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Dem Wiedehopf geht's wieder gut

15 Jahre nach Beginn des Nisthilfe-Programms im Bautzener Heide- und Teichland hat sich sein Bestand erholt. Trotzdem ist eine "Vogelstreife" im Einsatz.

Im Bautzener Heide- und Teichland gibt es ein Nisthilfe-Programm für den Wiedehopf. Derzeit werden die Jungvögel beringt.
Im Bautzener Heide- und Teichland gibt es ein Nisthilfe-Programm für den Wiedehopf. Derzeit werden die Jungvögel beringt. © dpa/Miriam Schönbach

Lohsa. Eine tote Eidechse haben die Wiedehopf-Eltern ihrem piepsenden Nachwuchs als Zwischenmahlzeit dagelassen. Sie suchen nun Nahrung für sich selbst. Die kurze Abwesenheit der Alten nutzt Biosphärenreservats-Ranger Lorenz Richter, um flink die Siebenlinge aus dem extra aufgestellten Bruthöhle-Baumstumpf am Wiesensaum bei Lohsa im Norden des Landkreises Bautzen für die Beringung zu holen. Ein paar Schritte weiter hat Marko Zischewski von der Sächsischen Vogelschutzwarte seinen Arbeitsplatz im Gras eingerichtet.

"Normalweise kommen die Altvögel aller zwei Minuten mit Futter angeflogen. Jetzt sind die Jungvögel aber satt, und wir können die Störung so gering wie möglich halten", sagt der Experte.

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Vogel war in Deutschland fast ausgestorben

Federwaage, Messschieber und die Ringe liegen griffbereit. Richter überreicht Zischewski die piepsende Fuhre. "Sieben Küken sind viel. Ich schätze, sie sind gut 15 Tage alt", sagt er. Seit Anfang an begleitet der Landschaftsökologe das besondere Rückkehrer-Programm im Unesco-Biosphärenreservat Oberlausitzer Heide- und Teichlandschaft.

Der seltene Zugvogel mit seiner imposanten aufstellbaren Feder-Haube, dem langen gebogenen Schnabel und den schwarz-weiß gebänderten Flügeln galt lange Zeit in Deutschland als fast ausgestorben.

2006 stellten ehrenamtliche Ornithologen für die kleinen Vögel erste Nisthilfen in der Lausitz auf. Schon ein Jahr später zählten die Vogelschützer sieben Bruten in den eigens für den Wiedehopf aufgestellten Baumhöhlen. Heute reden sie von einer erholten Population in der Braunkohlenachfolgelandschaft.

© dpa/Miriam Schönbach

Der Beringer greift sich ein federleichtes Vögelchen. Der größte Kleine wiegt gerade einmal 58 Gramm - so viel wie etwa 20 Stück Würfelzucker. Die Störung in der Mittagsruhe honoriert er mit einem "Anschiss". "Eine typische Abwehrreaktion", kommentiert Zischewski. "Gegen Marder und andere Eindringlinge schützen sich die Kleinen zudem mit einem übelriechenden Sekret, das sie absondern".

Die anderen Kommentare widmet der 52-Jährige dem Tier und seinem Kollegen. Gewicht, Flügelspanne, Gesundheitszustand diktiert er Richter in seine Datensammlung. Zum Schluss des ersten Monitorings bekommt der Begutachtete noch den Ring ums Beinchen, dann kümmert sich Zischewski das nächste Geschwisterchen.

Vom Winterquartier in Afrika begibt sich der Wiedehopf jedes Jahr auf eine 8.000 Kilometer lange Reise, um auch hier seinen Brutplatz zu finden, erklärt Richter. "Ab April kontrollieren wir im Abstand von zehn Tagen die Nisthilfen, schauen nach den Altvögeln, kontrollieren die Weibchen in der Brutphase, die Jungvögel und nehmen die Verluste auf."

45 künstliche Nisthilfen werden beobachtet

Im Beobachtungsgebiet finden sich an Heideflächen und blütenreichen Wiesen 45 künstliche Nisthilfen - die meisten bei Lohsa im Heide- und Teichland. Betreut wird das Projekt durch die Sächsische Vogelschutzwarte, die Naturschutzstation Neschwitz, Ehrenamtler und das Biosphärenreservat.

