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Erst Corona - und jetzt auch noch fasten?

Auf vieles müssen wir derzeit verzichten. Welchen Sinn hat da noch das Fasten? Ein Gespräch über notwendige Stoppschilder und Wege aus dem Hamsterrad.

Sebastian Kieslich leitet das Bildungsgut Schmochtitz Sankt Benno.
Sebastian Kieslich leitet das Bildungsgut Schmochtitz Sankt Benno. © SZ/Uwe Soeder

Bautzen. Vor einem Jahr tauchte das Coronavirus auch im Landkreis Bautzen auf. Von wenigen Monaten in der Jahresmitte abgesehen, leben wir seitdem ohne Feiern, Einkaufsbummel, Gaststättenbesuche, Theaterabende, Treffen mit Freunden und vielem mehr, was vorher selbstverständlich war. Nun leben wir auch noch in der jährlichen Fastenzeit bis Ostern. Sind wir verdammt dazu, uns gar nichts mehr zu gönnen? Diese und andere Fragen stellte Sächsische.de dem Rektor des Bildungsgutes Schmochtitz Sankt Benno, Sebastian Kieslich.

Herr Kieslich, leben wir nur noch, um zu verzichten?

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Niemand, auch nicht die Bibel, sagt, dass wir jetzt von Aschermittwoch bis Karsamstag bei Wasser und Brot sitzen müssen. Fasten hat einen christlichen Ursprung, wird aber in der Gesellschaft zuerst als Verzicht verstanden, als eine dunkle Zeit. Für viele heißt das, sie verorten sich nun schon ein Jahr lang in einer dunklen Zeit. Ich kann verstehen, wenn sie jetzt sagen: Wir verzichten doch schon zwölf Monate, und nun setzt die Kirche noch eins drauf. Ich würde genauso denken, wenn ich Fastenzeit so verstünde.

Aber wenn nicht für Verzicht, wofür steht fasten dann?

Ich verstehe diese Zeit als Chance, über den eigenen Weg nachzudenken. Sich selbst zu fragen: Lebe ich so, wie ich das eigentlich möchte? Wo ist mein Platz auf der Welt? Insofern ist die Fastenzeit Gelegenheit zur inneren Einkehr. Deshalb sehe ich diese Zeit als Gewinn.

Viele Menschen haben aber gerade ganz andere Sorgen.

Das stimmt natürlich. Es zeigt sich gerade durch Corona, wie die Gesellschaft auseinander driftet. Da gibt es die einen, denen es wirklich sehr schlecht geht. Menschen sind gestorben, ohne dass sich die Angehörigen von ihnen verabschieden konnten. Viele sind in existenzielle Nöte geraten. Und dann gibt es die anderen, und zu ihnen zähle ich mich auch, denen es im Grunde ganz gut geht. In meiner Familie gibt es bisher keinen Corona-Fall, niemand hat wirtschaftliche Ängste. Da zeigt sich sehr deutlich, dass das soziale System in Deutschland - bei allen Problemen - eine Sicherheit bietet. In vielen Ländern ist das ganz anders. Und da sind wir schon wieder bei der Fastenzeit: Nutzen wir sie, um zu schauen, wo stehen wir in der Welt.

Gilt das auch für Atheisten?

Ja, auch sie sind dazu eingeladen. Wir bereiten uns in dieser Zeit auf Ostern vor. Auch wer keinen Glauben an Jesus Christus hat, feiert trotzdem Ostern - das Fest des Lebens, das den Tod besiegt hat. Da sind wir bei Goethe, der im Osterspaziergang sagt: Sie feiern die Auferstehung des Herrn, denn sie sind selber auferstanden. Ich selbst kann mein Leben gestalten. Klar, mit den Rahmenbedingungen, die wir jetzt gerade haben.

Meinen Sie innere Einkehr so: Ich denke mehr über die Welt und mich nach, aber sonst kann ich auch in der Fastenzeit so leben wie immer?

