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Stalking-Prozess: Gericht verschärft Urteil

Zweieinhalb Jahre lang stellte ein Bautzener seiner Ex-Freundin nach und griff sie mehrfach an. Dafür soll er lange ins Gefängnis und viel Schmerzensgeld zahlen.

Das Landgericht in Bautzen verurteilte den ehemaligen Bautzener Autohändler Josef A. zu einer schärferen Strafe als zuvor bereits das Amtsgericht.
Das Landgericht in Bautzen verurteilte den ehemaligen Bautzener Autohändler Josef A. zu einer schärferen Strafe als zuvor bereits das Amtsgericht. © SZ-Archiv

Bautzen. Es ist schwer in Worte zu fassen, was Alice Hartmann aus Neukirch erlebt hat. Zweieinhalb Jahre lang hat ihr Ex-Freund, der ehemalige Bautzener Autohändler Josef A., ihr nachgestellt. Ihr zuhause aufgelauert, sie sexuell genötigt, sie mehrfach krankenhausreif geprügelt – zum Beispiel mit einer Spielzeug-Ritterlanze aus Holz. Ein anderes Mal mit der Faust. Wiederum ein anderes Mal stieß er sie gegen Wasserleitungen.

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Zweieinhalb Jahre lang rief Alice Hartmann immer und immer wieder die Polizei, aber der Mann blieb auf freiem Fuß. Zwischenzeitlich wurde bekannt: Ein Polizist hatte Informationen an den Angeklagten durchgestochen, war mit ihm befreundet. Josef A. blieb frei - bis zum März 2020.

Angeklagter trat vor Gericht aggressiv auf

Dann endlich nahm das Prozedere seinen Lauf. Ausführlich hat sich das Bautzener Amtsgericht vergangenes Jahr mit dem Fall befasst. Selbst vor Gericht trat der Angeklagte bestimmend auf, zeigte sich aggressiv, wartete mit Machtspielchen auf. Leugnete einen Großteil der Taten, verstrickte sich in Gegenvorwürfe, verabschiedete sich nach einem Prozess von einer Frau im Saal mit den Worten „Ciao, Prinzessin“. Schlussendlich ist er vom Schöffengericht zu einer Haftstrafe von drei Jahren und sechs Monaten verurteilt worden.

Mit dem Urteil waren weder der Angeklagte noch die Staatsanwaltschaft einverstanden. Vor dem Landgericht ging der Prozess in Berufung – und fand in dieser Woche seinen Abschluss in einem Urteil, das noch einmal schärfer ausfiel als das des Amtsgerichts. Der Vorsitzende Richter will den Mann noch einmal vier weitere Monate hinter Gittern sehen: Josef A. ist zu einer Freiheitsstrafe von drei Jahren und zehn Monaten verurteilt worden. Außerdem muss er Alice Hartmann, der Ex-Freundin und Nebenklägerin, ein Schmerzensgeld von 15.000 Euro zahlen.

Anwältin: "Bemerkenswerte Urteilsverkündung"

Viel höher hätte das Gericht im Übrigen auch gar nicht gehen können. Das hat juristische Gründe: Eine bereits gezahlte Strafe des Angeklagten ist noch in das Urteil eingeflossen, umgerechnet als zwei Monate Haftstrafe. Hätte das Urteil höher als vier Jahre Freiheitsstrafe gelegen, wäre aber bereits eine andere Instanz zuständig gewesen.

„Bemerkenswert“, so sieht es Gesa Israel, Verteidigerin von Alice Hartmann, „war die Urteilsbegründung.“ So habe der Richter wenig zu den einzelnen Vorwürfen gesagt – und stattdessen ein Statement abgegeben. Er habe erklärt, dass es ein Skandal sei, dass Alice Hartmann so lange so wenig geholfen wurde. Er würde gerne um Entschuldigung bitten, aber man könne das, was passiert ist, nicht entschuldigen. Vom Versagen des Staates habe der Richter gesprochen. „Meine Mandantin war sehr berührt“, sagt Gesa Israel. Eine Urteilsbegründung wie diese könne auch anderen Opfern Hoffnung geben.

Noch im Gericht droht der Angeklagte dem Opfer

Dennoch: So erleichtert Gesa Israel und ihre Mandantin nach dem Urteil auch waren – zu Ende ist das Ganze für sie noch nicht. Zum einen, weil das Urteil noch nicht rechtskräftig ist. Der Prozess könnte in Revision gehen. Und zum anderen, weil es für Josef A. eben auch eine Zeit nach der Haft geben wird. Eine Zeit, vor der sich Alice Hartmann bereits fürchte.

„Nach dem Prozess, als er eigentlich nur noch in seine Zelle geführt werden sollte, hat er Alice Hartmann angeschrien“, berichtet Gesa Israel. Seine Worte: „Wir sind noch nicht fertig miteinander.“

Die Drohung passt auch zu dem, was ein Gutachter bekannt gab. Im ersten Prozess ist pauschal von einer verminderten Schuldfähigkeit des Angeklagten ausgegangen worden, um den langwierigen Prozess nicht kurz vor Ende aussetzen zu müssen. Das wäre nötig gewesen, hätte ein Gutachten erstellt werden müssen.

Anwältin will Ausweisung erzielen

Vor dem Landgericht war das anders. Da gab es ein schriftliches Gutachten, das auch vor Gericht vorgestellt worden ist. Und das Ergebnis dürfte mindestens für Alice Hartmann alles andere als angenehm gewesen sein. Der Angeklagte habe zwar eine Persönlichkeitsstörung, aber er sei sehr wohl vollumfänglich schuldfähig, so das Ergebnis. „Der Sachverständige geht von einer hohen Gefährlichkeit des Angeklagten aus“, berichtet Gesa Israel. „Er hat erklärt, dass durchaus drastischere Eskalationen folgen könnten.“ Vor allem, wenn sich der Angeklagte weiterhin Therapien verweigere.

Es sind Worte, von denen Gesa Israel hofft, dass sie auch in der schriftlichen Fassung des Urteils auftauchen werden. „Dann haben wir etwas Handfestes“, erklärt sie. Warum das wichtig ist? Ihr Ziel sei es, zu erwirken, dass der Angeklagte, der libanesischer Staatsbürger ist, aus der Haft heraus ausgewiesen wird. „Früher war bei einer Haftstrafe von drei Jahren die Ausweisung zwingend“, erklärt sie. Das sei mittlerweile nicht mehr so. Sie will die Informationen über den Angeklagten trotzdem an die Ausländerbehörde weitergeben. Sie erklärt: „Ich halte es sonst für sehr gefährlich für Frau Hartmann, wenn er aus der Haft entlassen wird.“

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