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Scharfrichterhaus ist am Sonntag zu besichtigen

Die Kultur- und Heimatfreunde Neschwitz haben das historische Gebäude aus Lissahora gerettet. Nun laden sie am neuen Standort ins ungewöhnliche Fachwerk ein.

Arnd Matthes (l.) von der Stiftung Umgebindehaus und Dieter Petschel von der Projektgruppe Scharfrichterhaus der Heimatfreunde Neschwitz mit einem historischen und einem neuen Schwartenbrett. Das Scharfrichterhaus kann am Sonntag in Luga besichtigt werden
Arnd Matthes (l.) von der Stiftung Umgebindehaus und Dieter Petschel von der Projektgruppe Scharfrichterhaus der Heimatfreunde Neschwitz mit einem historischen und einem neuen Schwartenbrett. Das Scharfrichterhaus kann am Sonntag in Luga besichtigt werden © Miriam Schönbach

Neschwitz. Der feuchte Lehm schmatzt beim Hineinfassen. Immer wieder greift Nele Beitlich in den Bottich und verteilt die Masse im Fachwerk des Scharfrichterhauses. Auf der anderen Seite hält Karolin Simon dagegen. Normalerweise haben die Schülerinnen der Paulusschule in Königswartha jetzt Gemeinschaftskunde.

„Passt doch ganz gut, beim Ausfachen können wir nicht gegeneinander arbeiten, sonst hält es nicht“, sind sich die Jugendlichen einig. Mit ihrer Arbeit unterstützen sie an diesem Vormittag den Wiederaufbau des historischen Gebäudes aus Lissahora an der Bockwindmühle in Luga. Über den Fortschritt der ungewöhnlichen Baumaßnahme der Gemeinde Neschwitz können sich Interessierte beim Tag der offenen Tür am 26. September überzeugen.

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Nele Beitlich (l.) und Karolin Simon aus der Paulusschule in Königswartha helfen beim Ausfachen mit Lehm im wiederaufgebauten Scharfrichterhaus in Luga.
Nele Beitlich (l.) und Karolin Simon aus der Paulusschule in Königswartha helfen beim Ausfachen mit Lehm im wiederaufgebauten Scharfrichterhaus in Luga. © Miriam Schönbach

Mittendrin im Getümmel ist Arnd Matthes. Der Geschäftsstellenleiter der Stiftung Umgebindehaus hat die Projektgruppe „Scharfrichterhaus“ des Vereins „Kultur- und Heimatfreunde“ Neschwitz vom ersten Tag ihres Vorhabens an unterstützt. Zu den Fachwerkrettern gehört Dieter Petschel, der schnell beim Arbeitseinsatz vorbeischaut. „Das Haus hier wurde zuletzt an seinem alten Standort sozusagen nur noch mit einer Plane zusammengehalten. Zwei Mal haben wir es notgesichert, um es nicht dem Verfall preiszugeben. Wichtig war für uns, das Haus zu retten“, sagt er.

Schließlich zählt das Scharfrichterhaus zu den wenigen erhaltenen Fachwerkgebäuden nördlich von Bautzen – und hatte zudem im 18. Jahrhundert einen besonderen Eigentümer. Arnd Matthes zeigt auf den Türstock über dem Eingang. 1790 ist dort als Zahl zu sehen, darunter eine geschwungene Klinge.

August der Starke gab den Befehl zur Enthauptung

„Ich vermute, es soll eine Sense darstellen“, sagt der Fachwerkexperte. Die Sense als Symbol für den „Scharf- und Nachrichter“, wie dieser unehrliche Beruf seinerzeit genannt wurde. Die Recherchen haben Matthes und andere Heimatforscher auf die Spur von Christian Gottfried Untermann gebracht.

Jener quittierte am 16. Januar 1759 als „Scharf- und Nachrichter zu Wittichenau und Lissahora“ seine Kosten für eine angefallene Hinrichtung, darunter übrigens auch die Reisekosten nach Wittichenau. Im „Sagenbuch des Königreichs Sachsen“ von Alfred Meiche begegnet dem Leser in der Krabat-Sage wohl auch schon jener Sensenmann.

Dort heißt es: „Zur Hinrichtung berief Krabat den ihm bekannten alten Scharfrichter Bundermann aus Lissahora bei Reschwitz nach Dresden. Derselbe stand bei der elften Enthauptung bis über die Knöchel im Blute.“ Ja, Reschwitz, vielleicht sind eben nicht nur beim Bundermann und Untermann die Buchstaben durcheinandergestolpert. Den Befehl zur Enthauptung soll August der Starke gegeben haben.

Teile des Fachwerks vermutlich über 230 Jahre alt

Für Arnd Matthes gibt es aber noch mehr Indizien für den Scharfrichterfall. Denn auch das Überbleibsel einer Einfahrt für einen kleinen Handwagen hat sich über die Jahrhunderte im Fachwerk erhalten. „Es ist eben kein klassisches Bauernhaus, wie wir es aus dieser Zeit kennen. Durch diesen Eingang kam der Scharfrichter zum Beispiel mit Tierkadavern, für deren Entsorgung er wie auch für die Leerung der Fäkalien aus dem Schloss Neschwitz zuständig war“, sagt der Bauhistoriker. Bei seinen Untersuchungen ist er unter anderem unter der Treppe noch auf Tierknochen gestoßen.

Ganz aktuell hat Arnd Matthes Holzproben zur Altersbestimmung nach Potsdam geschickt, denn vermutlich sind Teile des Fachwerks noch viel älter als 230 Jahre. „Ich vermute, der Vorgängerbau wurde nach dem Dreißigjährigen Krieg errichtet“, sagt er.

Vom alten Fachwerk, Ziegeln, Granit und dem Lehm konnten gut 50 Prozent beim Abbau des Hauses erhalten werden. Nummeriert kamen die Einzelteile dann im Winter per Container in die Zimmerei Fricke im erzgebirgischen Thalheim. Nach der Generalüberholung begannen Ende Mai die Aufbauarbeiten am neuen Standort im Schatten der Lugaer Windmühle.

Der Lehm für das Ausfachen ist inzwischen fast alle. Neben der Sandmischung gehört in einen ordentlichem Fachwerkverputz noch eine gute Portion Stroh wie Kuhdung. „Da hat jeder Lehmbauer seine eigene Rezeptur“, sagt Arnd Matthes.

Auf die Unterstützung Ehrenamtlicher ist das Projekt angewiesen. Für Rückbau, Umsetzung und Wiederaufbau sind 96.000 Euro geplant, 50.000 Euro davon kommen aus der Leader-Förderung. Der fehlende Teil soll über Spenden eingeworben werden.

Rund 20.000 Euro fehlen noch, auch deshalb laden die Fachwerkhausretter am 26. September zum Tag der offenen Tür ein. Zwischen 13 und 18 Uhr sind stündlich kleine Führungen geplant – und einen Ausblick soll es auch geben. Bis Ende des Jahres soll die einstige Scharfrichterheimat wind- und wetterfest sein. Dann soll der Innenausbau folgen. Aber das ist vorläufig Zukunftsmusik.

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