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Kreis Bautzen kämpft um die Azubis

Der Freistaat plant eine Berufsschulreform. Dadurch könnte Bautzen einige Ausbildungsgänge verlieren. Der Landkreis wehrt sich vehement dagegen.

Anthony Ludewig lässt sich derzeit in Bautzen zum Bäcker ausbilden. Geht es nach dem Freistaat, soll es diese Ausbildung künftig hier nicht mehr geben.
Anthony Ludewig lässt sich derzeit in Bautzen zum Bäcker ausbilden. Geht es nach dem Freistaat, soll es diese Ausbildung künftig hier nicht mehr geben. © SZ/Uwe Soeder

Bautzen. Der Aufruhr war groß: Die Domowina meldete sich zu Wort, Bautzens Oberbürgermeister ebenfalls, außerdem Landtagsabgeordnete und die Kreishandwerkerschaft. Die Bäckerlehre, da waren sich alle einig, muss in Bautzen bleiben. Anlass für den Aufruhr war ein 464 Seiten langes Dokument: der neue Teilschulnetzplan für die berufsbildenden Schulen im Freistaat Sachsen.

Das Kultusministerium will die Berufsschulen im Freistaat neu organisieren. Das Ziel ist es, Ausbildungsangebote zu bündeln und Standorte zu sichern. Das hat große Auswirkungen für den Landkreis Bautzen. Der hat jetzt eine Stellungnahme dazu abgegeben – und dem Freistaat sein Einvernehmen untersagt. Was das jetzt bedeutet.

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Wie wirkt sich die Berufsschulreform aus?

Das Landratsamt hat das Papier genau unter die Lupe genommen – und herausgearbeitet, welche Ausbildungsgänge der Kreis Bautzen verlieren wird, wenn der Entwurf beschlossen wird. Vor allem das Berufsschulzentrum (BSZ) in Bautzen ist demnach stark betroffen.

So sollen zum Beispiel die Bäcker und die Fachverkäufer für Backwaren dem Papier zufolge noch in diesem Jahr nach Görlitz umziehen. Auch die Friseurausbildung, die Ausbildung zum Koch und die zur Fachkraft im Gastgewerbe sollen künftig in Görlitz stattfinden. Restaurant- und Hotel-Fachkräfte sollen künftig in Zittau ausgebildet werden. Und die Lehre zum Bankkaufmann oder zur Bankkauffrau soll nach Dresden umziehen. Auch drei Fachschulausbildungsgänge fallen weg.

Es gibt allerdings nicht nur schlechte Nachrichten für Bautzen. Der Fokus des BSZ Bautzen soll künftig auf den Berufsbereichen Metalltechnik, Elektrotechnik sowie Wirtschaft und Verwaltung liegen. Entsprechend kommen auch neue Ausbildungsgänge hierher: In Zukunft sollen sich junge Leute in Bautzen auch zum Elektroniker für Betriebstechnik ausbilden lassen können, ebenso zum Industrieelektriker und zum Mechatroniker.

Was kritisiert der Landkreis Bautzen?

Der Bautzener Kreistag hat beschlossen, das Einvernehmen zu versagen. Die Stellungnahme umfasst viele Kritikpunkte. Zum Beispiel geht es um das Verhältnis von Ausbildungsangeboten in den größeren Städten und im ländlichen Raum. Das ist aus Sicht des Landkreises nicht ausgeglichen. „Die kreisfreien Städte Dresden, Chemnitz und Leipzig beheimaten den Großteil der universitären Ausbildung im Freistaat Sachsen“, heißt es in dem Statement. Damit das Verhältnis der Bildungsangebote ausgeglichen ist, sei es sinnvoll, „die berufliche Ausbildung maßgeblich in den sächsischen Landkreisen außerhalb der Ballungsgebiete Dresden, Chemnitz und Leipzig zu verankern“.

Nicht nur im Vergleich zu den Großstädten sieht sich der Kreis benachteiligt – sondern auch im Vergleich zu den Nachbarn. Viele der Bautzener Ausbildungsgänge sollen nach Görlitz oder Zittau ziehen. Den dortigen Berufsschulzentren „wird ein umfangreiches Ausbildungsangebot zugestanden, dem BSZ Bautzen mit deutlich höheren Ausbildungszahlen in den letzten Schuljahren jedoch nicht“, kritisiert Bautzen.

Auch Dresden profitiere; zum Beispiel, weil die Bankkaufleute künftig dort ausgebildet werden sollen. Seit Jahren werde dieser Ausbildungsgang zwar mit einer kleinen, aber stabilen Klassengröße in Bautzen geführt, heißt es. Ähnlich der Klassengröße der Steuerfachangestellten in Görlitz, die hingegen dürften an ihrem BSZ bleiben.

Eine Benachteiligung sieht der Landkreis insbesondere auch für junge Frauen. „Brisant wird diese Situation vor allem dann, wenn es wie zum Beispiel im Beruf Friseur in den drei Ausbildungsjahren junge Mütter gibt. Derzeit sind es neun.“ Wenn diese Ausbildung nach Dresden verlagert wird, hätten die jungen Frauen keine Möglichkeit, sich ortsnah ausbilden zu lassen.

Auch den Sorben werden Ausbildungsmöglichkeiten nahe ihres Siedlungsgebietes genommen, argumentiert der Landkreis. Außerdem erinnert er an die moderne Backofentechnik, die es am BSZ in Bautzen gibt – und daran, dass die Lausitz ohnehin vom Strukturwandel gebeutelt ist.

Was sagt der Freistaat zu der Kritik?

Sachsens Kultusministerium (SMK) bewertet die Reform nicht so kritisch wie der Kreis Bautzen – im Gegenteil. Es empfindet diese als Stärkung der beruflichen Bildung im Kreis. „Die geplanten Änderungen lassen mittelfristig einen Zugang an Berufsschülern sowohl am BSZ Bautzen als auch am BSZ Radeberg erwarten“, erklärt eine SMK-Sprecherin. „Die Kernkompetenzen der BSZ Bautzen und Radeberg liegen in den Berufsbereichen Metall-, Elektro- und Verfahrenstechnik, die im Rahmen der Teilschulnetzplanung deutlich ausgebaut und durch Zugänge aus Dresden und Zittau gestärkt werden.“

Wie geht es mit den Berufsschulen jetzt weiter?

Der Freistaat ist gesetzlich dazu verpflichtet, zu den Plänen ein Einvernehmen mit Landkreisen und kreisfreien Städten herzustellen. Gerade sammelt das SMK deshalb die Stellungnahmen ein. Neben dem Kreis Bautzen habe auch der Kreis Mittelsachsen signalisiert, die Pläne abzulehnen.

Diese Einwände werden jetzt rechtlich geprüft. Wenn sie rechtswidrig sind, kann das SMK auch ohne das Einverständnis der Kreise die Reform beschließen. Und wenn sie nicht rechtswidrig sind? Wie es dann weitergeht, dazu sind viele Fragen offen, sagt das SMK. Derzeit gehe das Ministerium aber davon aus, dass der Teilschulnetzplan wie angedacht zum 1. August in Kraft tritt.

Parallel zeichnet sich aber auch noch eine weitere neue Entwicklung ab: Das Thema wird auch im Landtag noch einmal eine Rolle spielen. Die AfD-Fraktion hat einen Antrag eingereicht, das Thema für ein Jahr auszusetzen, teilt der Bautzener AfD-Abgeordnete Frank Peschel mit.

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