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Bautzen: Lange Suche nach dem Kinderarzt

Wer in der Kreisstadt einen Kinderarzt sucht, macht oft frustrierende Erfahrungen. Dabei gilt die Region auf dem Papier als überversorgt. Wie passt das zusammen?

Kerstin Lawan (l.) suchte nach ihrem Umzug nach Bautzen lange nach einem Kinderarzt für ihren Sohn Gustav. Auch die Bautzenerin Isabelle Winter telefonierte viele Ärzte ab, bis sie für Bennet einen Termin bekam.
Kerstin Lawan (l.) suchte nach ihrem Umzug nach Bautzen lange nach einem Kinderarzt für ihren Sohn Gustav. Auch die Bautzenerin Isabelle Winter telefonierte viele Ärzte ab, bis sie für Bennet einen Termin bekam. © SZ/Uwe Soeder

Bautzen. Zielstrebig tapst Gustav in die Spielecke von seinem Freund Bennet. Das Spielzeug, das Töne von sich gibt, scheint er schon von weitem erspäht haben. Gemeinsam mit seiner Mutter, Kerstin Lawan, hat er gerade die Wohnung betreten, um Bennet und seine Mutter Isabelle Winter zu besuchen. 

Während die beiden jeweils 14 Monate alten Jungs voll und ganz in die Spielecke vertieft sind, geht es für ihre Mütter aber um ein ernsteres Thema. „Das hat mich damals schon etwas gestresst“, sagt Isabelle Winter, „zu wissen: Sobald ich schwanger bin, sollte ich anfangen, zu suchen.“ Sie zählt auf, was sie meint: eine Hebamme, einen Krippenplatz, einen Kinderarzt. Leicht sei das alles nicht gewesen. „Ich wollte zu einem bestimmten Kinderarzt, aber dort wurde mir gleich gesagt: keine Chance, auch später nicht.“

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Auch der zweite und der dritte Kinderarzt sagten ab – „da war ich schon ein bisschen verzweifelt“, erzählt Isabelle Winter. Erst durch einen Umzug fand sie dann eine Kinderärztin in Bautzen. „Ich wurde direkt beim Anruf gefragt, wo ich wohne. Weil ich in der Nähe wohne, habe ich den Platz bekommen.“

Für U-Untersuchung nach Bielefeld gefahren

Auch Kerstin Lawan hat die Suche nach einem Kinderarzt als schwer empfunden. Weil ihr Mann an einer Schule als Quereinsteiger einen Job als Lehrer bekam, ist die kleine Familie nach Bautzen gezogen – ganz ohne hier Anbindung zu haben, ein großer Schritt. „Wir haben vorher in Nordrhein-Westfalen gewohnt“, erzählt Kerstin Lawan. „Schon da ging es bei den Kinderärzten nach Einzugsgebiet, aber ich hatte ehrlich gesagt erwartet, dass es hier leichter werden würde“, sagt sie. 

Auch sie wollte in Bautzen zu einem bestimmten Kinderarzt – zunächst zum selben wie auch Isabelle Winter, und auch sie scheiterte mit dem Versuch. „Ich habe dann im zwei-Wochen-Takt dort angerufen und immer wieder nachgefragt, ob etwas freigeworden ist. Keine Chance.“ 

Besonders Sorge bereiteten ihr die U-Untersuchungen, also die festgelegten Vorsorgeuntersuchungen für Kinder. „Wenn man zum ersten Mal Mama wird, verunsichert das schon sehr“, sagt sie. „Die Untersuchungen sind verpflichtend, um die Entwicklung des Kindes zu beobachten. Weil man dafür aber nur einen gewissen zeitlichen Spielraum hat und ich hier noch immer keinen Kinderarzt gefunden hatte, bin ich für eine der U-Untersuchungen zurück nach Bielefeld gefahren.“

Als Gustav spontan eine Bronchitis bekam, ist er zwar von einem Kinderarzt behandelt worden. Aber das habe nicht gepasst, eine gute Vertrauensbasis sei ihr wichtig, sagt Kerstin Lawan – also suchte sie weiter. Mittlerweile ist die Familie untergekommen – fährt dafür nach Kirschau.

