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So wird Wilthens Plattenbaugebiet attraktiv

Nach der Wende war das Neubauviertel eine Bürde. Heute ist es ein Schatz, sagt der Bürgermeister - und verrät die nächsten Pläne.

In Wilthens Plattenbaugebiet ist ein weiterer Block gefallen - der letzte, der abgerissen wird. Das war wichtig, findet Bürgermeister Michael Herfort, denn jetzt gibt es hier freie Sicht aufs Oberland.
In Wilthens Plattenbaugebiet ist ein weiterer Block gefallen - der letzte, der abgerissen wird. Das war wichtig, findet Bürgermeister Michael Herfort, denn jetzt gibt es hier freie Sicht aufs Oberland. © SZ/Uwe Soeder

Wilthen. Wo bis zum Dezember vergangenen Jahres noch ein grauer Sechs-Geschosser stand, arbeiten am verregneten Donnerstagmorgen im Wilthener Plattenbaugebiet zwischen Karl-Marx- und August-Bebel-Straße die Abrissbagger an der Beseitigung der letzten Schutthaufen.

Ein leerer Wohnblock vom Typ WBS 70 ist hier in den vergangenen Wochen dem Erdboden gleichgemacht worden. Der Letzte, der fallen musste, versichert Wilthens Bürgermeister Michael Herfort (CDU). Denn: "Mit jedem Block, den wir abreißen, vernichten wir eine Million Euro Vermögen der Stadt", sagt er und fügt hinzu: "Dieser aber war noch wichtig - wegen der Sicht."

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1.500 Neubau-Wohnungen wurden in den 1980er-Jahren im Wilthener Nordwesten errichtet, nur zwei Drittel davon sind heute noch übrig. "Es brauchte damals einen zentralen Wohnungsbau-Standort für das Oberland", erklärt Herfort, während er an Spielplätzen, Fußgängerpassagen und grünen Wiesen vorbeiführt.

Auf Wilthen fiel die Wahl, weil die Industriebetriebe der Stadt, insbesondere die hiesige Weinbrennerei, die Errichtung eines Heizwerkes gefordert hatten. Mit der Baugenehmigung einher ging die Verpflichtung zur Schaffung von Wohnraum. Der ließ sich während der folgenden 20 Jahre gut vermarkten - schließlich waren die Neubauwohnungen, in denen es Wasser aus der Wand und Wärme aus der Heizung gab, Sehnsuchtsort für viele.

Mit der Wende kam der Leerstand

Dann kam die Wende, und mit ihr einher ging die eigenwillige Karriere der Plattenbauten - das meint: Leerstand. Bereits in den frühen 1990er-Jahren erwies sich Wilthens Neubaugebiet als zu dicht bebaut und vor allem als zu groß, erzählt Herfort: "Zwei Blöcke, die als Wohnraum für 400 bis 600 vietnamesische Gastarbeiter fungiert hatten, standen plötzlich leer", sagt er. Und der Fortzug ging weiter. Auch die Einheimischen gingen weg: in den Westen oder ins Eigenheim im Umland.

"Damals war das Plattenbaugebiet eine Bürde für die Stadt", sagt der Bürgermeister heute. Aber, fährt er fort, sie sei auch ein Glück gewesen. Denn mit dem Bevölkerungswachstum in den 1980er-Jahren einher ging die Schaffung von Infrastruktur: Die Kita, die heute noch 323 Plätze für Krippe, Kindergarten und Hort bietet, entstand. Außerdem die Schule, die in der Folgezeit zum zentralen Gymnasial-Standort für das Oberland ausgebaut wurde.

"Die Stadt hat unter dem Wohnungsbau-Standort nicht gelitten, sondern an Bedeutung gewonnen", resümiert Herfort. Und dennoch sei der Umgang mit dem Wohngebiet unter veränderten Rahmenbedingungen eine Herausforderung gewesen. Denn die Anforderungen an den Wohnraum hätten sich im Laufe der Zeit geändert. Die Stadt versuchte zu reagieren: "Es wurde im Rahmen des Programms Stadtumbau Ost viel experimentiert", sagt der Bürgermeister und meint: Rückbau, Abriss und Aufwertung.

An zwei Blöcken in Wilthens Neubaugebiet wurden Fahrstühle angebracht.
An zwei Blöcken in Wilthens Neubaugebiet wurden Fahrstühle angebracht. © SZ/Uwe Soeder

Das Ergebnis der Bemühungen schindet Eindruck: Zwei Blöcke mit Fahrstühlen gibt es inzwischen. Im Erdgeschoss des einen sind vornehmlich Dienstleister untergebracht - Ärzte aller Art und Physiotherapeuten. Auch Friseur, Fußpflege und Kosmetik gibt es im Wohngebiet. Wer hier lebt, muss das Viertel nur zum Einkaufen verlassen. Ringsum wurde dem Blick Raum gegeben, weil bei einigen Blöcken die Stockwerke reduziert wurden. Spielplätze wurden errichtet, die Wohnungen modernisiert, die Fassaden farbig gestaltet.

Michael Herfort zeigt auf die grauen Riegel links und rechts des Abrissszenarios: "Die Wohnungen dort sind in den kommenden zwei bis drei Jahren Sanierungsobjekte. Auch, weil sie Schaufenster des gesamten Wohngebietes sind. Die wollen wir noch schick machen", sagt er und meint neben der städtischen Wohnbau-Gesellschaft auch die Genossenschaft, die hier ungefähr die gleiche Anzahl an Wohnungen vorhält wie die städtische Tochter.

Einige Blöcke wurden um mehrere Stockwerke verkleinert.
Einige Blöcke wurden um mehrere Stockwerke verkleinert. © SZ/Uwe Soeder

Denkbar ist in diesem Szenario viel: "Wir haben festgestellt, dass die ganz großen Wohnungen im Moment nicht so gefragt sind", erzählt Herfort. Und dennoch: Maisonette-Wohnungen über mehre Etagen sind in den Plattenbauten genauso möglich wie die Zusammenlegung von Wohneinheiten auf derselben Ebene. Das ist der Vorteil der DDR-Architektur: "Wir sind im Bau-Kubus unglaublich flexibel", sagt der Bürgermeister.

Und praktisch ist der Plattenbaustandort obendrein. Denn unter der Stadt befindet sich eine weitere. Dort verlaufen über Straßen und Gebäudegrenzen hinweg die Versorgungsleitungen von beispielsweise Wasser, Strom und Fernsehen. Der Vorteil: Für Wartungsarbeiten muss die Straße nicht aufgeschnitten werden.

Die Frage, sie muss erlaubt sein: Erlebt der Plattenbau gerade eine Renaissance? Herfort nickt. "Wilthens Neubaugebiet ist kein Problemviertel, sondern ein Mehrwert für die Stadt."

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