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Spreebrücke: Zweifel an Touristen-Prognose

Laut einem Gutachten soll das Projekt bis zu 300.000 zusätzliche Touristen nach Bautzen holen. Stadträte sind skeptisch - nicht nur wegen dieser Zahl.

So könnte Bautzens neue Brücke über die Spree aussehen. Laut einem neuen Gutachten soll die Brücke auch viel mehr Touristen anziehen.
So könnte Bautzens neue Brücke über die Spree aussehen. Laut einem neuen Gutachten soll die Brücke auch viel mehr Touristen anziehen. © Architekturbüro Ehrlich

Bautzen. Es könnte eines der größten Bauprojekte seit Langem für Bautzen werden: eine neue Fußgängerbrücke über die Spree. Als „Vision Spreetor“ bezeichnet die Stadt das Projekt mittlerweile, neben dem Bau einer neuen Brücke gehört auch die Sanierung des Langhauses und des Burgwasserturms auf der Ortenburg zu der Idee. Die Kosten: zwischen 9,5 und 12 Millionen Euro, so die erste Kalkulation der Stadt.

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Aber was würde das Projekt bringen? Anfang des Monats hat die Bautzener Stadtverwaltung erstmals Zahlen genannt. Eine „Studie zur Ermittlung der touristischen Wertschöpfung durch den Bau einer Fußgängerbrücke für die Stadt Bautzen“, also ein Tourismus-Gutachten, sei in Auftrag gegeben worden, hatte Bautzens kommissarischer Pressesprecher Markus Gießler mitgeteilt. Aus einem Entwurf der Studie gehe hervor, dass „durchaus bis zu 300.000 Touristen mehr in die Stadt Bautzen geholt werden könnten“, so Gießler. Die mögliche neue Spreequerung spiele dabei eine zentrale Rolle.

CDU: Zweifel an der Seriosität des Konzepts

An dieser Zahl gibt es nun Kritik vonseiten der Stadträte. „Mit der Zahl von mehr als 300.000 Besuchern bewegen wir uns etwa im Bereich der Besucherzahlen von Schloss Nymphenburg in München oder des Fernsehturms in Stuttgart“, sagt Katja Gerhardi, kommissarische Vorsitzende der CDU-Fraktion. Die Zahl erstaune die Fraktion. „Die Seriosität dieses Konzepts muss angezweifelt werden.“

Skepsis an der Zahl äußert auch die AfD. Und der fraktionslose Stadtrat Dirk Lübke nennt sie „utopisch“. Selbst das Bürgerbündnis, bislang begeisterter Verfechter der Spreebrücke, ist skeptisch. „Bei aller Begeisterung für dieses Vorhaben erscheint mir persönlich die Zahl zu hoch“, sagt Fraktionschef Steffen Tech.

Ein paar Zahlen zur Einordnung: Im Jahr 2019 gab es in Bautzen insgesamt 188.693 Übernachtungen, 2018 waren es 176.805. Nach Aussage der Stadt geht es in der Brücken-Studie allerdings um Tagesgäste. Wie viele davon jährlich nach Bautzen kommen, dazu gibt es laut Stadt keine Statistik.

20 Prozent mehr Touristen, vor allem durch die Brücke?

Für die Oberlausitz hat die Marketinggesellschaft Oberlausitz-Niederschlesien (MGO) aber Anfang 2020 mitgeteilt, dass man als Faustformel die Zahl der Übernachtungen mit acht multiplizieren könne, um die Zahl der Tagestouristen zu schätzen. Für die gesamte Oberlausitz hatte die MGO deshalb die Zahl der Tagestouristen im Jahr 2019 auf rund 16 Millionen überschlagen.

Nach dieser Rechnung wären das für die Stadt Bautzen im Jahr 2019 etwa 1,5 Millionen Tagesgäste gewesen. 300.000 zusätzliche Gäste würden also ein Plus von 20 Prozent bedeuten.

Solche Zahlen hat die Stadtverwaltung zur Einordnung allerdings nicht mitgeliefert. Auch deshalb üben die meisten Fraktionen Kritik an dem Gutachten: Es fehle der Kontext. Wie die Zahl ermittelt worden ist, welches Unternehmen die Studie gemacht hat, was die Aufgabenstellung war – all das ist bisher unbekannt, moniert etwa die FDP.

Noch immer unklar: Gibt es einen Bürgerentscheid?

Danach gefragt, verweist die Stadt auf ihre erste Mitteilung von Anfang März – mehr könne sie jetzt nicht herausgeben. Dennoch äußert sich Markus Gießler zur Kritik an der Zahl. „Eine Brücke kann man fachlich überhaupt nicht mit einer Stadt oder einem Schloss vergleichen“, sagt er. Ein Vergleich mit Schloss Nymphenburg entbehre jeder Grundlage.

Wie die Zahl ermittelt worden ist? „Die Studie widmet sich insbesondere einem Vergleich mit anderen Städten und Gemeinden, die ein vergleichbares Brückenprojekt durchgeführt haben“, sagt Gießler. Laut der Studie weise die Stadt Bautzen ein Defizit im Bereich Tourismus auf. Dieses könne durch Projekte wie die Spreequerung verbessert werden. „Das Gesamtpotenzial für die Stadt Bautzen – und da zählt nicht nur die Brücke hinein – liegt bei bis zu 300.000 Touristen mehr.“

Die Kritik an dieser Zahl ist dabei nicht die einzige, die die Stadträte äußern. So ist immer noch unklar, wann und ob es zu einem Bürgerentscheid kommt.

Kritik: Kann sich die Stadt das Projekt wirklich leisten?

Und noch ein neuer Aspekt spielt eine Rolle: Vor Kurzem hatte die Stadt mitgeteilt, dass der Haushalt ein Defizit aufweist. „Ein Luxusprojekt könnten wir uns nicht leisten“, stellt deshalb die CDU klar. Zwar geht die Stadt davon aus, dass ein Großteil des Projekts durch Fördermittel finanziert werden kann. Dennoch: „Auch wenn Fördergelder fließen sollten, muss Bautzen einen nicht unbeträchtlichen Anteil der Finanzierung aus dem städtischen Haushalt stemmen“, sagt Katja Gerhardi.

Unklar sei zudem, wer zum Beispiel dafür aufkomme, wenn das Projekt – ähnlich wie die Schützenplatz-Kita – teurer werde als geplant. Die CDU-Fraktion fragt deshalb, ob nicht andere Projekte im Bereich Stadtentwicklung oder Bildung und Soziales Vorrang haben müssten. Auch andere Fraktionen kritisieren das. So ist gerade bekannt geworden, dass die Stadt die finanzielle Unterstützung für Beratungsangebote durch die Caritas gekürzt hat.

„Die aktuelle Haushaltslage hat nichts mit dem Brückenprojekt zu tun“, sagt Markus Gießler. Er wiederholt, dass die Stadt mit erheblichen Fördermittelsummen rechnet. „Wir gehen also bei einer möglichen Realisierung von einer minimalen Belastung des städtischen Haushaltes aus.“

Bei all der Kritik gibt es auch Fraktionen, die sich weiterhin für das Projekt stark machen. So erklärt Steffen Tech vom Bürgerbündnis: „Unsere Fraktion steht nach wie vor hinter dem Projekt.“ Gerade in dieser Zeit sei es wichtig, die regionale Wirtschaft zu stützen. Und Roland Fleischer von der SPD-Fraktion spricht von „einer einmaligen Attraktion für die Stadt“. Er findet: „Der Blick nach vorn ist gefragt.“

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