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Bautzen

Wer wird OB von Hoyerswerda?

Fünf Frauen und Männer stellen sich am Sonntag zur Wahl. Besonderes Augenmerk liegt auf dem Abschneiden der AfD.

Wohin geht die politische Reise der Stadt Hoyerswerda? Am Sonntag wird hier ein neuer Oberbürgermeister gewählt. Fünf Kandidaten kandidieren für das Amt.
Wohin geht die politische Reise der Stadt Hoyerswerda? Am Sonntag wird hier ein neuer Oberbürgermeister gewählt. Fünf Kandidaten kandidieren für das Amt. ©  dpa/Robert Michael

Hoyerswerda. Hoyerswerda braucht den zweiten Blick. Um den Takt der einstigen DDR-Vorzeigestadt aufzunehmen, muss man wie Anthropologe Felix Ringel zumindest eine Zeit lang hier leben. Zu Studienzwecken verbrachte der 39-Jährige mehr als ein Jahr in der Stadt – und hält bis heute Kontakt. „Hoyerswerda musste in den vergangenen 30 Jahren viel aushalten. Zwei Drittel der Bevölkerung sind weg, die Hälfte der Stadt ist zurückgebaut“, sagt der Wissenschaftler der britischen Durham-University.

Doch Hoyerswerda trotzt auch mit Überlebenswillen. Welchen Weg die Stadt einschlagen wird, entscheidet sich auch bei der Oberbürgermeisterwahl am Sonntag. Während der langjährige Amtsinhaber Stefan Skora (CDU) nicht wieder antritt, sind fünf Kandidaten im Rennen: Die parteilose Dorit Baumeister wird von einem Bündnis der Grünen, Linken und der Wählervereinigung Aktives Hoyerswerda unterstützt. Dirk Nasdala steht als Parteiloser für die Freien Wähler. Zudem treten Claudia Florian für die CDU, Torsten Ruban-Zeh für die SPD und Marco Gbureck für die AfD an.

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AfD-Bewerber 2019 mit zweitbestem Ergebnis

Gbureck holte bei der Stadtratswahl 2019 mit mehr als 3.000 Stimmen das zweitbeste Wahlergebnis. Mit acht gewählten Vertretern ist die AfD die stärkste Fraktion im Stadtrat. Gern zeigt sich Gbureck mit Sachsens AfD-Landesvorsitzendem Jörg Urban und dem Bundestagsabgeordneten der Partei Karsten Hilse. Die Partei will in Hoyerswerda nachholen, was ihr in Görlitz misslang: Sie will den ersten AfD-Oberbürgermeister in Deutschland stellen. An der Neiße unterlag ihr Bewerber im vergangenen Jahr knapp gegen den Kandidaten der CDU.

Bis zur Wende galt Hoyerswerda im Lausitzer Revier mit einem Durchschnittsalter von 30 Jahren als jüngste Stadt der DDR. Heute ist der Hoyerswerdaer im Schnitt fast 53 Jahre alt – und ernüchtert, sagt der Wissenschaftler Johannes Staemmler. Er arbeitet in der Forschungsgruppe „Sozialer Strukturwandel und responsive Politikberatung in der Lausitz“ am Institut für transformative Nachhaltigkeitsforschung in Potsdam.

Kohleausstieg ist Zäsur für Hoyerswerda

Mit dem Kohleausstiegs- und Strukturstärkungsgesetz steht Hoyerswerda vor einer erneuten Zäsur. „Sanierte Dörfer und Städte, eine langsame demografische Stabilisierung sowie ausreichend Arbeitsplätze in der Region heilen die Enttäuschungen nicht“, sagt Staemmler. Deshalb sei die Bereitschaft, sich auf einen neuen Wandel einzulassen, eher überschaubar. „Auch wenn die Voraussetzungen viel besser als in den 1990er-Jahren sind.“ Diese Aufgabe müsse der neue Oberbürgermeister stemmen und in den nächsten fünf Jahren nachhaltige Strukturen etablieren und behutsam den sozialen Wandel in der Lausitzer Gesellschaft begleiten.

Das Prinzip haben die Bewerber für den Oberbürgermeister-Posten verstanden. Die unabhängige Kandidatin Dorit Baumeister wirbt mit „Wir Bürger sind die stärkste Kraft“. Die Architektin, City-Managerin und Rückkehrerin will den Strukturwandel als historische Chance nutzen. „Wenn sich Bürger mit der Stadtentwicklung positiv identifizieren, erzeugt das eine gemeinschaftliche Aufbruchstimmung.“

Der 54 Jahre alte Dirk Nasdala, unabhängiger Kandidat und bei der OB-Wahl 2013 mit knapp 6.000 Stimmen dem damaligen Sieger Skora unterlegen, will Hoyerswerda als „Zentrum einer Wachstumsregion“ voranbringen. Der Jurist möchte, dass die Bürger seiner Stadt „mehr Verantwortung für die Gemeinschaft übernehmen“. Torsten Ruban-Zeh (57), als Awo-Geschäftsführer einer der größten Arbeitgeber der Stadt, will durch aktive Bürgerdialoge Vertrauen und Mitwirken der Bürger steigern, um ein „gemeinsames Wir-Gefühl“ wieder aufzubauen. Der Sozialdemokrat wirbt wie die anderen Kandidaten dafür, dass jungen Leuten eine Perspektive gegeben wird, sie in der Region zu halten oder zur Rückkehr zu bewegen.

Erster Wahlgang bringt wohl noch keine Entscheidung

CDU-Kandidatin Claudia Florian wünscht sich für ihre Heimatstadt eine Bürgerschaft mit gemeinschaftlichen Zielen. Für den Wandel brauche es Visionen, in der sich alle wiederfinden, sagt sie. Florian (55) und ihr Mitbewerber Marco Gbureck (43) von der AfD waren bis vor gut zwei Jahren beide in der CDU. Der selbstständige Immobilienmakler will anders als seine Mitbewerber bei der Wahl das Parteibuch nicht in der Schublade lassen. „Ich stehe zur Alternative für Deutschland und deren Inhalten und werde dieses nicht verstecken“, schreibt er im Wahlprogramm. Die AfD vertritt als einzige Partei eine Pro-Kohle-Position.

Ob diese Sicht Erfolg hat? Eine Antwort darauf weiß Anthropologe Ringel nicht, aber: „Ich glaube, die Menschen hätten sich schon früher mehr Experiment und Wandel gewünscht. Sie wissen, dass sie ihre Beziehung zur Kohle neu definieren müssen. Es geht darum, noch mal etwas ganz Neues aufzubauen“, sagt er.

Im ersten Wahlgang wird wohl der neue Rathaus-Chef für Hoyerswerda noch keine Mehrheit holen. Wer letztlich in Hoyerswerda für das neue „Wir-Gefühl“ sorgen wird, können selbst Beobachter der Kommune nur schwer abschätzen. Letztlich wird es wohl ein Kopf-an-Kopf-Rennen geben. Welchen Weg die ehemalige DDR-Vorzeigestadt einschlägt, wird dann vermutlich der zweite Wahlgang am 20. September entscheiden. (dpa)

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