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Kinderärzte warnen vor Corona-Ansturm

Darf mein Kind mit Schnupfen in die Kita? Auch im Landkreis Bautzen kommen Eltern häufiger als sonst zum Arzt. Aber wann ist das wirklich nötig?

Müssen Eltern wegen Corona mit ihrem Kind jetzt bei jedem Schnupfen zum Arzt? Auch im Landkreis Bautzen warnen Mediziner vor einem Ansturm auf die Praxen.
Müssen Eltern wegen Corona mit ihrem Kind jetzt bei jedem Schnupfen zum Arzt? Auch im Landkreis Bautzen warnen Mediziner vor einem Ansturm auf die Praxen. © SZ/Uwe Soeder

Bautzen. Eine triefende Nase ist bei Kindern so normal wie ein aufgeschrammtes Knie. Doch was ist in diesem Jahr schon normal? Kann nicht jeder Schnupfen auch auf eine mögliche Corona-Infektion hinweisen?

Der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte warnt bereits vor einer Überlastung der Kinderarztpraxen und zu vielen Corona-Tests im Herbst und Winter. In Fällen, in denen ein begründeter Verdacht auf Corona besteht, sei ein entsprechender Test sinnvoll, sagt Präsident Thomas Fischbach. Bei Kindern mit leichten Erkältungsanzeichen ohne konkreten Verdacht sei jedoch eine symptomatische Behandlung ausreichend und sinnvoll.

Stars im Strampler aus Bautzen
Stars im Strampler aus Bautzen

Auch in der letzten Woche sind Babys auf die Welt gekommen, die im Landkreis Bautzen zu Hause sind.

Jährliche Sommergrippe macht die Runde

Zurzeit macht etwa eine Sommergrippe die Runde, so wie jedes Jahr um diese Zeit. "Es gibt nun einmal Keime, die uns gern haben", weiß die Kamenzer Kinderärztin Dr. Claudia Lehmann. Trotzdem bringen mehr Eltern als sonst ihre Kinder in die Sprechstunde. Das liege vor allem daran, dass die Kindereinrichtungen aufmerksamer auf jedes mögliche Anzeichen einer Corona-Infektion achten. "Die Angst vor Corona-Infektionen ist bei den Kindereinrichtungen und Eltern schon oft präsent", sagt die Ärztin. Aber es sei keine Alternative, wie im Frühjahr alle wegzuschließen. "Da ist der psychische Schaden schnell größer als der medizinische Nutzen."

Aber im Gegensatz zum Frühjahr sei jetzt doch mehr Ordnung und Ruhe eingezogen, erklärt die Kamenzer Ärztin. Eine triefende Nase begründe noch keinen Corona-Verdacht. Erst wenn die Kinder sehr deutlich an Husten und Schnupfen leiden, empfiehlt Dr. Lehmann eine Konsultation mit dem Arzt. Und die sollte auf jeden Fall erst einmal telefonisch erfolgen, statt sich unangemeldet in die Sprechstunde zu setzen.

Ärzte müssen binnen Minuten entscheiden

Besuche beim Kinderarzt ohne vorherige Absprache passieren immer noch viel zu häufig, sagt eine Bautzener Medizinerin, die ungenannt bleiben möchte. "Unser Wartezimmer sitzt voll." Es kämen mehr Eltern mit ihren Kindern als in vergangenen Spätsommern in die Sprechstunde. "Sicher ist das wegen der Angst  vor Corona so."

Die Kirschauer Kinderärztin Verena Kuffner sieht in der "Unsicherheit, ob eine Corona-Infektion vorliegt, die größte Herausforderung. Es gibt keine sicheren , schnellen Tests auf dem Markt, die auch noch von den Krankenkassen bezahlt werden." In diesen Tagen würden einfache Virus-Infekte das Geschehen dominieren. Die Ärzte müssten aber innerhalb weniger Minuten entscheiden , ob ein Kind in die Kita oder Schule gehen darf.

Kinderärzte wie Verena Kuffner in Kirschau befürchten einen Ansturm auf ihre Praxen - wegen der bevorstehenden Erkältungszeit und der Ungewissheit, ob hinter Schnupfen und Husten vielleicht eine Corona-Infektion steckt.
Kinderärzte wie Verena Kuffner in Kirschau befürchten einen Ansturm auf ihre Praxen - wegen der bevorstehenden Erkältungszeit und der Ungewissheit, ob hinter Schnupfen und Husten vielleicht eine Corona-Infektion steckt. © SZ/Uwe Soeder

"Hier kann man sich nur auf seine Berufserfahrung und seinen gesunden Menschenverstand verlassen", sagt Verena Kuffner. "Wenn ich im Sinne der Sicherheit entscheide, habe ich auch oft den Unmut der Eltern auszuhalten. Die sind aber auch in einer Zwickmühle, da sie gern arbeiten wollen und eine Unbedenklichkeitsbescheinigung vorlegen sollen."

Ministerien geben Orientierungshilfe

Im Moment, so die Kirschauer Ärztin, "schreiben wir nur Atteste für alles und jeden! Da diese Atteste kostenpflichtig sind, gibt es auch dann wieder Diskussionen. Es macht keinen Spaß mehr."

Schnupfen, gelegentlichen Husten, Halskratzen und Räuspern sehen die sächsischen Ministerien für Gesundheit und Kultus noch nicht als Grund, um Kinder aus der Kita oder Schule zu nehmen. Beide Ministerien legten in dieser Woche eine Orientierungshilfe für Eltern vor. Erst wenn Symptome wie Fieber über 38 Grad Celsius, hartnäckiger Husten oder Kopfschmerzen auftauchen, sollten Kinder nicht mehr die Tagesstätte oder Schule besuchen. "Wichtig bleibt", heißt es in der Orientierungshilfe, "wie auch schon vor der Corona-Pandemie dürfen Kinder, die eindeutig krank sind, nicht in die Kinderbetreuung gebracht werden und auch nicht in die Schule gehen." Ob ein Kind einen Arzt benötigt, müssten zuerst die Eltern entscheiden.

Wachsamkeit ja, Panik nein

Dem Arzt obliegt es dann, einen Corona-Verdacht von einer herkömmlichen Erkältung zu unterscheiden. Aber, erklärt Katharina Bachmann-Bux von der Kassenärztlichen Vereinigung Sachsen: "In der Region ist derzeit die Gesamtzahl der Neuinfektionen mit dem Coronavirus nach wie vor als gering zu bewerten." Einen Corona-Test gebe es erst dann, wenn die Symptome durch den Arzt als begründeter Verdacht auf eine Infektion eingeschätzt werden.

Fazit des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte: Ein waches Auge auf Kinder mit Erkältungssymptomen ist angebracht, Panik nicht. "Im Herbst und Winter sorgen Infekte der Atemwege für Hochbetrieb in den Kinder- und Jugendarztpraxen", sagt Präsident Thomas Fischbach und beruft sich auf Daten des Zentralinstituts für die kassenärztliche Versorgung. "Die Auswertung zeigt, dass bei Kindern und Jugendlichen mehr als zwei von drei Infekten im Winter diagnostiziert werden", so Fischbach. Acht bis zwölf Infektionen pro Jahr machen Säuglinge und Kleinkinder demnach im Durchschnitt durch. Dazu kämen in diesem Jahr nun die Arztbesuche infolge der Corona-Pandemie. Grund genug für den Berufsverband, sich um die Überbelastung der Kinderärzte zu sorgen.

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