Eine Idee gegen den Ärztemangel im ländlichen Raum sind Medizinische Versorgungszentren wie das am Bautzener Krankenhaus. Klinikchef Reiner Rogowski ist überzeugt von dem Modell. Ansonsten sähe die Lage noch schlechter aus, sagt er.
Eine Idee gegen den Ärztemangel im ländlichen Raum sind Medizinische Versorgungszentren wie das am Bautzener Krankenhaus. Klinikchef Reiner Rogowski ist überzeugt von dem Modell. Ansonsten sähe die Lage noch schlechter aus, sagt er. © SZ/Uwe Soeder

Also eine schlechte Note für die Idee, durch ein MVZ die ärztliche Versorgung sicherzustellen? Die Antwort von Reiner Rogowski ist ein klares Nein. „Wir haben 22 Praxen mit insgesamt 28 Ärzten. Ohne das MVZ wären die alle nicht da“, sagt er. „Ein Großteil der ärztlichen Versorgung wäre längst weggebrochen“, ist er sich sicher. „Ich bin überzeugt vom Konzept MVZ.“

Idee 2: Medizinstudium in Ungarn

Abiturienten, die Medizin studieren wollen, müssen oft eine ganze Weile auf einen Studienplatz warten. Ein Umstand, an dem der Freistaat ansetzt, um Ärzte für den ländlichen Raum zu gewinnen. Denn für Abiturienten, die in Deutschland keinen Studienplatz bekommen haben, gibt es die Möglichkeit, nach Ungarn zu gehen. Seit 2013 werden jährlich 20 sächsische Studierende gefördert, ihre Studiengebühren übernimmt der Freistaat; im Gegenzug verpflichten sie sich, für fünf Jahre in Sachsen außerhalb der größten Städte zu arbeiten.

„Ich halte sehr viel davon“, sagt Reiner Rogowski. „Ich habe gute Kontakte nach Ungarn.“ In Bautzen am Krankenhaus arbeitet derzeit noch kein Arzt, der über das Ungarn-Studium in die Region gekommen ist. „Aber wir hatten schon einige Ärzte während ihrer Weiterbildung an den Oberlausitz-Kliniken“, sagt der Chef.

Insgesamt drei Absolventen des Modellprojekts, berichtet die KVS, arbeiten derzeit im Kreis Bautzen. Sie machen gerade bei Bischofswerda und Hoyerswerda ihre Facharztweiterbildungen.

Idee 3: Modellstudiengang mit höherem Praxisanteil

Auch von einem anderen Projekt hält Rogowski viel. Der Modellstudiengang Humanmedizin in Chemnitz ist zum Wintersemester 2020/2021 gestartet. Das Studium ist anders aufgebaut als ein klassisches Medizinstudium. Es gibt einen großen Praxisanteil, der zum Beispiel an den Oberlausitz-Kliniken absolviert werden kann. So startet das Studium mit einem praktischen Jahr.

Der Gedanke dahinter ist, dass die angehenden Ärzte und Ärztinnen sich nicht erst in der Studienstadt ein Leben aufbauen und dann dort bleiben. Stattdessen soll der „Klebeeffekt“ im ländlichen Raum – beispielsweise in der Oberlausitz – stattfinden. Gibt es damit Erfolge? „Es gab zwei Interessenten, aber leider hat es dieses Mal noch nicht geklappt“, sagt Rogowski. „Aber ich habe noch Hoffnung für das nächste Semester.“

Idee 4: Finanzielle Hilfe für Studierende

Ein Ansatz, den der Freistaat schon seit Längerem verfolgt, ist es, junge Leute, die Medizin studieren, finanziell zu unterstützen – wenn sie dafür aufs Land gehen. 1.000 Euro pro Monat sind möglich. Die meisten Stipendiaten, so berichtet die KVS, befinden sich noch im Studium. Einige absolvieren gerade ihre Praxiszeit in Hausarztpraxen. Sechs Erfolgsbeispiele gebe es bisher im Kreis Bautzen zu vermelden: Drei hätten sich bereits als Ärzte niedergelassen, drei machten gerade ihre Weiterbildung und stünden dann als Hausärzte in der Region zur Verfügung.

Angehende Mediziner beim Studium zu unterstützen, davon hält auch Reiner Rogowski viel. Gerade arbeitet er daran, einen Verein oder eine Stiftung zu gründen, um jungen Lausitzern finanziell unter die Arme zu greifen.

Idee 5: Sprechstunde per Video

Viele Ansätze gibt es, die Ärzte aufs Land locken sollen. Aber es gibt auch eine andere Strategie. Stichwort Telemedizin. „Schon jetzt nutzen wir im Krankenhaus die Tele-Radiologie“, sagt Rogowski. „Da wird irgendwo jemand in eine Röhre geschoben, und ein Arzt ganz woanders wertet die Daten aus.“ So käme man auch mit weniger Ärzten aus. Projekte wie der Teledoc, also die Videosprechstunde, „kommen sicher auch bald“, zeigt sich Rogowski überzeugt.

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