SZ + Bautzen
Merken

Zirkusfamilie wegen Corona erneut in Not

Für Familie Köllner wiederholt sich gerade die traurige Erfahrung vom vorigen Jahr. Diesmal ist sie in Taubenheim gestrandet - und hofft erneut auf Hilfe.

Von Timotheus Eimert
 4 Min.
Teilen
Folgen
Jessica Köllner (vorn) und ihr Mann Jürgen (l.) wissen nicht, wie sie die nächsten Wochen mit ihrem Zirkus überleben sollen. Wegen der Corona-Beschränkungen dürfen sie derzeit nicht auftreten und sind in Taubenheim bei Sohland gestrandet.
Jessica Köllner (vorn) und ihr Mann Jürgen (l.) wissen nicht, wie sie die nächsten Wochen mit ihrem Zirkus überleben sollen. Wegen der Corona-Beschränkungen dürfen sie derzeit nicht auftreten und sind in Taubenheim bei Sohland gestrandet. © SZ/Uwe Soeder

Taubenheim. Das Zirkuszelt steht noch auf dem Platz neben der Turnhalle im Sohlander Ortsteil Taubenheim. Eigentlich wollte Familie Köllner mit ihrem Zirkus längst in Görlitz die Zelte aufgeschlagen haben. „Wir hatten unsere letzte Vorstellung am 21. November. Normalerweise hätten wir dann abgebaut und wären weiter nach Görlitz gefahren“, sagt Jessica Köllner.

Gemeinsam mit ihrem Mann Jürgen betreibt die 44-Jährige den kleinen Zirkus, der mit Akrobatik und Clownerie sowie vier Ponys, vier Hunden, vier Lamas, vier Rindern, zwei Ziegen, acht Tauben und einigen Hasen das Publikum zum Staunen bringen möchte. Eigentlich wäre das kleine Unternehmen vom 17. Dezember bis zum 9. Januar in Görlitz zu Gast gewesen. Doch nun ist die Familie in Taubenheim gestrandet.

Leben von Ersparnissen und Spenden

Denn am vergangenen Montag hat Jessica Köllner mit dem Gesundheitsamt in Görlitz telefoniert. Danach stand fest: Eine Absage des traditionellen Weihnachtszirkus ist aufgrund der derzeit dramatischen Corona-Situation unumgänglich. „Die Corona-Zahlen steigen. Wir sehen das auch. Aber es muss Lösungen geben, wie wir mit dem Virus leben können. Denn so sind wir nun schon das zweite Jahr in Folge mehr oder weniger unverschuldet in eine Notsituation gekommen“, sagt die vierfache Mutter.

Bereits im vergangenen Jahr war der kleine Familienzirkus in Bernstadt bei Löbau gestrandet. Auch damals durften die Zirkuskünstler nicht auftreten, Kulturveranstaltungen mit Publikum nicht stattfinden. Wie den Köllners erging es rund 350 weiteren Zirkusunternehmen in Deutschland. Und keine Auftritte bedeutet für einen Zirkus keine Einnahmen.

"Die Leute waren sehr großzügig"

Viele Unternehmen lebten von Ersparnissen und Spenden. „Wir konnten finanzielle Notsituationen bis zum damaligen Zeitpunkt auch mit Auftritten in Altenheimen, bei Seniorennachmittagen oder Kinderfesten gut ausgleichen, aber das war dann auch nicht mehr möglich“, erzählt Jürgen Köllner. So sei auch seine Familie auf fremde Hilfe angewiesen gewesen.

Die Familie erhielt Unterstützung aus der Bevölkerung. „Wir bekamen Heu, Hafer, Kleie, Möhren und Hundefutter für unsere Tiere. Die Leute waren sehr großzügig", sagt Jessica Köllner. Auch drei Grundstückseigentümer meldeten sich, um der Familie und ihren Tieren ein Winterquartier anzubieten. Schließlich kamen sie in Ludwigsdorf in einem alten LPG-Stall unter.

„Wir werden es diesmal nicht überleben“

Die Köllners waren überwältigt von der Hilfsbereitschaft. Ab August dieses Jahres durften sie dann wieder auftreten. In den letzten Wochen war der Zirkus vor allem in der Sächsischen Schweiz unterwegs. „Wir sind in Pirna, Lohmen, Neustadt, Dürrröhrsdorf-Dittersbach, Oppach und jetzt in Taubenheim aufgetreten“, berichtet Jürgen Köllner. Görlitz wäre nun die nächste Station gewesen. „Wir haben uns in der Region einen Namen erarbeitet. Unser Weihnachtszirkus in Görlitz ist mittlerweile bekannt“, meint der Familienvater.

Doch nun wisse die Familie nicht, wie es weitergehen soll. „Die Situation trifft uns noch härter als im vergangenen Jahr. Wenn wir im kommenden Jahr nicht auftreten können, werden wir es diesmal nicht überleben“, befürchtet Köllner. Die Familie sei deswegen nun umso mehr auf die Hilfe anderer angewiesen. „Wir waren zuversichtlich, dass wir in diesem Jahr keine Hilfe mehr benötigen, und eigentlich wollen wir auch keine Hilfe. Wir wollen auftreten und unser eigenes Geld verdienen“, meint der älteste Sohn Jason.

Gesucht wird wieder ein Winterquartier

Wie im vorigen Jahr suchen Köllners nun ein Winterquartier. Zwar haben sie eine Meldeadresse in Göda bei Bautzen. Doch dort holen sie nur ihre Post ab. „Ein eigenes Grundstück für ein Quartier können wir uns nicht leisten“, erklärt Jürgen Köllner. „Eine leere Fabrikhalle oder eine ungenutzte Scheune würde uns nun helfen“, ergänzt Ehefrau Jessica. Zwar dürfen sie nach Absprache mit der Gemeinde vorerst in Taubenheim bleiben. Doch damit ihre Vierbeiner geschützt vor Wind und Wetter die kalte Jahreszeit überstehen, brauchen sie eben eine leere Halle oder etwas ähnliches.

„Außerdem sind wir auch dankbar für Futterspenden wie Heu, Hafer, Stroh, Kraft- und Hundefutter für unsere Tiere“, sagt Jessica Köllner. Geldspenden würden ebenfalls helfen, da im Januar zahlreiche Versicherungen zu bezahlen seien.

Trotz der erneut finanziell schwierigen Situation habe die Familie noch nicht ans Aufhören gedacht. „Wir führen den Zirkus in der sechsten Generation. Und die siebte ist bereits unterwegs“, betont Jessica Köllner und zeigt auf den dicken Bauch ihrer Schwiegertochter Samantha. „Wir können uns ein Leben ohne den Zirkus nicht vorstellen“, fügt Jürgen Köllner hinzu.

Wer Familie Köllner mit Futter- oder Geldspenden oder einem Winterquartier helfen möchte, kann sich telefonisch unter 0177 8907148 oder per Mail melden.