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Schöne Wohngegend, aber langweilig

Der SZ-Familienkompass zeigt: Familien wohnen gern in Weißenberg, Hochkirch und Umgebung, vermissen aber Freizeitangebote. Dabei gibt es die durchaus.

Der behindertengerechte Spielplatz im Park des Herrenhauses in Weicha ist einzigartig in Ostsachsen, sagt Hagen Schmidt vom Weichaer Hof.
Der behindertengerechte Spielplatz im Park des Herrenhauses in Weicha ist einzigartig in Ostsachsen, sagt Hagen Schmidt vom Weichaer Hof. © SZ/Uwe Soeder

Weißenberg. Es ist ein hübsches Stückchen Erde, das sich zwischen der Gröditzer Skala im Norden, dem Czorneboh im Süden und der Kreisstadt Bautzen im Osten erstreckt. Familien, das ergab die Umfrage Familienkompass 2020, wohnen gern in den Gemeinden ringsum - in Großpostwitz, Kubschütz, Hochkirch oder der Stadt Weißenberg. Diese Zufriedenheit erschöpft sich aber weitgehend in der schönen Landschaft und dem guten Wohnumfeld.

Freizeitangebote und Vielfalt an Vereinen, auch das ergab die Befragung, werden hier schlechter bewertet als in anderen Städten und Gemeinden Sachsens - genau wie die Anbindung an den öffentlichen Personennahverkehr.

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Einer, der das nur bedingt verstehen kann, ist Familientherapeut und Sozialpädagoge Hagen Schmidt. Gemeinsam mit Psychologin Sonja Fritsch betreibt er den Weichaer Hof im Weißenberger Ortsteil Weicha. Neben der Praxisgemeinschaft  finden Besucher in dem Inklusionsbetrieb Ferienwohnungen, eine Gaststätte mit Möglichkeiten zum Feiern und eine Reitschule vor. Das macht den Weichaer Hof zu einer Anlaufstelle für Urlauber und Einheimische gleichermaßen. Das neueste Angebot lockt jetzt im Park des ehemaligen Herrenhauses, das inzwischen ebenfalls zum Weichaer Hof gehört. Dort entstand in den vergangenen Wochen ein öffentlich Spielplatz der besonderen Art.

Mit dem Rollstuhl aufs Karussell

Ein Sandkasten, eine Schaukel, eine Wippe - ungewöhnlich klingt daran zunächst nicht. Und doch ist dieses eigentlich so alltägliche Spielplatz-Interieur augenscheinlich besonders. Die Schaukel, ein stabiler Sessel aus leuchtend orangenem Kunststoff, verfügt über einen Sicherungsbügel, wie man ihn etwa von Achterbahnen kennt. Der Sandkasten schmiegt sich an einen eigens aufgeschütteten Hügel, die Wippe ist ungewöhnlich breit. Entstanden ist ein Spielplatz, der sich sowohl an den Bedürfnissen von körperlich beeinträchtigten Kindern, zum Beispiel Rollstuhlfahrern, wie auch an den Möglichkeiten älterer Menschen orientiert - ohne aber irgendjemanden auszuschließen.

"Als Inklusionsbetrieb und natürlich durch die Praxis haben wir immer wieder Gäste, die im Rollstuhl sitzen", erklärt Hagen Schmidt, wie es zur Idee eines Inklusionsspielplatzes kam. Dessen Geheimnis: Der Zugang ist barrierefrei. An den Sandkasten können Rolli-Fahrer bequem heranfahren. Auch die Wippe ist breit genug für einen Rollstuhl. Und auf dem kleinen Karussell im hinteren Bereich können sogar Großeltern mit Rollator gemeinsam mit ihren Enkeln beschwingte Runden drehen.

Dass es privatwirtschaftlicher Initiative bedurfte, damit Weicha einen Spielplatz bekommt, findet Hagen Schmidt nicht ungewöhnlich. "Wir sind ein 90-Einwohner-Ort. Was soll man da erwarten", fragt er verständnisvoll. 20.000 Euro haben die Spielgeräte gekostet, die er in Berlin anfertigen ließ. 80 Prozent der Kosten wurden durch einen Zuschuss aus dem Leader-Programm gefördert. Vieles auf dem Areal rund um die steinerne Grillecke entstand in Eigenleistung. Schmidt verfolgte bei der Auswahl der Spielplatzeinrichtung ein ebenso simples wie klares Ziel: "Wir wollten einfache Spielgeräte, die das Miteinander und die Aktivität fördern", sagt er. "Ein Bewegungsangebot und ein paar Viecher" - für Hagen Schmidt ist das schon alles, was Kindern zur Bespaßung geboten werden muss.

Vom Ziegenpark bis zur Straußenfarm

Alles das gibt es rund um den Weichaer Hof. Schmidt zählt auf: "Es gibt einen Ziegenpark, eine Straußenfarm, einen Wildtierpark. Auch größere Attraktionen wie der Irrgarten in Kleinwelka oder das Schmetterlingshaus in Jonsdorf sind per Tagesausflug zu erreichen." Dass die Einwohner der Region in der Familienumfrage das Freizeitangebot als mangelhaft abstrafen, ist für ihn vor diesem Hintergrund nicht nachvollziehbar. "Ich glaube, die Leute sehen die kleinen Sachen nicht. Die Ansprüche an Events und Unterhaltung sind weit weg von dem, was Sinn macht", mutmaßt der Familientherapeut.

Dieses Streben nach höher, schneller, weiter, sagt er, sei nicht gut. Weder für die Eltern noch die Kinder. "Wenn unsere Gäste nach einem Ausflug in den Saurierpark zurückkommen, sind die Eltern meist platt und wundern sich, dass die Kinder nach zwei Stunden schon wieder fit sind", hat Hagen Schmidt beobachtet. Er und sein Team setzen daher bewusst eher auf Genuss, statt auf Superlative.

Niemand wird ausgeschlossen: Im Sandkasten des neuen Spielplatzes im Weichaer Park können zum Beispiel auch Kinder, die im Rollstuhl sitzen, bequem mit buddeln.
Niemand wird ausgeschlossen: Im Sandkasten des neuen Spielplatzes im Weichaer Park können zum Beispiel auch Kinder, die im Rollstuhl sitzen, bequem mit buddeln. © SZ/Uwe Soeder

Beispiel gefällig? Schmidt erzählt: "Als wir neulich eine neue Parkbank aufgestellt haben, haben einige Kinder begonnen, darauf kleine Steintürme zu errichten. Das wurden immer mehr. Die Kinder waren beschäftigt, hatten Spaß, die Eltern konnten mal in Ruhe sitzen und sich unterhalten." Anleitung und Begleitung durch die Eltern sei es, was Kinder viel dringender benötigten als ein quantitativ großes Freizeitangebot.

Darauf setzen Hagen Schmidt und sein Team auch, wenn sie am 31. Oktober gemeinsam mit der benachbarten Gärtnerei zu einem kleinen Halloweenfest auf den Weichaer Hof einladen. Kürbisschnitzen, Kinderschminken, Lampionbasteln und Reiten auf Helga, der Reitkuh, steht dann auf dem Programm. Abgerundet wird die Veranstaltung mit einem gemeinsamen Fackelumzug. "Das wird kein riesen Fest", sagt Hagen Schmidt, "es geht nur darum, ein bisschen zu sitzen, zu schwatzen und Spaß zu haben, ohne hinterher total platt zu sein."

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