Mit dem Gefühl, dass es sehr schwer ist, in der Stadt Bautzen einen Termin beim Kinderarzt zu bekommen, stehen diese beiden nicht alleine da. Das zeigen die Ergebnisse des aktuellen Familienkompass Sachsen. Mehr als 15.000 Familien geben darin Auskunft zur Lebenssituation in ihrem Ort, darunter auch viele in Bautzen

Auf die Frage, ob es an ihrem Wohnort genügend Kinderärzte gibt, schneidet die Stadt Bautzen schlechter ab als der Freistaat im Gesamtdurchschnitt. Noch schlechter benotet haben die teilnehmenden Eltern Bautzen bei der Frage, ob es hier gute Chancen auf einen Termin beim Wunsch-Kinderarzt gibt. Auch Kerstin Lawan und Isabelle Winter haben das so erlebt. Beide fragen sich: „Gilt nicht eigentlich die freie Arztwahl?“ 

Insgesamt drei Kinderärzte, teilt die Kassenärztliche Vereinigung Sachsen (KVS) mit, gibt es derzeit im Stadtgebiet Bautzen. „Diese Anzahl ist schon seit einigen Jahren unverändert“, sagt KVS-Sprecherin Katharina Bachmann-Bux. Die kinderärztliche Versorgung in Bautzen gelte damit als gesichert. „Unter Berücksichtigung der Ärzte in der Region um die Stadt besteht aus unserer Sicht in der Gegend ein zufriedenstellendes Versorgungsangebot.“

Kreis Bautzen: Auf dem Papier zu viele Kinderärzte

Selbst, wenn ein Kinderarzt oder eine –ärztin in Bautzen derzeit eine neue Praxis eröffnen wollen würde, wäre das nicht möglich. Denn es gibt eine Bedarfsplanung, aus der hervorgeht, wann ein Arzt überhaupt eine neue Praxis aufmachen darf. Und auf dem Papier gilt der Versorgungsbereich des Kreises Bautzen insgesamt sogar als überversorgt.

Einer, der eine Kinderarztpraxis betreibt, ist Dr. med. Martin Völker. Seine Praxis in Singwitz zählt nicht zu den drei Praxen im Stadtgebiet, doch durch seine Nähe zu Bautzen betreut der Arzt auch viele kleine Patienten und Patientinnen aus Bautzen. Und er ist der Obmann der Kinderärzte im Landkreis Bautzen, hat somit einen Überblick über die Lage. „Auf den Landkreis bezogen“, sagt Martin Völker, „gibt es hier genügend Kinderärzte.“ Unter einer Bedingung: Familien müssten dafür ein wenig flexibel sein. 

Denn in der Stadt Bautzen an sich gebe es tatsächlich auf die Einwohnerzahl bezogen relativ wenig Kinderärzte. „Wer aber auch Ärzte im Umland anruft, der bekommt auch einen Termin“, sagt Völker. Vor allem im südlichen Kreisgebiet sei die Lage gut. Und für diejenigen, die tatsächlich Schwierigkeiten haben, gebe es immerhin das Terminvergabesystem, durch das sich Betroffene vermitteln lassen können.

Dr. Martin Völker aus Singwitz ist Obmann der Kinderärzte in Bautzen. Insgesamt gibt es im Landkreis Bautzen genügend Kinderärzte, sagt er - nur in der Stadt Bautzen ist es etwas eng. Und: Die Lage könnte sich auch im gesamten Landkreis verschärfen.
Dr. Martin Völker aus Singwitz ist Obmann der Kinderärzte in Bautzen. Insgesamt gibt es im Landkreis Bautzen genügend Kinderärzte, sagt er - nur in der Stadt Bautzen ist es etwas eng. Und: Die Lage könnte sich auch im gesamten Landkreis verschärfen. © SZ/Uwe Soeder

Dennoch sei auch ihm bewusst, dass nicht jede Familie beispielsweise über ein Auto verfügt und flexibel ist. Und: Die Lage wird sich in den nächsten Jahren im gesamten Kreisgebiet verschärfen, ist Völker überzeugt. Denn viele der Mediziner in der Region nähern sich dem Renteneintrittsalter.

Und die Sache mit der freien Arztwahl? Dass einige Praxen Aufnahmekritierien entwickeln, wie Geschwisterkinder bevorzugt aufzunehmen oder sich auf das nahe Wohnumfeld zu konzentrieren, sei nötig, sagt Martin Völker. Denn die Ärzte müssen die Versorgung sicherstellen – dafür müssen sich die Ärzte untereinander organisieren. Die freie Arztwahl bestehe eben im Rahmen der Kapazitätsgrenzen. „Akutkranke werden immer überall versorgt“, sagt der Singwitzer Kinderarzt. „Wenn es aber um inhaltliche Befindlichkeiten geht, kann es tatsächlich schwer werden, einfach den Arzt zu wechseln.“

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