Knapp 20 Brutpaare und 43 ausgeflogene Jungvögel - das war die Bilanz für 2020. Das Hauptverbreitungsgebiet des Wiedehopfs aber liegt wenige Kilometer weiter im Nachbarbundesland Brandenburg, wo nach Angaben des dortigen Landesamtes für Umwelt mehr als die Hälfte des bundesweiten Bestandes brütet. Der Dachverband Deutscher Avifaunisten - ein gemeinnütziger Zusammenschluss aller landesweiten oder regionalen ornithologischen Verbände in der BRD - geht deutschlandweit von 800 bis 950 Brutpaaren aus - Tendenz steigend.

In Ostdeutschland, vorrangig in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Brandenburg, in der Rheinebene von Rheinland-Pfalz und in Baden-Württemberg fühlt sich der Upupa epops - wie Experten zu ihm sagen - wohl. Sogar in Bayern hat er in diesem Frühjahr Zwischenstopps auf seiner Rückroute eingelegt. Früher gehörte der Wiedehopf zu fast jedem Dorf.

Landschaftsökologe Marko Zischewski beringt ein Wiedehopf-Küken.
Landschaftsökologe Marko Zischewski beringt ein Wiedehopf-Küken. © dpa/Miriam Schönbach

Die Entwicklung ist aber nur eine Momentaufnahme, weiß Frank Raden, der sich im Ehrenamt um die Wiedehopf-Beringung in der Tagebaulandschaft in Südbrandenburg kümmert. "Meine erste Runde ist durch, jetzt warten wir auf die zweite Brut", sagt der 63-Jährige.

In seiner Kindheit in den 1960er-Jahren habe er vereinzelt noch einige Exemplare gesehen, in den 70er-Jahren waren die Tiere nahezu komplett verschwunden. Der Umbruch von Grünland zu Ackerflächen hat ihren Lebensraum verkleinert, auch die Brutmöglichkeiten wurden immer weniger. Mit dem Aufstellen der Nesthöhlen haben die Sachsen und Brandenburger die Rückkehr leichter gemacht. Dennoch steht der Wiedehopf immer noch als gefährdet auf der Roten Liste.

Das Silbergras bei Lohsa wiegt sich in der Mittagssonne. Richter und Zischewski schauen sich um. Die Altvögel würden sich mit "HupHupHup" ankündigen. Auf der sandigen, trockenen Fläche hat der Wiedehopf einen guten Überblick bei der Nahrungssuche. Die kargen Tagebaunachfolgelandschaften zwischen Hoyerswerda und Bautzen eignen sich besonders gut zur Wiederansiedlung. In Zischewskis Hand hockt jetzt eine Mini-Wiedehopf von gerade einmal 25 Gramm, der den Schnabel weit aufreißt. Auch er bekommt einen Ring ans Bein.

Von der Erholung des Wiedehopf-Bestands in Sachsen spricht auch eine andere Zahl. Gut 200 Mails gab es nach dem Aufruf des Biosphärenreservats im Frühjahr, Sichtungen des Langschnabels zu melden. "Selbst aus dem Altenburger Land gab es Rückmeldungen. Die Vögel kann man wunderbar bei der Nahrungssuche im Garten beobachten", sagt der Ranger. Die Zahl dieser Sichtungen spricht auch dafür, dass sich die Naturbruten stabilisieren - und der Wiedehopf eben inzwischen auch ohne helfende Hände wieder Brutplätze findet.

Massiver Verlust an Artenvielfalt

Die inventarisierten Siebenlinge kommen zurück in ihre Bruthöhle, es geht mit dem Auto zum nächsten Standort. Bahngleise führen an dieser Höhle vorbei. Der Ranger schiebt die hölzerne Abdeckung zur Seite. Wieder schauen sieben Winzlinge aus dem Nest. Es scheint ein erfolgreiches Wiedehopf-Jahr zu werden. Nach ihrem Abflug im Herbst in den Süden werden die Experten die Daten auswerten.

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Die Küken sind noch zu klein zum Beringen, bei der nächsten Tour wird die Vogelstreife hier nochmals Halt machen. "Die Rückkehr des Wiedehopfs sieht auf den ersten Blick aus wie Idylle, aber es täuscht. Wir verzeichnen generell einen massiven Verlust an Artenvielfalt und Diversität", sagt Zischewski. Kiebitz, Feldlerche und viele andere Tiere würden gerade für immer verschwinden, Rückkehrhilfen mit menschlicher Unterstützung seien oft viel komplexer als beim Wiedehopf. "Und selbst bei ihm wissen wir nicht, ob seine Rückkehr nicht bloß eine Episode bleibt".

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