Das kann Ihnen niemand verbieten. Aber wer mehr über sich nachdenkt, kommt dabei vielleicht auch an den Punkt: Bin ich möglicherweise in einem Trott, in einem Tunnel, wo ich nichts mehr links und rechts sehe? Davor ist keiner gefeit, wenn er selber nicht auch mal innehält und ein Stoppschild für sich selber setzt. Sich über das eigene Ich klar zu werden, das kann auch dazu führen, mal Dinge sein zu lassen.

Wir führen das Gespräch bei einer Tasse Kaffee, dürfen wir das überhaupt in der Fastenzeit?

Klar. Aber wenn jemand für sich sagt, ich bin schon abhängig vom Kaffee, ich kann gar nicht mehr anders, alles andere ist mir egal - dann kann ich auch versuchen, mal darauf zu verzichten und zu sehen, was das mit mir macht. Oder wenn ich jeden Tag früh einen Schokoriegel zu mir nehme: Bin ich an der Schwelle zur Sucht? Bin ich noch Herr über mich selbst? Vielleicht kann ich ja die Zeit, in der ich mich sonst immer der Kaffeemaschine gewidmet habe, auch ganz anders nutzen, für Körperpflege zum Beispiel. Das gilt ebenso für das abendliche Bier oder für Fernsehgewohnheiten.

Aber Fernsehen dient ja auch der Information, und manche Sender bieten auch Anspruchsvolles, wenn wir schon nicht ins Theater können.

Ich verzichte auch nicht aufs Fernsehen. Aber bei vielen läuft die Flimmerkiste ohne Pause. Das macht ja auch etwas mit einem, ständig Filme und Talkshows, am Ende ist vieles gar nicht entspannend. Und auch hier bietet die Fastenzeit den Anlass, sich zu sagen: Ich ändere meinen Ablauf, ich verbringe die Zeit lieber mit meiner Frau, meinen Kindern, und wenn es nur eine halbe Stunde ist. Im alltäglichen Trott begeht man viel Raubbau an sich selbst, und die Fastenzeit bietet die Chance, da mal rauszukommen.

Und was ist nach Ostern?

Ostern ist ja Aufbruch, Auferstehung, und die Fastenzeit ist die Vorbereitung darauf. Wenn ich aus dieser Zeit etwas mitnehme für danach, ist schon viel gewonnen. Vielleicht, dann wieder mehr Kaffee zu trinken, aber eben nicht mehr so viel wie vorher. Und es ist ja auch nicht so, dass es in der Fastenzeit keine Pausen gäbe.

Pausen?

Als ich Kind war, sagte ein Priester: Wer am Sonntag fastet, der ist kein richtiger Katholik. Das soll jetzt nicht heißen, dass man am Vorabend schon die Bierflaschen ins Zimmer holt, eine nach der anderen öffnet und das nachholt, was man die Woche über glaubt verpasst zu haben. Das ist nicht Sinn der Sache. Aber der Sonntag ist ein besonderer Tag, an dem ich nicht faste - aber auch nicht in alte Muster zurückfalle.

Sonntags sollen ja nur die arbeiten, die es müssen. Aber wie steht es eigentlich generell damit, die Arbeit können wir uns nicht kleiner fasten?

Auch hier sehe ich Anlass zum Nachdenken. Muss man wirklich in aller Herrgottsfrühe, wenn einen die volle Blase zur Toilette zieht, nebenbei schon auf dem Smartphone dienstliche E-Mails lesen? Das verlangt kein Arbeitgeber. Aber wer so im Hamsterrad drin ist, sitzt dann schon beim Frühstück mit lauter Problemen im Kopf. Geht es nicht auch, beim Toilettengang auf das Smartphone zu verzichten und entspannter in den Arbeitstag zu starten? Die Arbeit wird dadurch nicht weniger, aber man hat etwas für sich getan.

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