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Das bietet das Töpferfest in Neukirch am Wochenende

Kunsthandwerker aus Deutschland und Tschechien sind beim Neukircher Töpferfest zu Gast. Die neuen Gesellen erwartet dabei eine besondere Abreibung.

Töpfermeister Edgar Lehmann packt an. Für die 32. Auflage des Neukircher Töpferfestes läuft die Keramikproduktion auf Hochtouren. Zu Gast rund um die Werkstatt in Neukirch sind am Wochenende knapp 80 Kollegen und andere Kunsthandwerker.
Töpfermeister Edgar Lehmann packt an. Für die 32. Auflage des Neukircher Töpferfestes läuft die Keramikproduktion auf Hochtouren. Zu Gast rund um die Werkstatt in Neukirch sind am Wochenende knapp 80 Kollegen und andere Kunsthandwerker. © SZ/Uwe Soeder

Neukirch. Diese „Tippel“ müssen noch in den Brand. Doch erstmal bugsiert Töpfermeister Edgar Lehmann das Brett zurück in die Ablage im Malerei-Refugium mit den anderen wartenden Krügen, Vasen, Butterdosen und den ersten Weihnachtsfiguren. Eine Etage tiefer in der Werkstatt stimmt sein Bruder Karl-Louis gerade mit dem Landratsamt die Hygienemaßnahmen zum Neukircher Töpferfest ab. Denn am 2. und 3. Oktober ist es wieder so weit: Knapp 80 Töpfer und Aussteller aus Deutschland und Tschechien haben sich für die 32. Auflage des Kunsthandwerkermarktes angesagt.

Edgar Lehmann eilt durch die Werkstatt. In der Dreherei behalten aber Grit Wobst und Sabrina Weiß die Ruhe. Zwei Töpfergenerationen stehen an diesen Arbeitsplätzen nebeneinander. Die 54-jährige Töpfermeisterin hat in Kamenz ihren Beruf gelernt. „Akkorddrehen“, sagt sie, während sie Schweinen, Mäusen und Katzen wahlweise mehrere Löcher oder einen Schlitz in den Rücken sticht.

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Diese Tiere sollen mal Stiftehalter und Spardosen werden. Beim Töpfermarkt können die Kleinsten sie bemalen. Sabrina Weiß neben ihr fertigt Vielhenkeltassen. „Das ist ihre Erfindung“, sagt Edgar Lehmann. Die 24-Jährige ist durch die Ausbildung in den Familienbetrieb gekommen.

Aus fünf Kilo Ton einen Henkel ziehen

Bis 1834 reicht die Lehmannsche Töpferdynastie zurück. „Die siebte Generation steht in den Startlöchern“, sagt der Töpfereichef. Von Anfang an mussten die Neulinge immer das Henkeln lernen, auch Sabrina Weiß. An ihre Probetassen baute sie gleich mehrere Henkel. Die ersten Prototypen kamen noch weg, bis die Idee aufkam, sie in den Verkauf zu nehmen. Inzwischen ist das Unikum ein kleiner Verkaufshit.

Immer wieder taucht Sabrina Weiß ihre Finger ins Wasser, um den Ton für den Henkel geschmeidiger zu machen. Ihr ungebranntes Tippel steht auf einer Gipsplatte. „Ich habe heute schon über 100 Henkel gemacht und lasse bei jeder Tasse der Fantasie freien Lauf“, sagt die Töpfergesellin und stellt ein weiteres Vielhenkel-Kuriosum auf das bereitgestellte Brett.

Trotz dieser Übung wird sie beim traditionellen Henkelziehen-Wettbewerb beim Töpferfest nicht teilnehmen. Dann heißt die Herausforderung, einen Henkel aus fünf Kilo Ton zu ziehen. Gute zwei Meter habe ein tönerner Gewinner schon mal gemessen. Wie in der Dreherei herrscht auch in der Maler-Werkstatt stille Emsigkeit. Auszubildende Tina Schmidt setzt mit einem zurechtgeschnittenen Schwamm das beliebte Margeriten-Muster auf die noch ungebrannte Teekanne.

85 Prozent der Dekore sind traditionelle Muster

Das kräftige Pink wird im Brand zum typischen Lausitzer Blau. „Zunächst wurde bis 1900 nur die typische Braunkeramik hergestellt und verkauft. Ab 1902 kam das Schwämmeln dazu. Heute sind 85 Prozent unserer Dekore traditionelle Muster, das wollen die Leute“, sagt Edgar Lehmann. Die Nachfrage nach irdenem Geschirr sei während Corona sogar noch gestiegen.

Tina Schmidt legt den Schwamm aus der Hand, stattdessen taucht die künftige Keramikmalerin einen Pinsel in die dünne Farbe. Während sie die Teekanne dreht, lässt die Auszubildende den Pinsel entlang des Kannenbodens gleiten. Dann bessert sie noch mit ruhiger Hand einige Fehlstellen aus. Im kommenden Jahr will sie die Ausbildung beenden, dann erwartet sie wie die anderen Ausgelernten beim Töpferfest das sogenannte „Gesellenschlagen“.

„Ein fertiger Geselle muss das durchmachen, was der Ton durchmacht: Er wird angefeuchtet, durchgeknetet, geformt, getrocknet und gemahlen. Das ist Tradition“, sagt Edgar Lehmann schmunzelnd. Drei bis vier Neulinge können sich in diesem Jahr auf den Brauch freuen, einer ist die siebte Lehmann-Generation.

Von Identitätssteinen bis Fassadenkeramik

Die Brüder Karl Louis und Edgar stimmen sich noch schnell ab, was für den Kunsthandwerkermarkt rund um ihre Werkstatt zu beachten ist. Vom Vater haben sie 2008 den Familienbetrieb übernommen. Längst kommen nicht mehr nur Lausitzer Tonklassiker aus der Werkstatt.

Ihr Portfolio reicht vom kleinen Identitätsstein für Feuerbestattungen über das Buffet-Geschirr für die Marché Restaurants europaweit bis zur Fassadenkeramik für die Hochschule für Technik und Wirtschaft in Dresden. Das Großprojekt realisieren die Lehmanns zusammen mit der Töpferei Kannegießer. 3.500 Quadratmeter Fliesen müssen dafür gefertigt werden. „Die Aufträge dienen dazu, Personal und die Werkstatt auszulasten“, sagt der Chef über 17 Mitarbeiter.

Und was ist nun das Schönste am tönernen Handwerk? Edgar Lehmann muss nicht lange überlegen. „Die Kreativität, aus einem Klumpen Ton ein Gefäß zu formen, und der Zusammenhalt der Töpfer“, sagt er. Auch deshalb freut er sich auf seine Kollegen am Wochenende. Viel Zeit wird ihm sicherlich nicht bleiben, selbst über den Markt zu bummeln und vielleicht sogar nach neuen Ideen Ausschau zu halten.

Fertig gedreht hat er auf jeden Fall schon den riesigen Tonkrug mit den beliebten roten Karos für die Tombola. Mit seiner Verlosung geht am Sonntag gegen 17 Uhr das 32. Töpferfest in Neukirch zu Ende.

Alle Infos zum Töpferfest:

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