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Über Grenzen gehen: ein Theater-Experiment

Flucht, Vertreibung, Entkommen: "Raus" heißt das neue Stück der BürgerInnen-Bühne Bautzen. Premiere ist beim Theaterfestival „Willkommen anderswo“.

Die BürgerInnen-Bühne Bautzen probt für das Stück „Raus“ mit Lebensgeschichten von Frauen, im Bild: Jessica Oberst (l.) und Selbihan Kurtel.
Die BürgerInnen-Bühne Bautzen probt für das Stück „Raus“ mit Lebensgeschichten von Frauen, im Bild: Jessica Oberst (l.) und Selbihan Kurtel. © SZ/Uwe Soeder

Bautzen. Drei Leinwände hängen von der Decke auf die improvisierte Bühne. Die Spieler halten ihre Textblätter in der Hand. Gespannt hören sie auf Christian Schröter: „Freiheitsliebend ist Euer Stichwort. Dann kommt ihr mit den Stühlen nach vorn“, sagt der Theaterpädagoge. Gemeinsam proben die Mitglieder der BürgerInnen-Bühne Bautzen ihr selbstentwickeltes Stück „Raus?! – Von Lebenslinien und Grenzerfahrungen“. Premiere feiert die Geschichte am 19. September beim Theaterfestival „Willkommen anderswo“ in Bautzen.

Hinter den Amateur-Darstellern liegt an diesem Probeabend bereits ein Arbeitstag. Theoretisch könnten sich die Lehrerin, die Restaurant-Fachfrau, der Diplom-Physiker, der Selbstständige und die Einkäuferin vom Sehen aus dem Stadtbild kennen, ihre Lebenswege haben sich aber erst auf der Theaterbühne verschlungen.

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Gegründet wurde die BürgerInnen-Bühne 2018. Mit der neuen Inszenierung wagt sie ein Experiment: Statt eines vorgegebenen Textes haben die Darsteller gemeinsam drei Geschichten von Frauen aus der Oberlausitz entwickelt.

Geschichten basieren auf wahren Begebenheiten

Aus dem Off tritt Bärbel Hädicke hervor. Sie spricht ihren Text: „Es ging doch nicht nur um unsere Tochter und ihren Freund. Es ging doch auch um uns“, sagt sie. Auf der Leinwand ist ein Gesicht projiziert. Das ist B., die Tochter, die einen Ausreiseantrag gestellt hat. Neben der Flucht aus der DDR erzählen die Spieler von einer Vertreibung aus dem heutigen Polen 1947 in ein sorbisches Dorf und von einem Entkommen aus Venezuela.

„Diese Geschichten basieren auf wahren Begebenheiten. Dabei werden nicht nur räumliche Linien überschritten, auch sprachlich, ideologisch und persönlich kommen die Figuren an ihre Grenzen“, sagt Christian Schröter. Im Herbst 2019 hat das Ensemble mit der Ideensammlung zu „Raus?!“ begonnen.

Theatererfahrung in China und Istanbul

Die Probenpause dient zum Plaudern und Teetrinken. Vier Nationen sitzen auf den Polstern im Thespis-Zentrum des Bautzener Theaters. Es hat die Aufgabe, Initiativen wie die BürgerInnen-Bühne anzustoßen und zu begleiten. „Wir bringen alle Geschichten und Neugier mit. Hier sitzen echte Menschen mit echten Erfahrungen und viel Lebensfreude“, schwärmt Christian Schröter über das Ensemble.

Theatererfahrung bringen die Männer und Frauen mehr oder weniger mit. Fei Xie, geboren in China und jetzt Einkäuferin eines großen Kunststoffunternehmens, hat während ihres Studiums in Shanghai bei der chinesischen Oper mitgewirkt. Selbihan Kurtel spielte in Istanbul Straßentheater. Steffen Herpich träumt von einem Auftritt beim Improvisationstheater. „Ich finde es einfach gut, mal nicht Ich zu sein“, sagt Bärbel Hädicke.

Neben dem Stück „Raus?!“ sind beim Festival „Willkommen anderswo“ die Produktionen von sieben deutschen Theatern zu sehen. Vom 17. bis zum 20. September setzen sie sich aus unterschiedlichen Perspektiven mit dem Thema „Wider alle Grenzen“ auseinander. Neben den Aufführungen sind Musik-, Tanz- und Gesprächsformate geplant. Organisiert wird das Festival durch das Thespis-Zentrum.

  • „Willkommen anderswo“ – Theaterfestival vom 17. bis zum 20. September in Bautzen.
  • „Raus?!“, Premiere am: 19. September, 17 Uhr, Burgtheater
  • Programm: www.willkommenanderswo.com

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