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Wegen Corona: Stadtführerin hält nun Trauerreden

In Bautzen ist Silke Rogalla als Gästeführerin stadtbekannt. Davon kann sie zurzeit aber nicht leben. Doch auch in ihrer neuen Aufgabe geht sie auf.

Silke Rogalla ist in Bautzen als Stadtführerin bekannt. Wegen Corona hat sie sich neu orientiert und hält nun Trauerreden.
Silke Rogalla ist in Bautzen als Stadtführerin bekannt. Wegen Corona hat sie sich neu orientiert und hält nun Trauerreden. © Steffen Unger

Bautzen. In der Nacht, bevor Silke Rogalla ihre erste Rede hielt, konnte sie nicht schlafen. „Ich hatte Sorge, dass die Rede zu kurz ist oder zu lang. Und ich wollte nicht zu sehr auf die Tränendrüse drücken, sondern den Angehörigen helfen.“ Silke Rogalla hat zur Trauerrednerin umgeschult. Dabei ist sie in Bautzen für etwas ganz Anderes bekannt.

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Eigentlich kennt man Silke Rogalla in einem pfirsichfarbenen wallenden Kleid mit Blumenmuster auf dem Korsett, dazu ein eleganter Hut und ein Schirmchen aus Spitze. Als Comtesse führt sie seit Jahren Bautzener und Besucher durch die Stadt. Gerade erst hatte sie sich ein neues Kleid schneidern lassen, wollte mit einer neuen Rolle durchstarten. Was dann dazwischen kam, muss eigentlich kaum noch erklärt werden: Corona.

Als Comtesse führte Silke Rogalla Besucher durch Bautzen und auch durch Kamenz. Doch wegen Corona ist das schon seit einem Jahr nicht mehr möglich.
Als Comtesse führte Silke Rogalla Besucher durch Bautzen und auch durch Kamenz. Doch wegen Corona ist das schon seit einem Jahr nicht mehr möglich. © René Plaul

„Ich konnte keine Führungen machen, hatte keinerlei Einnahmen“, erinnert sich Silke Rogalla an den ersten Lockdown. Hilfen vom Staat habe sie nicht bekommen. Doch nur Trübsal zu blasen, das lag ihr auch nicht. Im Gegenteil. Sie hatte eine andere Idee.

Schon seit Jahren, erzählt sie, hat sie einen Adoptiv-Opi, wie sie ihn nennt. Der Mann, mit dem sie gerne spazieren geht, ist bald 91 Jahre alt. Und bereits seit zehn Jahren erzähle er ihr, dass er möchte, dass sie die Trauerrede für ihn hält, wenn es einmal so weit ist. „Wir haben sogar schon zusammen an einer Rede gearbeitet“, erzählt Silke Rogalla. Ohnehin habe die Idee, Trauerreden zu halten, schon lange in ihr geschlummert – schon vor Corona.

Sie besuchte etwa 50 Beerdigungen

„Mir haben oft Leute gesagt, dass ich die richtigen Worte finde“, sagt sie. „Ich möchte den Hinterbliebenen von Verstorbenen Hoffnung geben.“ Also schulte sie um. Mehrere Tage lang dauerte der Onlinekurs, den sie absolvierte. Sie besuchte etwa 50 Beerdigungen in der Region, um von anderen Trauerrednern und -rednerinnen zu lernen. Und um herauszufinden, ob sie das auch kann – auch emotional verkraftet. So war sie auch auf der Beerdigung einer Jugendlichen. Selbst der Pfarrer habe geweint. Und sie nahm an einer Beerdigung teil, bei der eine junge Mutter zu Grabe getragen wurde. Für Silke Rogalla eine besondere Probe. „Meine Mutter ist früh gestorben – ich wollte gucken, ob ich das schaffe“, erzählt sie.

Mittlerweile hat sie bereits die ersten Reden gehalten. Und sie weiß: Es ist auch in Ordnung, beim Reden mal die ein oder andere Träne in den Augen zu haben. „Ich suche mir dann Ankerpunkte, um die Fassung zu behalten“, erklärt sie. Das sind schöne Momente, an die sie denkt. „Oft weine ich auch beim Schreiben der Reden, um meine Emotionen zu kanalisieren“, erzählt sie.

Eine Junge gab seinem Opi ein Plüschtier mit auf den Weg

Vor allem an eine Beerdigung, bei der sie die Rede hielt, erinnert sie sich immer wieder. Eine, die besonders emotional war. Gestorben war ein älterer Herr. Er hinterließ seine Ehefrau – aber der Frau war wichtig, dass es nicht allzu sehr um sie geht, sondern der sechs Jahre alte Enkel stark in die Zeremonie einbezogen wird. „Er sollte sich lange an den Opi erinnern“, sagt Silke Rogalla.

Also erzählte sie in der Rede die Geschichte eines Wasserkäfers, der zur Libelle wird – und immer wieder von oben aus der Luft zurück auf seine Freunde im Teich lächelt. „Ein paar Tränen herunterschlucken musste ich, als der Junge dem Opi am Grab noch einen Plüschhund mit auf den Weg gab“, sagt Silke Rogalla. „Da war ich auch sehr emotional.“

Statt Songtext nun Trauerrede

Die Hinterbliebenen nicht mit einem negativen Gefühl zurückzulassen, sondern in der Rede Trost zu spenden, das ist auch Katrin Lachmann ganz wichtig. Denn Silke Rogalla ist nicht die einzige, die angesichts des Lockdowns umgeschult hat. Auch Katrin Lachmann hat sich ihren Lebensunterhalt zuvor auf andere Weise verdient - als Sängerin. „Ich stand mit Helene Fischer auf der Bühne, habe als Vorprogramm für Cora gesungen, für Andreas Martin, für Andrea Jürgens“, erzählt sie. Auftritte, wie sie seit einem Jahr nicht mehr möglich sind.

Auch Katrin Lachmann hat schon länger eine Verbindung zum Thema Trauerreden. So arbeitet ihr Vater, der übrigens auch als Bautzener Weihnachtsmann bekannt war, schon seit Jahren als Trauerredner. „Das kannst du doch auch“, sagte er zu seiner Tochter – und so ging sie bei ihm in die Lehre.

Mit ihren Reden möchte Katrin Lachmann Trost spenden. Bevor sie Trauerreden hielt, stand sie als Sängerin auf der Bühne.
Mit ihren Reden möchte Katrin Lachmann Trost spenden. Bevor sie Trauerreden hielt, stand sie als Sängerin auf der Bühne. © Benny Conrad

„Ich schreibe auch viele Texte für meine Songs selber, das hat mir dabei geholfen“, sagt sie. Manchmal, da könne sie beides sogar miteinander verknüpfen: Wenn sie zur Trauerrede auch das passende Lied singt. „Ich möchte den Hinterbliebenen vermitteln, dass sie ihre Trauer auch zulassen dürfen. Dass das wichtig ist“, sagt Katrin Lachmann. Die Trauerreden – eine neue Aufgabe, die ihr viel zurückgebe.

Auch Silke Rogalla spricht davon, dass die Trauerreden eine Berufung für sie sind. Beide Frauen wollen daher auch nach der Pandemie damit weitermachen. Dennoch: Sie freuen sich - da sind sie sich einig - auch darauf, wieder Konzerte geben zu können und Besucher durch die Stadt zu führen.

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