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Das passiert jetzt im Radiborer Bahnhof

In dem historischen Gebäude sollen Menschen mit und ohne Behinderung bald gemeinsam kochen. Und es ist noch viel mehr geplant.

Raphaela Lehmann gehört zu den Gründungsmitgliedern des Vereins „Bahnhof der Inklusion“ in Radibor. Wo jetzt noch Baustelle ist, sollen bald Menschen mit und ohne Handicap gemeinsam kochen - und noch viel mehr.
Raphaela Lehmann gehört zu den Gründungsmitgliedern des Vereins „Bahnhof der Inklusion“ in Radibor. Wo jetzt noch Baustelle ist, sollen bald Menschen mit und ohne Handicap gemeinsam kochen - und noch viel mehr. © Steffen Unger

Radibor. Eine Bratpfanne und der Kochlöffel liegen schon bereit. Das Wichtigste aber fehlt noch: „Wir sammeln gerade über eine Crowdfunding-Kampagne Spenden für die Projektküche als zentraler Treffpunkt unserer Begegnungsstätte“, sagt Raphaela Lehmann. Die Projektkoordinatorin steht mitten auf der Baustelle im Bahnhof Radibor. Die Wände in Teilen des einstigen Schalterraums sind frisch verputzt, neue Kabel und Anschlüsse staksen aus dem Boden. Am 12. September, zum Tag des offenen Denkmals, sollen spätestens Bratpfanne und Kochlöffel hier zum Einsatz kommen.

Raphaela Lehmann lässt den Blick schweifen. Die 39-jährige Dreifach-Mama gehört zu den Gründungsmitgliedern des Vereins „Bahnhof der Inklusion“ in Radibor. „Bahnhofsgebäude waren schon immer Orte der Begegnung, des Kennenlernens und des Ankommens. Wir haben die Vision, eine behindertengerechte und barrierefreie Begegnungs- und Beherbergungsstätte einzurichten“, sagt die Radiborerin. Sie weiß, der letzte Personenzug fuhr 1998, 2001 wurde auch der Güterverkehr eingestellt. Eingeweiht wurde das denkmalgeschützte Gebäude an der damaligen Stecke Bautzen – Königswartha – mit späterer Erweiterung nach Hoyerswerda - am 3. Dezember 1890.

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Schon lange vor Corona das Händewaschen geübt

Ein paar Bahnutensilien, wie Signale und ein alter Waschwaggon – sind noch auf dem einstigen Bahnhofsgelände zu sehen. „Nach langem teilweisem Leerstand hat eine Familie 2011 den Bahnhof gekauft. Die Familie hat selbst eine behinderte Tochter – und die Mutter den Traum, einen Ort zu schaffen, an dem der Kontakt zu behinderten Menschen etwas Alltägliches ist und sie eine anspruchsvolle Beschäftigung finden“, sagt Raphaela Lehmann. Umbau und Sanierung des Gebäudes für diese Vision übernehmen die Eigentümer, der Verein soll dann ab Herbst Pächter werden. Vereinsmitglieder haben bereits vor dem Umbau und vor Corona einige Formate getestet – mit Kindern wie Erwachsenen.

„Veranstaltungen für alle liegen uns am Herzen, Ernährungs- und Umweltbildung, Nachhaltigkeit, gern auch auf Sorbisch“, zählt Raphaela Lehmann auf. Besonders erfolgreich war bereits 2017 und 2018 ein Hygieneaktionstag zum Thema Händewaschen, als noch keiner ahnte, dass gründliches, mehrfaches Händewaschen bald zum täglichen Infektionsschutz aller gehören wird. Perspektivisch soll es solche Ein- und Mehrtages-Projekte – bei Wunsch auch mit Übernachtung - für Schulen und Horte geben, außerdem Kinoabende, private Feiern. Denkbar ist viel.

Jeder kann das Projekt unterstützen

Im alten Bahnhof sind neben der Projektküche und einem Begegnungsraum in der alten Mitropa unter anderem auch barrierefreie Zimmer zum Übernachten geplant. Die behindertengerechten Zugänge mit Rampen werden über das Förderprogramm „Barrierefreies Bauen: Lieblingsplätze für alle“ finanziert. Parallel dazu hat sich der Verein bei der „Aktion Mensch“ um eine Unterstützung beworben – und bekommen für die Entwicklung eines Konzeptes für ein Inklusionsunternehmen. „Dazu müssen wir den Bahnhof so ausgestalten, dass mindestens jeweils drei Menschen mit und ohne Behinderung von ihrer Arbeit hier leben können“, sagt Raphaela Lehmann. Zukunftsmusik.

Das Klappern der Kochlöffel rückt dagegen näher. „Die Küche soll für Projekte genauso genutzt werden wie von unseren Übernachtungsgästen. Es steht das Erleben mit allen Sinnen auf Augenhöhe wie das Miteinander im Mittelpunkt. Besonders beim Kochen werden unserer Meinung nach natürliche Barrieren zwischen Menschen abgebaut“, sagt die Projektkoordinatorin. Das Spendenziel über die Plattform „99 Funken“ sind 14.900 Euro. Crowdfunding bedeutet, dass eine Vielzahl an Menschen – die Crowd – ein Projekt finanziell unterstützen und somit dieses ermöglichen. Die Kreissparkasse Bautzen verdoppelt die Spenden zwischen fünf bis 100 Euro nochmals. Die Kampagne endet am 30. Juni, danach soll der Kücheneinbau beginnen.

Übernachten im alten Eisenbahnwaggon

Raphaela Lehmann sieht schon emsiges Schnippeln und Kochen in der behindertengerechten Projektküche, wo alle mittendrin sind, und keiner daneben steht. Für Kooperationsprojekte wäre die Küche auch ein Plus. So könnte gemeinsam mit dem Blinden- und Sehbehindertenverband und einem Gastronom aus der Umgebung in den Bahnhof Radibor zu einem regionalen „Dinner in the Dark“, einem Menü für alle Sinne im Dunkeln eingeladen werden. „Es gibt viele Ideen, wir müssen sie nur als Verein finanziell stemmen können“, sagt die Mitarbeiterin beim Christlich Sozialen Bildungswerk in Miltitz, die gerade in Elternzeit ist.

Auf die Baustelle kommt Bewegung, es wird gemessen, die Zimmererarbeiten sind im vollen Gange. Nach dem Abschluss der Sanierung im Inneren soll auch noch das idyllische Außengelände ausgebaut werden, so dass zum Beispiel Schulklassen im alten Eisenbahnwaggon oder ihren mitgebrachten Zelten übernachten können. „Wir suchen zum Beispiel noch einen alten Sanitärwaggon“, sagt Raphaela Lehmann. Noch ist dieser Eisenbahnwagen nur eine Vision, aber der Verein „Bahnhof der Inklusion“ in Radibor beweist gerade, wie Träume Einzelner Wirklichkeit für alle werden können.

Spenden über www.99funken.de/bahnhof-radibor

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